AUSWANDERERBLOG

Geissenpeter

Posted in Bauernland by ruedibaumann on März 17, 2014

BildIm grossen Saal des Gasthofs zum ‚Bären’, wo jeweils die Theatervorführungen der Musikgesellschaft stattfanden und die Kulissen das ganze Jahr über auf der Bühne stehen blieben, wurde uns Schulkindern einmal im Jahr ein Film gezeigt. Das waren am Anfang noch Schwarzweissfilme, abgespielt von einem ratternden Projektor. Sie waren von den vielen Vorführungen so abgenutzt, dass über die Bilder auf der Leinwand senkrechte Streifen liefen, als würde es in dem Film immerzu regnen. Meinen ersten Film überhaupt habe ich in diesem Saal gesehen, ein Film über den Geissenpeter. Die weissen Saanenziegen gefielen mir sehr, und wie die dem Geissenpeter und der Heidi aufs Wort gehorchten! Peter brauchte nur in sein Kuhhorn zu blasen und schon kam die kleine Ziegenherde angetrippelt. Von da an bestürmte ich meine Eltern, und danach alle Verwandten und Bekannten mit der Idee, wir müssten doch auch solche Ziegen im Stall haben, oder zumindest schon mal eine.

Restaurant_Bären_Grossaffoltern_Positiv_Max-Liniger_Leder-Etui 1.tiff Als erstes schenkte mir meine Grosstante so ein Kuhhorninstrument, mit dem man die Ziegen rufen konnte. Das Horn roch zwar ähnlich fürchterlich wie die Knochenstampfi der Düngerfabrik in unserem Dorf, aber ich trug es trotzdem gern mit mir herum und fühlte mich schon ein wenig als Geissenpeter. Und tatsächlich schenkte mir mein Götti Otti eines Tages ein kleines Zicklein. Ich verwöhnte das Tier nach Strich und Faden, aber es gelang mir trotzdem nicht, ihm beizubringen, auf den Lockruf meines Kuhhorns zu hören. So musste ich für meine (Alp)spaziergänge  in der Hostet der Inselmatt die Geiss am Strick führen. Das wurde aber zusehends schwieriger, weil die Ziege schnell wuchs und immer kräftiger wurde. Schliesslich gab es herzigen Geissennachwuchs und ich konnte endlich mit dem Ziegenmelken beginnen; so hatte ich es mir zumindest vorgestellt. Aber das zickige Tier stand immer wieder in den Melkeimer, und statt eines vollen Kessels weiss schäumender Milch blieb mir oft nur eine erbärmlich bräunlich-weisse Flüssigkeit, angereichert mit Tränen der Verzweiflung.Kariertes_Album_Baumanns_Ruedi_Ziege_1

Seither weiss ich, dass das Leben kein Film ist. Die Ziegengeschichte wurde mir von meinen Eltern während der ganzen frühen Jugendzeit noch vorgehalten, weil ich, wie sie sagten, nach und nach meine Betreuungspflichten im Ziegenstall vernachlässigt und sogar, als das Tier gemetzget werden musste, es erst zwei Tage später gemerkt hätte.

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Das blieb nicht meine einzige Jugendsünde. Mein Bruder und ich warfen einmal mit Rossäpfeln nach den Mädchen, die bei uns die Milch abholten. Und weil das Brigittli ein Milchkesseli ohne Deckel hatte, kam die Mutter stracks mit ihrem Töchterchen in die Milchsammelstelle zurück und zeigte allen, die es sehen wollten, die Bescherung. Es setzte ein Donnerwetter für uns beide, aber ich bin heute noch überzeugt, dass mein Bruder die Hauptschuld trug.

Auf meine Kappe ging allerdings die Eiergeschichte. Ich musste einen Korb Hühnereier in die Landwirtschaftliche Genossenschaft bringen. Heimlich nahm ich das Fahrrad, statt zu Fuss zu gehen, wie mir aufgetragen war. Leider wurden auf dem holprigen Transport einige Eier leicht beschädigt. Jedenfalls wollte der Genossenschaftsverwalter nur die ganzen Eier übernehmen und bezahlen. Auf dem Heimweg überlegte ich, die übrigen Eier lieber gleich zu entsorgen, da sie ja nicht mehr zu gebrauchen waren. Ausserdem wollte ich schon lange einmal sehen, wie Eier zerplatzen, wenn man sie mit Karacho gegen eine Wand wirft. Ich warf sie also mit grossem Schwung ein paar Schulmädchen vor die Füsse, nicht, um sie zu treffen, sondern, um sie zu beeindrucken. Aber die Eier wollten nicht dahin, wo ich sie hinwarf. Eiweiss und Eigelb klebte an Röcken und Kinderstrümpfen. Natürlich blieb diese Tat zu Hause nicht verborgen, schon weil das Eiergeld nicht stimmte, aber auch, weil Schulmädchen immer alles rätschen müssen.

Heute muten diese Streiche vielleicht harmlos an, wie viele der alten Lausbubengeschichten. Aber damals wurden sie gar nicht als so harmlos wahrgenommen und waren ein Teil der Vorbereitung aufs Leben.

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