AUSWANDERERBLOG

„Die Welt aus den Angeln“

Posted in Literatur by ruedibaumann on Februar 3, 2023

Im Buch von Philipp Blom habe ich einige sehr interessante und bedenkenswerte Überlegungen und Zitate gelesen. Unter anderem steht da zum Philosophenkönig Voltaire folgendes:

Als Gebildeter musste er an die Märchen der Kirche nicht glauben, aber er wollte, dass das einfache Volk es auch weiterhin tat. „Das Christentum ist sicherlich die lächerlichste, absurdeste und blutigste Religion, die jemals die Welt infiziert hat“, schrieb er an Friederich den Grossen, und fügte hinzu: „Ich sage das nicht zum Gesindel, das es nicht wert ist, aufgeklärt zu werden, und dem jedes Joch passt, ich sage es unter Ehrenmännern, unter Männern, die nachdenken.“

Das gemeine Volk, so Voltaire, sei einfach moralisch zu schwach und zu dumm, ohne Religion zu leben: „Der Mensch braucht immer eine Bindung und auch wenn es lächerlich ist, Faunen, Waldgöttern und Najaden zu opfern, ist es doch vernünftiger, diese fantastischen Bilder anzubeten, als in den Atheismus abzusinken.“

Zum Glück zähle ich mich zu den Atheisten und schätze die Denkanstösse des Philipp Blom. Voltaire („Les Oeuvre Philosophique“) musste ich vor mehr als einem halben Jahrhundert im Abendgymnasium lesen (auf französisch…).

Begriffen habe ich sie nie.

Passion des mots, passion de la vie

Posted in Literatur, Uncategorized by ruedibaumann on Oktober 1, 2022

Text von Bernard Pivot
·
Vieillir, c’est chiant.
J’aurais pu dire :
vieillir, c’est désolant,
c’est insupportable,
c’est douloureux, c’est horrible,
c’est déprimant, c’est mortel.
Mais j’ai préféré « chiant » parce que c’est un adjectif vigoureux qui ne fait pas triste.
Vieillir, c’est chiant parce qu’on ne sait pas quand ça a commencé et l’on sait encore moins quand ça finira.
Non, ce n’est pas vrai qu’on vieillit dès notre naissance.
On a été longtemps si frais, si jeune, si appétissant.
On était bien dans sa peau.
On se sentait conquérant. Invulnérable.
La vie devant soi. Même à cinquante ans, c’était encore très bien. Même à soixante.
Si, si, je vous assure, j’étais encore plein de muscles, de projets, de désirs, de flamme.
Je le suis toujours, mais voilà, entre-temps –
mais quand – j’ai vu le regard des jeunes, des hommes et des femmes dans la force de l’âge qu’ils ne me considéraient plus comme un des leurs, même apparenté, même à la marge.
J’ai lu dans leurs yeux qu’ils n’auraient plus jamais d’indulgence à mon égard.
Qu’ils seraient polis, déférents, louangeurs, mais impitoyables. Sans m’en rendre compte, j’étais entré dans „l’apartheid de l’âge“.
Le plus terrible est venu des dédicaces des écrivains, surtout des débutants.
« Avec respect »,
« En hommage respectueux »,
« Avec mes sentiments très respectueux ».
Les salauds ! Ils croyaient probablement me faire plaisir en décapuchonnant leur stylo plein de respect ?
Les cons !
Et du « cher Monsieur Pivot » long et solennel comme une citation à l’ordre des Arts et Lettres qui vous fiche dix ans de plus !
Un jour, dans le métro, c’était la première fois, une jeune fille s’est levée pour me donner sa place.
J’ai failli la gifler….
Puis la priant de se rassoir, je lui ai demandé si je faisais vraiment vieux, si je lui étais apparu fatigué.
« Non, non, pas du tout, a-t-elle répondu, embarrassée.
J’ai pensé que… » Moi aussitôt :
«Vous pensiez que…?
— Je pensais, je ne sais pas, je ne sais plus, que ça vous ferait plaisir de vous assoir.
– Parce que j’ai les cheveux blancs?
– Non, c’est pas ça, je vous ai vu debout et comme vous êtes plus âgé que moi, ç’a été un réflexe, je me suis levée…-Je parais beaucoup beaucoup plus âgé que vous?
–Non, oui, enfin un peu, mais ce n’est pas une question d’âge… –Une question de quoi, alors?
– Je ne sais pas, une question de politesse, enfin je crois…»
J’ai arrêté de la taquiner, je l’ai remerciée de son geste généreux et l’ai accompagnée à la station où elle descendait pour lui offrir un verre.
Lutter contre le vieillissement c’est, dans la mesure du possible, Ne renoncer à rien.
Ni au travail, ni aux voyages,
Ni aux spectacles, ni aux livres,
Ni à la gourmandise, ni à l’amour, ni au rêve.
Rêver, c’est se souvenir tant qu’à faire, des heures exquises. C’est penser aux jolis rendez-vous qui nous attendent.
C’est laisser son esprit vagabonder entre le désir et l’utopie.
La musique est un puissant excitant du rêve.
La musique est une drogue douce.
J’aimerais mourir, rêveur, dans un fauteuil en écoutant
soit l’adagio du Concerto no 23 en la majeur de Mozart,
soit, du même, l’andante de son Concerto no 21 en ut majeur, musiques au bout desquelles se révèleront à mes yeux pas même étonnés les paysages sublimes de l’au-delà.
Mais Mozart et moi ne sommes pas pressés. Nous allons prendre notre temps.
Avec l’âge le temps passe, soit trop vite, soit trop lentement. Nous ignorons à combien se monte encore notre capital.
En années? En mois? En jours?
Non, il ne faut pas considérer le temps qui nous reste comme un capital.
Mais comme un usufruit dont, tant que nous en sommes capables, il faut jouir sans modération.
Après nous, le déluge? Non, Mozart.

(Der Text kann mit DeepL übersetzt werden. Ich würde allerdings „chiant“ weniger höflich übersetzen…)

Text von Bernard Pivot

Alt werden ist langweilig.
Ich hätte auch sagen können:
altern, c’est désolant,
es ist unerträglich,
es ist schmerzhaft, es ist schrecklich,
es ist deprimierend, es ist tödlich.
Aber ich habe „langweilig“ vorgezogen, weil es ein kräftiges Adjektiv ist, das nicht traurig macht.
Älter werden ist langweilig, weil man nicht weiß, wann es angefangen hat, und noch weniger weiß man, wann es enden wird.
Nein, es stimmt nicht, dass wir von Geburt an alt werden.
Man war lange Zeit so frisch, so jung, so appetitlich.
Man fühlte sich wohl in seiner Haut.
Man fühlte sich erobernd. Unverwundbar.
Das Leben lag vor einem. Selbst mit fünfzig war man noch sehr gut. Selbst mit sechzig.
Doch, doch, ich versichere Ihnen, ich war immer noch voller Muskeln, Pläne, Wünsche und Feuer.
Ich bin es immer noch, aber siehe da, in der Zwischenzeit -.
aber wann – sah ich in den Augen der jungen Leute, der Männer und Frauen im besten Alter, dass sie mich nicht mehr als einen der ihren betrachteten, nicht einmal als verwandt, nicht einmal als am Rande stehend.
Ich sah in ihren Augen, dass sie mir gegenüber nie wieder Nachsicht walten lassen würden.
Sie würden höflich, nachgiebig, lobend, aber unbarmherzig sein. Ohne es zu merken, war ich in die „Apartheid des Alters“ eingetreten.
Am schrecklichsten waren die Widmungen von Schriftstellern, vor allem von Anfängern.
„Mit Respekt“,
“ In respektvoller Huldigung „,
“ Mit meinen sehr respektvollen Gefühlen „.
Diese Bastarde! Wahrscheinlich dachten sie, sie würden mir eine Freude machen, indem sie ihren Stift voller Respekt entkapselten?
Diese Idioten!
Und das „Lieber Herr Pivot“, das so lang und feierlich ist wie eine Ehrung im Orden der Künste und der Literatur, die Ihnen zehn weitere Jahre beschert!
Eines Tages stand in der Metro – es war das erste Mal – ein junges Mädchen auf, um mir ihren Platz zu geben.
Ich hätte sie fast geohrfeigt…..
Dann bat ich sie, sich wieder hinzusetzen, und fragte sie, ob ich wirklich alt aussehe, ob ich ihr müde erschienen sei.
Nein, nein, überhaupt nicht“, antwortete sie verlegen.
Ich dachte, dass …“ Ich sofort:
„Sie dachten, dass …?
— Ich dachte, ich weiß nicht, ich weiß nicht mehr, dass es Ihnen gefallen würde, sich zu setzen.

  • Weil ich weiße Haare habe?
  • Nein, das ist es nicht, ich habe Sie stehen sehen und da Sie älter sind als ich, war es ein Reflex, ich bin aufgestanden…-Ich sehe viel viel älter aus als Sie?
    -Nein, ja, ein bisschen, aber das ist keine Frage des Alters… -Eine Frage von was dann?
  • Ich weiß nicht, eine Frage der Höflichkeit, zumindest glaube ich das…“
    Ich hörte auf, sie zu necken, bedankte mich für ihre großzügige Geste und begleitete sie zur Haltestelle, wo sie ausstieg, um ihr einen Drink zu spendieren.
    Gegen das Altern zu kämpfen bedeutet, wenn möglich, auf nichts zu verzichten.
    Weder auf Arbeit noch auf Reisen,
    Weder auf Aufführungen noch auf Bücher,
    Weder auf die Völlerei, noch auf die Liebe, noch auf das Träumen.
    Träumen heißt, sich an die schönen Stunden zu erinnern, wenn man schon dabei ist. Es bedeutet, an die schönen Rendezvous zu denken, die auf uns warten.
    Es bedeutet, den Geist zwischen Sehnsucht und Utopie schweifen zu lassen.
    Musik ist eine starke Erregung des Traums.
    Musik ist eine weiche Droge.
    Ich würde gerne verträumt in einem Sessel sterben und dabei Folgendes hören
    entweder das Adagio aus Mozarts Konzert Nr. 23 in A-Dur,
    oder das Andante seines Konzerts Nr. 21 in C-Dur, Musik, an deren Ende sich meinen nicht einmal erstaunten Augen die erhabenen Landschaften des Jenseits offenbaren werden.
    Aber Mozart und ich haben es nicht eilig. Wir werden uns Zeit lassen.
    Mit dem Alter vergeht die Zeit, entweder zu schnell oder zu langsam. Wir wissen nicht, wie viel Kapital wir noch haben.
    In Jahren? In Monaten? In Tagen?
    Nein, wir sollten die Zeit, die uns noch bleibt, nicht als Kapital betrachten.
    Wir sollten es als ein Nutznießungsrecht betrachten, das wir, solange wir dazu in der Lage sind, ohne Mäßigung genießen sollten.
    Nach uns die Sintflut? Nein, Mozart.

Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

Im Westen nichts Neues

Posted in Literatur, Politik by ruedibaumann on August 12, 2022

In heissen und kriegerischen Zeiten kann es nicht schaden, alte Bücher wieder zu lesen! Antikriegsliteratur ist notwendiger den je, wenn immer mehr aufgerüstet, gedroht und gekämpft wird!

Auf jedem Dorfplatz in Frankreich stehen die Soldatendenkmäler mit den Namen der jungen Leute, die im Ersten (la grande guerre) und Zweiten Weltkrieg ihr Leben verloren haben! 

Etwa tausend Bücher…

Posted in Literatur by ruedibaumann on August 4, 2022

… haben sich im laufe der Jahre hier bei uns in Frankreich angesammelt. Darunter sind natürlich auch alte Bestseller wie beispielsweise Bücher von Erich Maria Remarque https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Maria_Remarque

Eben habe ich seinen Roman „Der Himmel kennt keine Günstlinge“ wieder gelesen. In diesen kriegerischen Zeiten werde ich mir demnächst auch „Im Westen nichts Neues“ wieder zu Gemüte führen.. Das Antikriegsbuch wurde 1929 geschrieben, war in der Nazizeit verboten und wurde öffentlich verbrannt. Zum Glück gibt’s noch Bücher. Alte und neue!

Ikarien

Posted in Literatur by ruedibaumann on Juli 20, 2022

„Ikarien“ ist ein Roman von Uwe Timm (https://de.wikipedia.org/wiki/Ikarien_(Roman), eine Zeitreise durch die deutsche Geschichte, eine ganz eigene Sicht auf die „Stunde Null“ – ebenso erschreckend wie berührend.

Uwe Timm hat mich schon mit seinen anderen Romanen: „Die Erfindung der Currywurst“ und „Vogelweide“ begeistert (siehe Hinweise in diesem Blog).

Ich kann „Ikarien“ allen Geschichtsinteressierten vorbehaltlos empfehlen!

Graue Bienen

Posted in Literatur by ruedibaumann on Juni 21, 2022

Eindrücklicher Roman von dem russisch/ukrainischen Schriftsteller Andrey Kurkow https://de.wikipedia.org/wiki/Andrij_Kurkow

„Der Bienenzüchter Sergej lebt im Donbass, wo ukrainische Kämpfer und prorussische Separatisten Tag für Tag aufeinander schießen. Er überlebt nach dem Motto: Nichts hören, nichts sehen – sich raushalten. Ihn interessiert nur das Wohlergehen seiner Bienen. Denn während der Mensch für Zerstörung sorgt, herrscht bei ihnen eine weise Ordnung. Eines Frühlings bricht er auf: Er will die Bienen dorthin bringen, wo sie in Ruhe Nektar sammeln können.“ (Klappentext)

Ein Buch das mithilft, den Irrsinn des von Putin angezettelten Ukrainekriegs besser zu verstehen.

Sein Thema sind die Leiden der Zivilbevölkerung in der Ostukraine. Er beschreibt den Alltag kleiner Leute, die zwischen die Frontlinie geraten sind. 

„Leben ist ein unregelmässiges Verb“

Posted in Literatur by ruedibaumann on Mai 1, 2022

Klappentext

Eine Aussteiger-Kommune auf dem Land, 1980: Die Behörden entdecken vier Kinder, die versteckt vor der Welt aufgewachsen sind. Ihre Schicksale werden auf Schlagzeilen reduziert, doch Frida, Ringo, Leander und Linus sind vor allem Menschen mit eigenen Geschichten. Aus der Isolation in die Wirklichkeit geworfen, blicken sie staunend um sich. Und leben die unterschiedlichsten Leben an zahllosen Orten: In Pflegefamilien und Internaten, auf Inseln und Bergen, als Hassende und Liebende. Wie finden sich Verlorene in der Welt zurecht?

Der neueste Roman von Rolf Lappert ist ein fast tausendseitiges Monumentalwerk. Für mich grosse Literatur!

In enormer epischer Breite werden über vierzig Jahre hinweg sorgfälig miteinander verwobene Lebensläufe beschrieben: detailgenau, liebevoll, ausufernd!

Man braucht Zeit, das Buch zu lesen. Und um sich nicht in der Vielgestaltigkeit zu verlieren kann man sich nicht lange Unterbrechungen leisten. Kein Problem, der Roman entwickel einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann! Wenn man Zeit hat, unbedingt lesen!

Siehe auch: https://auswandererblog.ch/2010/11/04/nach-hause-schwimmen/

„Die Erfindung des Ungehorsams“

Posted in Literatur by ruedibaumann on April 12, 2022
Ich habe das Buch gelesen, das übrigens mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde, und bin unschlüssig: Habe ich jetzt das alles verstanden? Zweifellos originell, überraschend, manchmal unverständlich, manchmal poetisch. Aber urteilen Sie selber!

„Ich bleibe hier“

Posted in Literatur by ruedibaumann on März 3, 2022

„Ein idyllisches Bergdorf in Südtirol – doch die Zeiten sind hart. Die Leute werden vor die Wahl gestellt: entweder nach Deutschland auszuwandern oder als Bürger zweiter Klasse in Italien zu bleiben. Trina entscheidet sich für ihr Dorf, ihr Zuhause. Als die Faschisten ihr verbieten, als Lehrerin tätig zu sein, unterrichtet sie heimlich. Und als ein Energiekonzern für einen Stausee Felder und Häuser überfluten will, leistet sie Widerstand – mit Leib und Seele.“ (Klappentext)

Erstaunlich wie sich ein junger mailänder Schriftsteller in das Bauernleben im Vinschgau im letzten Jahrhundert vertiefen kann. Leise und berührend. Ich war noch nie im Südtirol, aber ich glaube ich sollte mal hinfahren.

HOUELLEBECQ : anéantir

Posted in Literatur by ruedibaumann on Februar 5, 2022

Ich habe den neuen Roman von Michel Houellebecq „Vernichten“ gelesen. Auf französisch notabene, („anéantir“). 730 Seiten Melancholie, Familientragödien, Politik, Krankheit, Tod, Sex und Plädoier gegen Sterbehilfe, Geheimdienst und Zukunftszenario für die französische Politik. Die Geschichte spielt im Jahr der übernächsten französischen Präsidentschaftswahle 2027.

Ich weiss, die Rezensor*innen sind sich einmal mehr gar nicht einig: extrem langweilig bis aufwühlend grandios.

Mich hat das Buch fasziniert (nicht alles). Aber lesen Sie selbst.