AUSWANDERERBLOG

Traktoren

Posted in Bauernland by ruedibaumann on April 24, 2014

Man sagt, mein Grossvater hätte als einer der ersten Bauern bereits in den Dreissiger Jahren einen Traktor angeschafft, noch mit Eisenrädern und einer Kurbel zum Andrehen. Es war ein Schweizer Traktor, ein legendärer Hürlimann, natürlich noch ohne Hydraulik und Zapfwelle, aber bereits mit einem Mähbalken. Das Gefährt, mit Benzin und Petrol betrieben, war noch sehr schwerfällig, nicht so wendig wie heutige Modelle, entsprechend auch schwer zu steuern. Das Anlassen mit einer Kurbel war harte Männerarbeit, insbesondere wenn der Motor noch und noch nicht anspringen wollte. Der Kühlergrill war defekt und musste immer wieder mit Lehm verstopft werden, damit das Kühlwasser nicht auslief. Der alte Traktor stand eingeklemmt neben allerlei Werkzeugen und Gerätschaften im angebauten kleinen Traktorenschöpfli. Wegen der Feuergefahr hatte der Grossvater die Wände der Garage mit Blech verkleidet. Fahren mit dem unhandlichen Gefährt war fast nur dem Grossvater, dem Gutsbesitzer, vorbehalten.

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Es war für mich ein Riesenvergnügen und ich war auch sehr stolz darauf, als mein Vater begann, mit mir zusammen über die Anschaffung eines neuen Traktors zu sprechen. Ich glaube, ich kannte in dieser Zeit alle Traktorenprospekte auswendig. Aus den Inseraten schnitt ich die einzelnen Traktorenmodelle fein säuberlich aus, um sie dann nebeneinander in ein eigentliches Album zu kleben. Ich war mit meinem Vater der Meinung, wir sollten einen modernen englischen Massey-Ferguson kaufen, der Grossvater seinerseits war entschieden für einen neuen Hürlimann.

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Die Anschaffung eines Traktors ist finanziell für die meisten Bauernfamilien neben der Hofübernahme oder allfälligen Gebäudesanierungen eine grosse Belastung. Meine Eltern besorgten sich einen Teil des notwendigen Geldes mittels Darlehen von Geschwistern und Verwandten. Ich selber verstaute meinen kleinen Lohn in einer Blechbüchse und versteckte meine Ersparnisse ehrgeizig, um damit in ferner Zukunft selber einmal einen modernen Marolf Kippanhänger anschaffen zu können.

Im Frühjahr 1958 traf der neue Traktor bei uns ein, ein rot-grauer Massey-Ferguson, 35 PS, mit Hydraulik und Zapfwelle, mit Kriechgang und abnehmbarem Verdeck. Obschon ich erst zehnjährig war, galt ich von jetzt an als Haupttraktorführer auf unserem Betrieb. Mein Grossvater hielt noch zehn weitere Jahre an seinem alten Traktor fest, obschon er nicht mehr gebraucht wurde, während sich mein Vater wie bisher vor allem auf die Arbeiten mit den beiden Freiberger-Zugpferden konzentrierte. Man war damals überzeugt, dass sich die Pferde nie ganz durch die Traktoren ersetzen lassen würden. Viele leichtere Feldarbeiten wie säen, walzen, hacken usw. wurden denn auch nach wie vor mit Hilfe der Pferde ausgeführt. Man setzte schwere Maschinen damals noch sehr zurückhaltend ein, um Bodendruckschäden zu vermeiden.

Ich genoss die Feldarbeiten mit dem neuen Traktor. Das Pflügen, die Bodenbearbeitung mit Bodenfräse, das Eggen, das Mähen und die Heuarbeiten, alles ging plötzlich so ring. Ich blieb mit Vergnügen bis spät am abend auf dem Feld, auf „meinem“ Traktor, wenn ich nur nicht in den Stall musste. Selbstverständlich war ich auch sofort für alle Servicearbeiten zuständig. Es ist wohl dieser hingebungsvollen Pflege zu verdanken, dass der Traktor über zwei Jahrzehnte problemlos funktionierte. Langsam aber stetig wurden im Laufe der Zeit die schweren landwirtschaftlichen Arbeiten mechanisiert. Bald einmal brauchte man die Pferde nur noch, weil man sie täglich bewegen musste und nicht, weil sie für einen bestimmten Arbeitseinsatz unentbehrlich waren. Dafür stiegen die Maschinenkosten an, so dass man sich auf manchen Höfen verschuldete und es darob zum Streit und Generationenkonflikten in der Familie kam.

Die Weiterentwicklung der Mechanisierung landwirtschaftlicher Arbeiten hatte in meiner Generation eine überragende Bedeutung. Der technische Fortschritt war enorm, denken wir nur an die Veränderungen in den Erntearbeiten: innert einiger weniger Jahrzehnte von der Sichel zum Mähdrescher bei der Getreideernte, von der Stechgabel zum Zuckerrübenvollernter, vom Handmelken über die Melkmaschine zum Melkroboter usw.. Die Väter versuchten in der Anschaffung von Maschinen mitzuhalten, um die Bauernarbeit zu erleichtern, den Beruf gerade für ihre Söhne und Töchter attraktiver zu machen, letztlich vielleicht auch, um die Hofnachfolge zu sichern. Das war bei uns nicht anders.

Die Landwirtschaftlichen Lehrjahre verbrachte ich Welschland, auf – für schweizerische Verhältnisse – einem Grossbetrieb. Jetzt war ich Traktorführer auf einem neuen Hürlimann…

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… und einem Bührer Traktor, beides noch Schweizer Fabrikate.

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Bei meinem ersten Auslandsaufenthalt auf einer englischen Farm in Devon tuckerte ich meistens mit einem IHC über die grossen Felder…

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22 Jahre nach der Anschaffung „meines“ ersten Traktors, habe ich am Tag von Kilians Geburt einen neuen Traktor gekauft. Einen Renault, mit heizbarer Kabine, mit Frontlader und 65 PS. Während ich noch in der Küche mit dem Maschinenvertreter über den Preis verhandelte, wartete Stephanie im Schlafzimmer ungeduldig darauf, dass ich sie endlich ins Spital fahren würde.

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Natürlich musste ich irgend einmal auch noch den Massey Ferguson ersetzen…

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Und  nochmal 21 Jahre später habe ich hier in Frankreich, an Weihnachten 2001, wieder einen Massey-Ferguson gekauft, mit viel Elektronik, Wendegetriebe, Klimaanlage, Bordcomputer und 120 PS. Rein ökonomisch gesehen eine nur schwer zu rechtfertigende Anschaffung. Aber so ist es eben: In einem Bauernleben können nicht nur wirtschaftliche Gründe massgebend sein. Arbeitsfreude, Zukunftsglauben, Besitzerstolz, Nostalgie und anderes spielen mit. Insbesondere, wenn es um Traktoren geht.

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Motormäher

Posted in Bauernland by ruedibaumann on April 5, 2014

BauernlandDas Weiden der Kühe war zu meiner Jugendzeit nicht sehr verbreitet. Durch unsere Milchsammelstelle wäre das auch besonders problematisch gewesen: Die Kühe hätten beim Auslassen den Vorplatz verschmutzt, was die Käsereikunden sicher nicht sehr geschätzt hätten. Für die Stallfütterung musste jeden Tag ein grosses Fuder Gras gemäht, zusammengerecht, aufgeladen, heimgeführt, abgeladen und Gabel um Gabel in die Krüpfe der Kühe verfrachtet werden. Mein Vater rückte jeweils am Abend nach dem Nachtessen mit der Sense aus, um das nötige Gras zu schneiden. Manchmal nahm er gleichzeitig sein riesiges Musikinstrument mit, den B-Bass, damit er vor oder nach dem Mähen direkt vom Feld zum Übungslokal der Musikgesellschaft gehen konnte. Morgens noch vor sechs Uhr, wenn der Vater die zwei Pferde anspannte, um das Gras heimzuholen, weckte er uns Buben. indem er Kieselsteine ans Fenster warf, wo sie mit einem trockenen Knall abprallten und mir regelmässig einen kurzen Kriegstraum bescherten, bevor ich halbwegs wach wurde. Dieser Klang hat mich auch später in den Träumen noch jahrelang verfolgt. Wenn ich etwas ähnliches hörte, schrecke ich sofort auf mit dem Gedanken: go grase!

Dieses morgendliche Ritual begann für uns, als wir in die vierte oder fünfte Klasse kamen, also im Alter von elf oder zwölf Jahren. Als vorgesehener Hofnachfolger war ich öfter beim Grasen dabei als mein Bruder, für einen künftigen Bauer war es auch ein wenig Ehrensache, immer möglichst früh aufzustehen. Die Fahrt mit dem Pferdefuhrwerk im Morgennebel lief noch in recht gemächlichem Tempo ab. Wenn eine Grasparzelle etwas weiter vom Hof entfernt lag, mussten wir uns nachher sehr beeilen, damit wir rechtzeitig um halb acht in der Schule eintrafen.

Deshalb war es geradezu eine technische Revolution, als mein Vater eines schönen Tages einen kleinen Motormäher heimbrachte, der das Grasmähen schon fast zu einem Kinderspiel machte. Der Zweitaktmotor rauchte zwar erbärmlich; und bei hohem Gras mussten wir Kinder jeweils neben dem Mäher herlaufen und mit einer Holzgabel das geschnittene Gras vom Messerbalken weg nach hinten ziehen, damit es nicht den Balken verstopfte. Wenn die Messer in einen Mäusehaufen gerieten, hielt mein Vater kurz an, und wir mussten die Erde mit den Fingern aus dem Mähbalken herauskratzen. Der Motor lief weiter, während der Vater den Kupplungshebel gedrückt hielt. Nur eine kleine falsche Bewegung hätte unweigerlich zu einer Katastrophe geführt. Es scheint mir heute noch ein kleines Wunder, dass diese tägliche Prozedur all die Jahre hindurch ohne grössere Unfälle über die Bühne ging und wir immer noch alle Finger haben.

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Der Motormäher war „meine“ erste Maschine. Ich putzte, schmierte, pflegte sie täglich und weil die starken Schüttelbewegungen zu beträchtlichem Verschleiss diverser Halteschrauben führten, waren auch häufig kleine Reparaturen nötig. Regelmässig habe ich Benzin nachgetankt und die Messer ausgewechselt und geschliffen. Über und über verschmiert mit Öl und Fett war ich immer sehr stolz, den Käsereikunden meine technischen Fähigkeiten als Mechaniker an der kleinen Wundermaschine zu zeigen. Unser erster Motormäher dankte uns die liebevolle Pflege mit jahrzehntelangen treuen Diensten. Als ich später, nach mehr als zwanzig Jahren, für Ersatz sorgen musste, baute ich den noch guten Motor aus und verstaute ihn in der Scheuneneinfahrt. Dort ist er heute noch, ein Fossil, das vielleicht eines Tages zu neuem Leben erwacht.

 

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Erbsenfuder

Posted in Bauernland by ruedibaumann on März 27, 2014

BauernlandDer traditionelle Berner Bauernhof ist ausgesprochen vielseitig und damit auch unendlich arbeitsintensiv. Als Kind kam es mir so vor, als sei dies alles kaum zu schaffen. Bevor eine grössere Arbeit erledigt war, wartete ungeduldig schon die nächste. Und es war alles schwere Knochenarbeit. Gerade war man noch am Heuen – und schon begann die Getreideernte. Zuerst die Gerste, dann der Roggen, später der Weizen, und alles von Hand, ohne Mähdrescher. Dazwischen wollten die Kartoffeln angegraben werden, Frühkartoffeln, Speisekartoffeln, Futterkartoffeln. Kaum war ein Feld abgeerntet, begannen die Vorbereitungen für die Neuanpflanzung. Zuerst das Ausbringen der Hofdünger: Mit der Gabel Mist aufladen, abladen, zetten. Dann das Pflügen, am Anfang noch mit dem Selbsthalterpflug, dann die Saatbeetvorbereitung mit dem Pferdegespann, immer zu Fuss über die schweren Schollen. Später folgte die aufwendige Ernte der Runkelrüben: Jede einzelne Rübe von Hand ausgraben, das Laub abschneiden, mit dem Messer reinigen, auf die Bänne laden, heimtransportieren, auf einer Rutsche in den Runkelkeller hinunterlassen. Von dort wurden sie in den Wintermonaten wieder die steile Kellertreppe hinaufgetragen, jeden Tag fünf Körbe voll. Mit dem Rübenschnetzler wurden sie zerkleinert, mit Weizenspelzen gemischt, in der Futtertenne in eine saubere Reihe geschichtet und dann als Gläck endlich in die Krüpfe geschaufelt. Diese Arbeiten galten als Kinderämtli.

Das Zuckerrübenfeld war viel grösser als der Runkelacker und die einzelnen Zuckerrüben viel stärker im Boden verwurzelt als die Futterrüben. Dafür hatte hier bereits eine einfache Mechanisierung begonnen. Das Rübenlaub wurde mit einem pferdegezogenen, messerbestückten Schlitten abgeschnitten und die Rüben mit dem umgebauten Kartoffelroder aus dem Boden gegraben. Dennoch war auch hier noch viel von Hand zu erledigen. Die Rüben mussten einzeln gereinigt, dann mit  Schaufeln auf das Pferdefuhrwerk geladen, am Feldrand zu grossen Haufen geschichtet, später wieder auf einen Wagen geladen, zur Bahnstation gefahren und für den Transport in die Zuckerfabrik Aarberg auf einen Bahnwagen verladen werden. Das Rübenlaub wurde auf dem Hof in eine gefährliche Häckselmaschine geschoben und unter ohrenbetäubendem Lärm ins Silo befördert, als Futtervorrat für die Kühe in den Wintermonaten.

Im Berner Seeland wurde diese breite Palette von Aufgaben noch ergänzt durch den Anbau unterschiedlichster Gemüsesorten. Wir produzierten auf unserem Betrieb grossflächig Konservenerbsen. Sobald sie reif waren, mähten wir die Erbsenstauden und luden sie am Abend auf zwei grosse Fuder, die wir in der Nacht zur Konservenfabrik in Kerzers brachten. Der Transport und die Verarbeitung der Erbsen mussten während der kühlen Nachtstunden erfolgen, damit sich das Erntegut nicht zu stark erwärmte und verdarb. Diese nächtlichen Reisen, immerhin etwa zwanzig Kilometer, gehörten für uns Kinder zu den abenteuerlichsten Jugenderfahrungen. Der Vater steuerte den Traktor, wir Buben sassen in dicke Decken gehüllt hoch oben auf einer Erbsenladung. Mitgenommen haben wir natürlich immer dicke Wurst- und Käsebrote und Milchkaffee in der Thermoskanne. Die nächtliche Welt sah von diesem Hochsitz anders aus, geheimnisvoll. Gelegentlich glitten die Lichter der Strassenlaternen über unser Bett aus Erbsenstroh, die Dörfer lagen in tiefem Schlaf, kaum sahen wir ein beleuchtetes Fenster, und von vorne kam das vertraute Dröhnen des Traktors. Wir hörten genau, wenn wieder eine Steigung überwunden werden musste. Anheimelnd riechende Tabakrauchschwaden von den Zigaretten unseres Vaters wehten zu uns.

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Das Areal der Konservenfabrik war morgens um zwei Uhr mit Scheinwerfern hell erleuchtet. Auf Förderbändern verschwand unsere Ernte in der Fabrik,  wo die Erbsen in einem unsichtbaren mechanischen Prozess von ihren Hüllen befreit und direkt in Konservendosen abgefüllt wurden. Bei den manuellen Arbeiten halfen Männer aus der Strafanstalt Bellechasse. Sie trugen gestreifte Sträflingskleidung wie im Film. Waren sie Betrüger, Räuber oder sogar Mörder? Schüchtern neugierig beobachteten wir diese Männer in ihren pyjamaartigen Kleidern und fragten uns respektvoll, aber auch etwas ängstlich, was sie wohl getan hatten und warum. Wegen des Fabriklärms wurde kaum gesprochen.

Das gedroschene Erbsenstroh konnten wir gleich wieder aufladen und als Rinderfutter mit nach Hause nehmen. Die Fuder waren deshalb auf der Rückfahrt durchs Seeland immer noch fast so gross wie zuvor, und wir sassen wieder obenauf. Morgens um vier waren einzelne Bauern schon an der Arbeit und rüsteten im Tenn Karotten. Wenn am Morgen der Nebel aufzog, vergruben wir uns tief in das Erbsenstroh und schliefen manchmal ein.

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Grossvater

Posted in Bauernland by ruedibaumann on März 9, 2014

BildGrossvater Röthlisberger interessierte sich sehr für alle technischen Neuerungen, die die bäuerliche Arbeit erleichtern konnten. Für die Getreideernte schaffte er schon früh eine Lieuse an, einen Bindemäher, lange vor allen anderen Bauern, die das Getreide immer noch von Hand mähten. Die Lieuse war ein technisches Wunderwerk:  Messerbalken schnitten das Getreide, weit ausholende Holzarme legten die Halme auf Leinentuchrollen, auf denen sie mit hoher Geschwindigkeit transportiert, zu Bündeln gesammelt und schliesslich mit einer farbigen Schnur gebunden wurden, worauf die fertigen Garben über ein Seitenblech auf den Boden glitten. Allein der  Schnurknüpfer war für die damalige Zeit eine technische Meisterleistung. Oft habe ich fasziniert zugeschaut, wie die Maschine Garbe um Garbe sauber geknüpft ausspuckte, und mich dabei gefragt, welches Genie sich so etwas Kompliziertes hat ausdenken können. Wahrscheinlich habe ich meine Technikbegeisterung von Goffa übernommen, als er mir detailliert die über dreissig Arbeitsschritte beibrachte, die notwendig waren, um die Lieuse am Feldrand vom Strassentransport auf den Feldeinsatz umzustellen. Seine Geduld war grenzenlos, wenn es um den Einsatz von Maschinen ging. Bei technischen Pannen widmete er sich seelenruhig und bedächtig der Reparatur, auch wenn dabei die ganze Ernteequipe stundenlang aufgehalten wurde oder ein Gewitter drohte. „Nume nid jufle“ war sein eisernes Arbeitsprinzip.

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Mein Grossvater verkehrte regelmässig mit den Notablen der grossen Nachbargemeinde Lyss. Den Kegelabend mit dem Notar, dem reichen Metzger und dem Wirt liess er nie aus. Er war auch der einzige an unserem grossen Familientisch, der jeden Tag zum Essen ein Glas Rotwein trank. Wahrscheinlich lebte er immer ein wenig über seine Verhältnisse. Der Hof war denn auch ziemlich verschuldet und der bauliche Zustand der Gebäude verschlechterte sich im Laufe der Jahr und Jahrzehnte zusehends, obwohl der Goffa hier und dort kleine Reparaturen selber machte. Wie mein Grossvater war auch meine Mutter ein Einzelkind, so dass zumindest bei den Betriebsübernahmen keine Geschwister ausbezahlt werden mussten und man sich all die teuren Maschinen eher leisten konnte.

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Auf unserem Hof betrieben wir während Jahrzehnten nebenher die dörfliche Milchsammelstelle. Die Eingangstür zum Milchraum befand sich gleich gegenüber der Stalltür, was bedeutete, dass der Stall aus hygienischen Gründen immer rechtzeitig ausgemistet werden musste, noch bevor die ersten Kunden in die Käserei kamen. Der Miststock war hinter einer Holzbretterwand versteckt, und der Hausplatz hatte immer einwandfrei sauber zu sein. In den fünfziger Jahren brachten über ein Dutzend Bauern morgens und abends ihre Milch zu uns in die Sammelstelle. Die grösseren Bauern stellten ihre Kannen auf einen Handkarren und die kleinen trugen ihre Milch in einer Brännte auf dem Rücken. Alle kamen noch zu Fuss, mit Ausnahme des Kleinbauern vom oberen Dorfteil, der jahrelang mit geschulterter Brännte auf einem alten Fahrrad ohne Bremsen den Hügel hinunterraste, auf dem holprigen Bahnübergang regelmässig eine Milchspur hinterliess und immer nur knapp die Abzweigung zur Inselmatt erwischte. Fast immer: einmal schaffte er die enge Kurve nicht, knallte kurz vor dem Ziel ungebremst in eine Scheunenwand und die Milch ergoss sich in einem Schwall über ihn und versickerte langsam auf dem Kiesweg. Mit leerer Brännte und kaputtem Fahrrad, aber glücklicherweise ohne grössere Schrammen machte sich unser Milchlieferant zu Fuss auf den stotzigen Heimweg.

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In der Sammelstelle wurde die Milch vom Grossvater oder meiner Mutter gesiebt, gewogen, gekühlt und direkt an die dörfliche Kundschaft halbliter- und literweise ausgeschöpft. Die überschüssige Milch wurde täglich in Kannen auf dem Bockwagen zur nahe gelegenen SBB-Station geführt und dort für die Molkerei in Biel verladen. Unser Freiberger Wallach Franz kannte seinen Weg zum Bahnhöfli selber, man brauchte nur „Hü“ zu sagen und das treue Pferd trottete verlässlich zum Güterbahnwagen, wo die vollen Milchkannen ein- und die Magermilch- und Schottekannen ausgeladen werden konnten.

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Neben der Milch verkauften wir auch Käse und Butter. Diese Produkte lagerten jedoch im Keller. Jeder Dorfbewohner, der ein Stück Käse oder ein Ankemödeli kaufen wollte, musste sich in der Küche melden, worauf eins von uns Kindern schnell die gewünschten Sachen heraufholte.  Nur hatten wir damals noch kein Badezimmer, und wir Kleinkinder wurden abends  in der Küche gewaschen. Es war mir doch immer sehr peinlich, wenn ein Kunde die Küche betrat, während wir Kinder noch nackt im Waschzuber sassen

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Erinnerungen

Posted in Bauernland by ruedibaumann on März 5, 2014

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Vor bald zehn Jahren habe ich unter dem Titel „Bauernland“ ein Büchlein über mein Leben veröffentlicht. Inzwischen ist die bei Nagel und Kimche erschienene Autobiografie vergriffen.

Ich werde daher künftig in loser Folge einzelne Kapitel aus „Bauernland“ hier posten, und weil das hier viel einfacher ist, auch mit Bildern der Zeit illustrieren.

Schliesslich hat das frühere Bauerndorf Suberg im Bernischen Seeland durch den preisgekrönten Film „Zum Beispiel Suberg“ in der Zwischenzeit so etwas wie nationale Bekanntheit erlangt.

Bauernland

Vorwort

Seit dreissig Jahren führe ich eine Art Tagebuch, meistens nur in Stichworten und ergänzt mit vielen technischen Details aus meiner täglichen Arbeit als Bauer. Aus diesen Aufzeichnungen habe ich die folgende Erzählung eines Lebens erstellt und ihnen einige Kapitel aus meiner Jugendzeit vorangestellt. Die biographischen Stationen sind wie die jedes Lebens eingebettet in größere Zusammenhänge und Ereignisse.  Mitte des letzten Jahrhunderts, nach der Lebensmittelknappheit und der darauf folgenden Anbauschlacht  während dem zweiten Weltkrieg, wurde die Ernährungssicherung zum Obersten Ziel im Landwirtschaftsgesetz. Noch in den 60er Jahren ermunterte Bundesrat Schaffner die Bauern zur hemmungslosen Produktion, für den Absatz werde der Bund sorgen. Der Bauer wurde zum Produzenten. Mit der Mechanisierung und hoffremden Hilfsstoffen stiegen die Erträge rasch und deckten bald den Bedarf für die angestrebte Selbstversorgung. Schon entstanden unverkäufliche Überschüsse, die Milchseen und Butterberge wuchsen und zwangen den Bund zu planwirtschaftlichen Markteingriffen, wie die einzelbetriebliche Milchkontingentierung. Für bäuerliche Kleinbetriebe begann der Kampf ums Überleben. Nach einem Vierteljahrhundert Wachstum zeigten sich die ersten Umweltschäden: ausgeräumte Landschaften, verschmutzte Grundwasser und Rückstände in den Lebensmitteln. In den 90er Jahren musste die Chemisierung der Agrarproduktion gesetzlich gebremst werden. An Stelle der produktionsfördernden Subventionen traten ökologische Direktzahlungen. Gleichzeitig führt die Globalisierung und Liberalisierung des Welthandels zu einem Preiszerfall für landwirtschaftliche Produkte.

 Die Landwirtschaft in der Schweiz hat im Verlauf von nur einer Generation stärkere strukturelle Änderungen mitmachen müssen als in den paar hundert Jahren zuvor. Bauer und Politiker zu sein hat in der Schweiz bis heute zugleich etwas Respektables und Anrüchiges. Respektabel, weil die Schweiz sich immer schon als Bauernland versteht und traditionell große Stücke auf ihre Landwirtschaft hält. Anrüchig, weil den Bauern nachgesagt wird, in sturer Ackerverbundenheit nur ihre eigenen Interessen zu verfolgen, blind zu sein für den Fortschritt und sich um die großen Zusammenhänge nicht zu kümmern. Beides ist eine verkürzte und unzureichende Einschätzung und darum falsch. Mein Buch soll als Erzählung eines exemplarischen Lebens einen wenn auch kleinen Beitrag der Aufklärung dazu leisten.

Ich sehe meinen Rückblick vor allem als kleines Zeitdokument, als Schilderung der täglichen Bauernarbeit in einer bestimmten Zeit, und meine Arbeit als Politiker erlaubt es mir, dieses Bauernleben in einige Verbindungen einzubetten, die seine Hintergründe beleuchten. Die Entwicklung der Landwirtschaft habe ich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mitverfolgen können: als Bauernbub, Lehrling, Agronom, Landwirtschaftsbeamter, Politiker und als selbständiger Landwirt in der Schweiz und nun in Frankreich. Es ist nicht ein hervorragendes Leben, das ich hier erzählen möchte, wohl aber ein typisch untypisches. Und als solches im Zusammenhang der dazu gehörenden Veränderungen in der Schweiz eine Betrachtung wert.