AUSWANDERERBLOG

Stephanie’s Pflanzplätz

Posted in Bauernland by ruedibaumann on Juni 25, 2014

Nach unserem Schweiz-Aufenthalt sieht der französische Gemüsegarten jeweils aus wie der amazonische Urwald. Aber nicht lange…

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vorher…

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nachher (Stephanie hat gejätet)…

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auch hier gab’s viel Arbeit…

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nachher. Übrigens: die automatische Tropfbewässerung hat einwandfrei funktioniert!

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Die Früchte der Arbeit: Cerises-Tomaten

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Coeur de boeuf

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Sardegna

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Zucchetti usw. usw….

 

 

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Ammerzwil, Ottiswil, Frauchwil,…

Posted in Bauernland by ruedibaumann on Juni 5, 2014

…Wierezwil, Rapperswil, Seewil, Dieterswil, Deisswil, Wiggiswil, Hofwil, Zuzwil, Iffwil, Bittwil, Allenwil, Winterswil, Bütschwil… Rundreise per Flyer, ca 50 km, schöne Bauernhöfe, Getreide-, Kartoffel-, Zuckerrüben, Sonnenblumen- und Rapsfelder, Heumatten und Weidzäune, Milch- und Mutterkühe, umgenutze Bauernhäuser, verglaste Tennstore, Rasenflächen und Schulhäuser… Sicht auf Alpenkranz und Jurakette, Bärnbiet schöni Heimat! Bild

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Wiedehopf

Posted in Bauernland by ruedibaumann on April 27, 2014

Er ist ein regelmässiger Gast auf unserem Hausplatz und in unserem Garten und er tönt so schön! Aber er ist ohne Zoom schwierig zu fotografieren…

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Wiedehopf

Die Vogelwarte Sempach kann’s besser und hier kann man sogar seinen Gesang hören… http://www.vogelwarte.com/wiedehopf.html

Traktoren

Posted in Bauernland by ruedibaumann on April 24, 2014

Man sagt, mein Grossvater hätte als einer der ersten Bauern bereits in den Dreissiger Jahren einen Traktor angeschafft, noch mit Eisenrädern und einer Kurbel zum Andrehen. Es war ein Schweizer Traktor, ein legendärer Hürlimann, natürlich noch ohne Hydraulik und Zapfwelle, aber bereits mit einem Mähbalken. Das Gefährt, mit Benzin und Petrol betrieben, war noch sehr schwerfällig, nicht so wendig wie heutige Modelle, entsprechend auch schwer zu steuern. Das Anlassen mit einer Kurbel war harte Männerarbeit, insbesondere wenn der Motor noch und noch nicht anspringen wollte. Der Kühlergrill war defekt und musste immer wieder mit Lehm verstopft werden, damit das Kühlwasser nicht auslief. Der alte Traktor stand eingeklemmt neben allerlei Werkzeugen und Gerätschaften im angebauten kleinen Traktorenschöpfli. Wegen der Feuergefahr hatte der Grossvater die Wände der Garage mit Blech verkleidet. Fahren mit dem unhandlichen Gefährt war fast nur dem Grossvater, dem Gutsbesitzer, vorbehalten.

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Es war für mich ein Riesenvergnügen und ich war auch sehr stolz darauf, als mein Vater begann, mit mir zusammen über die Anschaffung eines neuen Traktors zu sprechen. Ich glaube, ich kannte in dieser Zeit alle Traktorenprospekte auswendig. Aus den Inseraten schnitt ich die einzelnen Traktorenmodelle fein säuberlich aus, um sie dann nebeneinander in ein eigentliches Album zu kleben. Ich war mit meinem Vater der Meinung, wir sollten einen modernen englischen Massey-Ferguson kaufen, der Grossvater seinerseits war entschieden für einen neuen Hürlimann.

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Die Anschaffung eines Traktors ist finanziell für die meisten Bauernfamilien neben der Hofübernahme oder allfälligen Gebäudesanierungen eine grosse Belastung. Meine Eltern besorgten sich einen Teil des notwendigen Geldes mittels Darlehen von Geschwistern und Verwandten. Ich selber verstaute meinen kleinen Lohn in einer Blechbüchse und versteckte meine Ersparnisse ehrgeizig, um damit in ferner Zukunft selber einmal einen modernen Marolf Kippanhänger anschaffen zu können.

Im Frühjahr 1958 traf der neue Traktor bei uns ein, ein rot-grauer Massey-Ferguson, 35 PS, mit Hydraulik und Zapfwelle, mit Kriechgang und abnehmbarem Verdeck. Obschon ich erst zehnjährig war, galt ich von jetzt an als Haupttraktorführer auf unserem Betrieb. Mein Grossvater hielt noch zehn weitere Jahre an seinem alten Traktor fest, obschon er nicht mehr gebraucht wurde, während sich mein Vater wie bisher vor allem auf die Arbeiten mit den beiden Freiberger-Zugpferden konzentrierte. Man war damals überzeugt, dass sich die Pferde nie ganz durch die Traktoren ersetzen lassen würden. Viele leichtere Feldarbeiten wie säen, walzen, hacken usw. wurden denn auch nach wie vor mit Hilfe der Pferde ausgeführt. Man setzte schwere Maschinen damals noch sehr zurückhaltend ein, um Bodendruckschäden zu vermeiden.

Ich genoss die Feldarbeiten mit dem neuen Traktor. Das Pflügen, die Bodenbearbeitung mit Bodenfräse, das Eggen, das Mähen und die Heuarbeiten, alles ging plötzlich so ring. Ich blieb mit Vergnügen bis spät am abend auf dem Feld, auf „meinem“ Traktor, wenn ich nur nicht in den Stall musste. Selbstverständlich war ich auch sofort für alle Servicearbeiten zuständig. Es ist wohl dieser hingebungsvollen Pflege zu verdanken, dass der Traktor über zwei Jahrzehnte problemlos funktionierte. Langsam aber stetig wurden im Laufe der Zeit die schweren landwirtschaftlichen Arbeiten mechanisiert. Bald einmal brauchte man die Pferde nur noch, weil man sie täglich bewegen musste und nicht, weil sie für einen bestimmten Arbeitseinsatz unentbehrlich waren. Dafür stiegen die Maschinenkosten an, so dass man sich auf manchen Höfen verschuldete und es darob zum Streit und Generationenkonflikten in der Familie kam.

Die Weiterentwicklung der Mechanisierung landwirtschaftlicher Arbeiten hatte in meiner Generation eine überragende Bedeutung. Der technische Fortschritt war enorm, denken wir nur an die Veränderungen in den Erntearbeiten: innert einiger weniger Jahrzehnte von der Sichel zum Mähdrescher bei der Getreideernte, von der Stechgabel zum Zuckerrübenvollernter, vom Handmelken über die Melkmaschine zum Melkroboter usw.. Die Väter versuchten in der Anschaffung von Maschinen mitzuhalten, um die Bauernarbeit zu erleichtern, den Beruf gerade für ihre Söhne und Töchter attraktiver zu machen, letztlich vielleicht auch, um die Hofnachfolge zu sichern. Das war bei uns nicht anders.

Die Landwirtschaftlichen Lehrjahre verbrachte ich Welschland, auf – für schweizerische Verhältnisse – einem Grossbetrieb. Jetzt war ich Traktorführer auf einem neuen Hürlimann…

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… und einem Bührer Traktor, beides noch Schweizer Fabrikate.

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Bei meinem ersten Auslandsaufenthalt auf einer englischen Farm in Devon tuckerte ich meistens mit einem IHC über die grossen Felder…

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22 Jahre nach der Anschaffung „meines“ ersten Traktors, habe ich am Tag von Kilians Geburt einen neuen Traktor gekauft. Einen Renault, mit heizbarer Kabine, mit Frontlader und 65 PS. Während ich noch in der Küche mit dem Maschinenvertreter über den Preis verhandelte, wartete Stephanie im Schlafzimmer ungeduldig darauf, dass ich sie endlich ins Spital fahren würde.

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Natürlich musste ich irgend einmal auch noch den Massey Ferguson ersetzen…

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Und  nochmal 21 Jahre später habe ich hier in Frankreich, an Weihnachten 2001, wieder einen Massey-Ferguson gekauft, mit viel Elektronik, Wendegetriebe, Klimaanlage, Bordcomputer und 120 PS. Rein ökonomisch gesehen eine nur schwer zu rechtfertigende Anschaffung. Aber so ist es eben: In einem Bauernleben können nicht nur wirtschaftliche Gründe massgebend sein. Arbeitsfreude, Zukunftsglauben, Besitzerstolz, Nostalgie und anderes spielen mit. Insbesondere, wenn es um Traktoren geht.

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Gartenarbeit

Posted in Bauernland by ruedibaumann on April 23, 2014

Vorher: morgens um acht Uhr

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Während: morgens um Zehn

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Mindestens eine Tonne gut verrotteter Kuhmist eingearbeitet…

Nachher: um 16 Uhr ist alles parat für 60 Tomatensetzlinge

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Motormäher

Posted in Bauernland by ruedibaumann on April 5, 2014

BauernlandDas Weiden der Kühe war zu meiner Jugendzeit nicht sehr verbreitet. Durch unsere Milchsammelstelle wäre das auch besonders problematisch gewesen: Die Kühe hätten beim Auslassen den Vorplatz verschmutzt, was die Käsereikunden sicher nicht sehr geschätzt hätten. Für die Stallfütterung musste jeden Tag ein grosses Fuder Gras gemäht, zusammengerecht, aufgeladen, heimgeführt, abgeladen und Gabel um Gabel in die Krüpfe der Kühe verfrachtet werden. Mein Vater rückte jeweils am Abend nach dem Nachtessen mit der Sense aus, um das nötige Gras zu schneiden. Manchmal nahm er gleichzeitig sein riesiges Musikinstrument mit, den B-Bass, damit er vor oder nach dem Mähen direkt vom Feld zum Übungslokal der Musikgesellschaft gehen konnte. Morgens noch vor sechs Uhr, wenn der Vater die zwei Pferde anspannte, um das Gras heimzuholen, weckte er uns Buben. indem er Kieselsteine ans Fenster warf, wo sie mit einem trockenen Knall abprallten und mir regelmässig einen kurzen Kriegstraum bescherten, bevor ich halbwegs wach wurde. Dieser Klang hat mich auch später in den Träumen noch jahrelang verfolgt. Wenn ich etwas ähnliches hörte, schrecke ich sofort auf mit dem Gedanken: go grase!

Dieses morgendliche Ritual begann für uns, als wir in die vierte oder fünfte Klasse kamen, also im Alter von elf oder zwölf Jahren. Als vorgesehener Hofnachfolger war ich öfter beim Grasen dabei als mein Bruder, für einen künftigen Bauer war es auch ein wenig Ehrensache, immer möglichst früh aufzustehen. Die Fahrt mit dem Pferdefuhrwerk im Morgennebel lief noch in recht gemächlichem Tempo ab. Wenn eine Grasparzelle etwas weiter vom Hof entfernt lag, mussten wir uns nachher sehr beeilen, damit wir rechtzeitig um halb acht in der Schule eintrafen.

Deshalb war es geradezu eine technische Revolution, als mein Vater eines schönen Tages einen kleinen Motormäher heimbrachte, der das Grasmähen schon fast zu einem Kinderspiel machte. Der Zweitaktmotor rauchte zwar erbärmlich; und bei hohem Gras mussten wir Kinder jeweils neben dem Mäher herlaufen und mit einer Holzgabel das geschnittene Gras vom Messerbalken weg nach hinten ziehen, damit es nicht den Balken verstopfte. Wenn die Messer in einen Mäusehaufen gerieten, hielt mein Vater kurz an, und wir mussten die Erde mit den Fingern aus dem Mähbalken herauskratzen. Der Motor lief weiter, während der Vater den Kupplungshebel gedrückt hielt. Nur eine kleine falsche Bewegung hätte unweigerlich zu einer Katastrophe geführt. Es scheint mir heute noch ein kleines Wunder, dass diese tägliche Prozedur all die Jahre hindurch ohne grössere Unfälle über die Bühne ging und wir immer noch alle Finger haben.

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Der Motormäher war „meine“ erste Maschine. Ich putzte, schmierte, pflegte sie täglich und weil die starken Schüttelbewegungen zu beträchtlichem Verschleiss diverser Halteschrauben führten, waren auch häufig kleine Reparaturen nötig. Regelmässig habe ich Benzin nachgetankt und die Messer ausgewechselt und geschliffen. Über und über verschmiert mit Öl und Fett war ich immer sehr stolz, den Käsereikunden meine technischen Fähigkeiten als Mechaniker an der kleinen Wundermaschine zu zeigen. Unser erster Motormäher dankte uns die liebevolle Pflege mit jahrzehntelangen treuen Diensten. Als ich später, nach mehr als zwanzig Jahren, für Ersatz sorgen musste, baute ich den noch guten Motor aus und verstaute ihn in der Scheuneneinfahrt. Dort ist er heute noch, ein Fossil, das vielleicht eines Tages zu neuem Leben erwacht.

 

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Erbsenfuder

Posted in Bauernland by ruedibaumann on März 27, 2014

BauernlandDer traditionelle Berner Bauernhof ist ausgesprochen vielseitig und damit auch unendlich arbeitsintensiv. Als Kind kam es mir so vor, als sei dies alles kaum zu schaffen. Bevor eine grössere Arbeit erledigt war, wartete ungeduldig schon die nächste. Und es war alles schwere Knochenarbeit. Gerade war man noch am Heuen – und schon begann die Getreideernte. Zuerst die Gerste, dann der Roggen, später der Weizen, und alles von Hand, ohne Mähdrescher. Dazwischen wollten die Kartoffeln angegraben werden, Frühkartoffeln, Speisekartoffeln, Futterkartoffeln. Kaum war ein Feld abgeerntet, begannen die Vorbereitungen für die Neuanpflanzung. Zuerst das Ausbringen der Hofdünger: Mit der Gabel Mist aufladen, abladen, zetten. Dann das Pflügen, am Anfang noch mit dem Selbsthalterpflug, dann die Saatbeetvorbereitung mit dem Pferdegespann, immer zu Fuss über die schweren Schollen. Später folgte die aufwendige Ernte der Runkelrüben: Jede einzelne Rübe von Hand ausgraben, das Laub abschneiden, mit dem Messer reinigen, auf die Bänne laden, heimtransportieren, auf einer Rutsche in den Runkelkeller hinunterlassen. Von dort wurden sie in den Wintermonaten wieder die steile Kellertreppe hinaufgetragen, jeden Tag fünf Körbe voll. Mit dem Rübenschnetzler wurden sie zerkleinert, mit Weizenspelzen gemischt, in der Futtertenne in eine saubere Reihe geschichtet und dann als Gläck endlich in die Krüpfe geschaufelt. Diese Arbeiten galten als Kinderämtli.

Das Zuckerrübenfeld war viel grösser als der Runkelacker und die einzelnen Zuckerrüben viel stärker im Boden verwurzelt als die Futterrüben. Dafür hatte hier bereits eine einfache Mechanisierung begonnen. Das Rübenlaub wurde mit einem pferdegezogenen, messerbestückten Schlitten abgeschnitten und die Rüben mit dem umgebauten Kartoffelroder aus dem Boden gegraben. Dennoch war auch hier noch viel von Hand zu erledigen. Die Rüben mussten einzeln gereinigt, dann mit  Schaufeln auf das Pferdefuhrwerk geladen, am Feldrand zu grossen Haufen geschichtet, später wieder auf einen Wagen geladen, zur Bahnstation gefahren und für den Transport in die Zuckerfabrik Aarberg auf einen Bahnwagen verladen werden. Das Rübenlaub wurde auf dem Hof in eine gefährliche Häckselmaschine geschoben und unter ohrenbetäubendem Lärm ins Silo befördert, als Futtervorrat für die Kühe in den Wintermonaten.

Im Berner Seeland wurde diese breite Palette von Aufgaben noch ergänzt durch den Anbau unterschiedlichster Gemüsesorten. Wir produzierten auf unserem Betrieb grossflächig Konservenerbsen. Sobald sie reif waren, mähten wir die Erbsenstauden und luden sie am Abend auf zwei grosse Fuder, die wir in der Nacht zur Konservenfabrik in Kerzers brachten. Der Transport und die Verarbeitung der Erbsen mussten während der kühlen Nachtstunden erfolgen, damit sich das Erntegut nicht zu stark erwärmte und verdarb. Diese nächtlichen Reisen, immerhin etwa zwanzig Kilometer, gehörten für uns Kinder zu den abenteuerlichsten Jugenderfahrungen. Der Vater steuerte den Traktor, wir Buben sassen in dicke Decken gehüllt hoch oben auf einer Erbsenladung. Mitgenommen haben wir natürlich immer dicke Wurst- und Käsebrote und Milchkaffee in der Thermoskanne. Die nächtliche Welt sah von diesem Hochsitz anders aus, geheimnisvoll. Gelegentlich glitten die Lichter der Strassenlaternen über unser Bett aus Erbsenstroh, die Dörfer lagen in tiefem Schlaf, kaum sahen wir ein beleuchtetes Fenster, und von vorne kam das vertraute Dröhnen des Traktors. Wir hörten genau, wenn wieder eine Steigung überwunden werden musste. Anheimelnd riechende Tabakrauchschwaden von den Zigaretten unseres Vaters wehten zu uns.

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Das Areal der Konservenfabrik war morgens um zwei Uhr mit Scheinwerfern hell erleuchtet. Auf Förderbändern verschwand unsere Ernte in der Fabrik,  wo die Erbsen in einem unsichtbaren mechanischen Prozess von ihren Hüllen befreit und direkt in Konservendosen abgefüllt wurden. Bei den manuellen Arbeiten halfen Männer aus der Strafanstalt Bellechasse. Sie trugen gestreifte Sträflingskleidung wie im Film. Waren sie Betrüger, Räuber oder sogar Mörder? Schüchtern neugierig beobachteten wir diese Männer in ihren pyjamaartigen Kleidern und fragten uns respektvoll, aber auch etwas ängstlich, was sie wohl getan hatten und warum. Wegen des Fabriklärms wurde kaum gesprochen.

Das gedroschene Erbsenstroh konnten wir gleich wieder aufladen und als Rinderfutter mit nach Hause nehmen. Die Fuder waren deshalb auf der Rückfahrt durchs Seeland immer noch fast so gross wie zuvor, und wir sassen wieder obenauf. Morgens um vier waren einzelne Bauern schon an der Arbeit und rüsteten im Tenn Karotten. Wenn am Morgen der Nebel aufzog, vergruben wir uns tief in das Erbsenstroh und schliefen manchmal ein.

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Geissenpeter

Posted in Bauernland by ruedibaumann on März 17, 2014

BildIm grossen Saal des Gasthofs zum ‚Bären’, wo jeweils die Theatervorführungen der Musikgesellschaft stattfanden und die Kulissen das ganze Jahr über auf der Bühne stehen blieben, wurde uns Schulkindern einmal im Jahr ein Film gezeigt. Das waren am Anfang noch Schwarzweissfilme, abgespielt von einem ratternden Projektor. Sie waren von den vielen Vorführungen so abgenutzt, dass über die Bilder auf der Leinwand senkrechte Streifen liefen, als würde es in dem Film immerzu regnen. Meinen ersten Film überhaupt habe ich in diesem Saal gesehen, ein Film über den Geissenpeter. Die weissen Saanenziegen gefielen mir sehr, und wie die dem Geissenpeter und der Heidi aufs Wort gehorchten! Peter brauchte nur in sein Kuhhorn zu blasen und schon kam die kleine Ziegenherde angetrippelt. Von da an bestürmte ich meine Eltern, und danach alle Verwandten und Bekannten mit der Idee, wir müssten doch auch solche Ziegen im Stall haben, oder zumindest schon mal eine.

Restaurant_Bären_Grossaffoltern_Positiv_Max-Liniger_Leder-Etui 1.tiff Als erstes schenkte mir meine Grosstante so ein Kuhhorninstrument, mit dem man die Ziegen rufen konnte. Das Horn roch zwar ähnlich fürchterlich wie die Knochenstampfi der Düngerfabrik in unserem Dorf, aber ich trug es trotzdem gern mit mir herum und fühlte mich schon ein wenig als Geissenpeter. Und tatsächlich schenkte mir mein Götti Otti eines Tages ein kleines Zicklein. Ich verwöhnte das Tier nach Strich und Faden, aber es gelang mir trotzdem nicht, ihm beizubringen, auf den Lockruf meines Kuhhorns zu hören. So musste ich für meine (Alp)spaziergänge  in der Hostet der Inselmatt die Geiss am Strick führen. Das wurde aber zusehends schwieriger, weil die Ziege schnell wuchs und immer kräftiger wurde. Schliesslich gab es herzigen Geissennachwuchs und ich konnte endlich mit dem Ziegenmelken beginnen; so hatte ich es mir zumindest vorgestellt. Aber das zickige Tier stand immer wieder in den Melkeimer, und statt eines vollen Kessels weiss schäumender Milch blieb mir oft nur eine erbärmlich bräunlich-weisse Flüssigkeit, angereichert mit Tränen der Verzweiflung.Kariertes_Album_Baumanns_Ruedi_Ziege_1

Seither weiss ich, dass das Leben kein Film ist. Die Ziegengeschichte wurde mir von meinen Eltern während der ganzen frühen Jugendzeit noch vorgehalten, weil ich, wie sie sagten, nach und nach meine Betreuungspflichten im Ziegenstall vernachlässigt und sogar, als das Tier gemetzget werden musste, es erst zwei Tage später gemerkt hätte.

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Das blieb nicht meine einzige Jugendsünde. Mein Bruder und ich warfen einmal mit Rossäpfeln nach den Mädchen, die bei uns die Milch abholten. Und weil das Brigittli ein Milchkesseli ohne Deckel hatte, kam die Mutter stracks mit ihrem Töchterchen in die Milchsammelstelle zurück und zeigte allen, die es sehen wollten, die Bescherung. Es setzte ein Donnerwetter für uns beide, aber ich bin heute noch überzeugt, dass mein Bruder die Hauptschuld trug.

Auf meine Kappe ging allerdings die Eiergeschichte. Ich musste einen Korb Hühnereier in die Landwirtschaftliche Genossenschaft bringen. Heimlich nahm ich das Fahrrad, statt zu Fuss zu gehen, wie mir aufgetragen war. Leider wurden auf dem holprigen Transport einige Eier leicht beschädigt. Jedenfalls wollte der Genossenschaftsverwalter nur die ganzen Eier übernehmen und bezahlen. Auf dem Heimweg überlegte ich, die übrigen Eier lieber gleich zu entsorgen, da sie ja nicht mehr zu gebrauchen waren. Ausserdem wollte ich schon lange einmal sehen, wie Eier zerplatzen, wenn man sie mit Karacho gegen eine Wand wirft. Ich warf sie also mit grossem Schwung ein paar Schulmädchen vor die Füsse, nicht, um sie zu treffen, sondern, um sie zu beeindrucken. Aber die Eier wollten nicht dahin, wo ich sie hinwarf. Eiweiss und Eigelb klebte an Röcken und Kinderstrümpfen. Natürlich blieb diese Tat zu Hause nicht verborgen, schon weil das Eiergeld nicht stimmte, aber auch, weil Schulmädchen immer alles rätschen müssen.

Heute muten diese Streiche vielleicht harmlos an, wie viele der alten Lausbubengeschichten. Aber damals wurden sie gar nicht als so harmlos wahrgenommen und waren ein Teil der Vorbereitung aufs Leben.

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Grasfuder

Posted in Bauernland by ruedibaumann on März 15, 2014

BildNeben dem Büscheli-Birnbaum vor der Tenne, auf dem Kiesweg, der leicht gegen das Haus hin abfällt, wurden nach dem Grasen die Pferde ausgespannt und die Bremsen des Wagens fest angezogen. Dort blieb das Grasfuder manchmal lange stehen, bis dann zur Fütterungszeit das Scheunentor geöffnet und der schwere Graswagen von Hand in die Tenne gezogen wurde. Wir Kinder, noch im Vorschulalter, spielten ausgelassen zwischen Bach, Misthaufen,  Stall und Scheune und neben und unter dem Fuder. Der Brügiwagen hatte eine mechanische Bremskurbel, die mich magisch anzog. Ich versuchte, sie zu bewegen, und ich weiss noch, wie ich meinen Spielkameraden stolz zurief: Seht, wie ich hier drehen kann! Noch währenddessen spürte ich, wie sich das schwere Fuder langsam bewegte. Ich stemmte mich mit aller Kraft dagegen, ohne Erfolg. Dass ich die Bremskurbel einfach hätte wieder zudrehen sollen, fiel mir in der Schrecksekunde gar nicht ein, sie befand sich ohnehin gefährlich nahe beim grossen Rad. Der Wagen begann zu rollen, immer schneller, auf das geschlossene Scheunentor zu. Zuerst durchbrach die eisenbeschlagene Pferdedeichsel die dicken Holzbretter. Es krachte fürchterlich. Der ganze Wagen krachte durchs Tor, das eichenharte Fürgstütz zersplitterte. Mit grosser Wucht prallte das Fuder gegen Beton, das Gras ergoss sich in einem Schwall über die Kuhköpfe und in die Futterkrüpfe. Dann endlich war es still.

Geschockt stand ich vor dem Unheil. Mein Vater, mit umgebundenem Melkschemel und halbvollem Kessel in der Hand, lief in grossen Schritten  heran und schaute dabei so finster, wie ich es noch nie an ihm gesehen hatte. Er stiess sein strengstes und gröbstes Schimpfwort aus: Schnuderhüng! Die ganze Familie und andere Zaungäste eilten herbei. Meine Scham vor all den Leuten war grenzenlos. Ich musste, schwerste Strafe bei Baumanns, sofort ohne Nachtessen ins Bett.

Mein Grossvater, erfahren in Schreinerarbeiten, zimmerte in den nächsten Tagen  aus schön geschwungenem Eichenholz ein neues Fürgstütz für unseren Graswagenund versah die Pferdedeichsel  mit neuem Eisenbeschlag . Das Scheunentor wurde geflickt. Über dreissig Jahre lang erinnerten die hell leuchtenden neuen Fichtenholzbretter im alten, dunkel verwitterten Torrahmen mich und alle Besucher an meine grösste Schmach. Erst 1986 haben wir bei der Renovation des Ökonomieteils unseres Hofs das  geschichtsträchtige Holztor mit den beiden runden Oberlichtern endgültig entfernt.

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Grossfamilie

Posted in Bauernland by ruedibaumann on März 12, 2014

Bauernland      Wir lebten alle in einem Haushalt:  meine Eltern, die Grosseltern, meine beiden Geschwister, der um anderthalb Jahre ältere Bruder Kurt und die um drei Jahre jüngere Schwester Ruth, jeweils ein oder zwei Lehrlinge aus dem Welschland und die Jumpfer Sophie. Während der grossen Arbeiten sassen oft noch weitere Helfer am langen Küchentisch, Verwandte oder Taglöhnerinnen.

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Auch wegen der Milchsammelstelle und dem Anken- und Käseverkauf war bei uns immer viel Betrieb. Unser Hof war sozusagen das Dorfzentrum von Suberg. Manchmal mussten die Käsereikunden auf die Milch warten, weil noch kein Bauer mit seiner Kanne oder Brännte aufgekreuzt war, und so standen sie dann mit ihren leeren Milchkesseli  im Stallgang und brichteten mit meinem Vater, der am Melken war. Das behinderte zwar regelmässig unsere Stallarbeiten, das nahmen wir aber gerne in Kauf, weil wir dafür laufend über die Neuigkeiten aus aller Welt und über den Dorfklatsch informiert wurden.

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Zudem machte der Bruder meines Vaters, der Posthalter und mein Götti, jeden Tag auf seiner Posttour mit dem schweren schwarzen Velo bei uns eine kurze Pause.

Otti war nebenher Dirigent der grossen Dorfmusikgesellschaft, mein Vater der Präsident,  so dass oft und viel über die Subergmusig geredet wurde. Wir berieten am Familientisch die neuen Uniformen des Musikvereins, Farbmuster wurden herumgereicht, Federn für den Hutschmuck begutachtet, Stoffe ausgewählt. Die fertige Uniform sah fantastisch aus und war für die damalige Zeit etwas ganz besonderes: schwarze Hosen mit einem breiten gelben Nahtstreifen, ein schwarzer Kittel mit gelben Zierschnüren und Epauletten, auf dem Hut steckte ein aufrechter schwarzgelber Federnbusch. Auf die Subergmusig mit ihren über fünfzig aktiven und noch viel mehr passiven Mitgliedern ist das Dorf heute noch zurecht stolz.

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Mein Bruder und ich waren in jungen Jahren auch eine Zeit lang fleissige Musikanten und übten täglich auf Zugposaune, Flügelhorn und Cornet. Zweimal wurde in unserer Gemeinde das seeländische Musikfest durchgeführt, für das ganze Dorf ein Riesenereignis, das die Dorfgemeinschaft gut ein halbes Jahr lang beschäftigte. Wir Schulkinder durften bei der Marschmusikdemonstration auf der abgesperrten Dorfstrasse vor dem jeweiligen Musikkorps und vor den Ehrendamen die Schrifttafeln mit den Namen der Teilnehmer tragen. Ich trug das Schild der Musig von Sutz-Lattrigen und absolvierte nervös, aber konzentriert meinen ersten und keineswegs den einfachsten öffentlichen Auftritt. Ich musste im Takt der Marschmusik vorausschreiten,  beim Kommando „Achtung, Vorwärts, Marsch!“ im richtigen Moment mit dem richtigen (linken) Bein  beginnen und darauf  achten, dass das Musikkorps im richtigen Abstand auch immer noch nachfolgte, und durfte mich nicht durch die Zurufe der zahlreichen Zuschauer am Strassenrand irritieren lassen!

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Das Zusammenleben in einer Grossfamilie funktioniert allerdings nicht immer im Gleichtakt und zur selben Melodie. Die Spannungen zwischen dem Hofbesitzer, meinem Grossvater, der nicht loslassen konnte, und meinen Eltern, die fast zeitlebens als Pächter von ihm abhängig waren und nicht frei entscheiden konnten, waren zahlreich. Das ging so weit, dass meine Eltern gelegentlich erwogen, auszuwandern, aber sie unternahmen nie ernsthaft entsprechende Schritte . Ich glaube, dass die Eltern uns Kindern das nicht antun wollten. Sie haben stattdessen einfach die Zähne zusammengebissen, wenn der Grossvater bei einem  notwendigen Stallumbau oder bei einer betrieblichen Umstellung sein Veto einlegte. Wegen solcher Erfahrungen war für mich immer klar, dass ich später nie gemeinsam mit den Eltern in einem Haushalt leben wollte und dass ich nie lange Lächemaa auf einem Hof sein, sondern möglichst bald Eigentümer werden wollte, auch wenn das zumindest am Anfang mit einer hohen finanziellen Belastung verbunden ist. Sein eigener Herr und Meister sein, selber über alles entscheiden können, nicht abhängig sein von einem Hofbesitzer, das alles macht den Bauernberuf erst attraktiv.

Im Kanton Bern steht häufig neben dem Bauernhaus das Stöckli, das Altenteil. Eine ideale Lösung um Generationenkonflikte zu vermeiden und trotzdem die ältere Generation als Chummerzhilf in der Nähe zu haben. Wir hatten kein Stöckli zur Verfügung. Wir mussten uns wohl oder übel im gemeinsamen Haushalt anpassen und lernen, Rücksicht zu nehmen.

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