AUSWANDERERBLOG

Motormäher

Posted in Bauernland by ruedibaumann on April 5, 2014

BauernlandDas Weiden der Kühe war zu meiner Jugendzeit nicht sehr verbreitet. Durch unsere Milchsammelstelle wäre das auch besonders problematisch gewesen: Die Kühe hätten beim Auslassen den Vorplatz verschmutzt, was die Käsereikunden sicher nicht sehr geschätzt hätten. Für die Stallfütterung musste jeden Tag ein grosses Fuder Gras gemäht, zusammengerecht, aufgeladen, heimgeführt, abgeladen und Gabel um Gabel in die Krüpfe der Kühe verfrachtet werden. Mein Vater rückte jeweils am Abend nach dem Nachtessen mit der Sense aus, um das nötige Gras zu schneiden. Manchmal nahm er gleichzeitig sein riesiges Musikinstrument mit, den B-Bass, damit er vor oder nach dem Mähen direkt vom Feld zum Übungslokal der Musikgesellschaft gehen konnte. Morgens noch vor sechs Uhr, wenn der Vater die zwei Pferde anspannte, um das Gras heimzuholen, weckte er uns Buben. indem er Kieselsteine ans Fenster warf, wo sie mit einem trockenen Knall abprallten und mir regelmässig einen kurzen Kriegstraum bescherten, bevor ich halbwegs wach wurde. Dieser Klang hat mich auch später in den Träumen noch jahrelang verfolgt. Wenn ich etwas ähnliches hörte, schrecke ich sofort auf mit dem Gedanken: go grase!

Dieses morgendliche Ritual begann für uns, als wir in die vierte oder fünfte Klasse kamen, also im Alter von elf oder zwölf Jahren. Als vorgesehener Hofnachfolger war ich öfter beim Grasen dabei als mein Bruder, für einen künftigen Bauer war es auch ein wenig Ehrensache, immer möglichst früh aufzustehen. Die Fahrt mit dem Pferdefuhrwerk im Morgennebel lief noch in recht gemächlichem Tempo ab. Wenn eine Grasparzelle etwas weiter vom Hof entfernt lag, mussten wir uns nachher sehr beeilen, damit wir rechtzeitig um halb acht in der Schule eintrafen.

Deshalb war es geradezu eine technische Revolution, als mein Vater eines schönen Tages einen kleinen Motormäher heimbrachte, der das Grasmähen schon fast zu einem Kinderspiel machte. Der Zweitaktmotor rauchte zwar erbärmlich; und bei hohem Gras mussten wir Kinder jeweils neben dem Mäher herlaufen und mit einer Holzgabel das geschnittene Gras vom Messerbalken weg nach hinten ziehen, damit es nicht den Balken verstopfte. Wenn die Messer in einen Mäusehaufen gerieten, hielt mein Vater kurz an, und wir mussten die Erde mit den Fingern aus dem Mähbalken herauskratzen. Der Motor lief weiter, während der Vater den Kupplungshebel gedrückt hielt. Nur eine kleine falsche Bewegung hätte unweigerlich zu einer Katastrophe geführt. Es scheint mir heute noch ein kleines Wunder, dass diese tägliche Prozedur all die Jahre hindurch ohne grössere Unfälle über die Bühne ging und wir immer noch alle Finger haben.

Bild

Der Motormäher war „meine“ erste Maschine. Ich putzte, schmierte, pflegte sie täglich und weil die starken Schüttelbewegungen zu beträchtlichem Verschleiss diverser Halteschrauben führten, waren auch häufig kleine Reparaturen nötig. Regelmässig habe ich Benzin nachgetankt und die Messer ausgewechselt und geschliffen. Über und über verschmiert mit Öl und Fett war ich immer sehr stolz, den Käsereikunden meine technischen Fähigkeiten als Mechaniker an der kleinen Wundermaschine zu zeigen. Unser erster Motormäher dankte uns die liebevolle Pflege mit jahrzehntelangen treuen Diensten. Als ich später, nach mehr als zwanzig Jahren, für Ersatz sorgen musste, baute ich den noch guten Motor aus und verstaute ihn in der Scheuneneinfahrt. Dort ist er heute noch, ein Fossil, das vielleicht eines Tages zu neuem Leben erwacht.

 

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