AUSWANDERERBLOG

Traktoren

Posted in Bauernland by ruedibaumann on April 24, 2014

Man sagt, mein Grossvater hätte als einer der ersten Bauern bereits in den Dreissiger Jahren einen Traktor angeschafft, noch mit Eisenrädern und einer Kurbel zum Andrehen. Es war ein Schweizer Traktor, ein legendärer Hürlimann, natürlich noch ohne Hydraulik und Zapfwelle, aber bereits mit einem Mähbalken. Das Gefährt, mit Benzin und Petrol betrieben, war noch sehr schwerfällig, nicht so wendig wie heutige Modelle, entsprechend auch schwer zu steuern. Das Anlassen mit einer Kurbel war harte Männerarbeit, insbesondere wenn der Motor noch und noch nicht anspringen wollte. Der Kühlergrill war defekt und musste immer wieder mit Lehm verstopft werden, damit das Kühlwasser nicht auslief. Der alte Traktor stand eingeklemmt neben allerlei Werkzeugen und Gerätschaften im angebauten kleinen Traktorenschöpfli. Wegen der Feuergefahr hatte der Grossvater die Wände der Garage mit Blech verkleidet. Fahren mit dem unhandlichen Gefährt war fast nur dem Grossvater, dem Gutsbesitzer, vorbehalten.

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Es war für mich ein Riesenvergnügen und ich war auch sehr stolz darauf, als mein Vater begann, mit mir zusammen über die Anschaffung eines neuen Traktors zu sprechen. Ich glaube, ich kannte in dieser Zeit alle Traktorenprospekte auswendig. Aus den Inseraten schnitt ich die einzelnen Traktorenmodelle fein säuberlich aus, um sie dann nebeneinander in ein eigentliches Album zu kleben. Ich war mit meinem Vater der Meinung, wir sollten einen modernen englischen Massey-Ferguson kaufen, der Grossvater seinerseits war entschieden für einen neuen Hürlimann.

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Die Anschaffung eines Traktors ist finanziell für die meisten Bauernfamilien neben der Hofübernahme oder allfälligen Gebäudesanierungen eine grosse Belastung. Meine Eltern besorgten sich einen Teil des notwendigen Geldes mittels Darlehen von Geschwistern und Verwandten. Ich selber verstaute meinen kleinen Lohn in einer Blechbüchse und versteckte meine Ersparnisse ehrgeizig, um damit in ferner Zukunft selber einmal einen modernen Marolf Kippanhänger anschaffen zu können.

Im Frühjahr 1958 traf der neue Traktor bei uns ein, ein rot-grauer Massey-Ferguson, 35 PS, mit Hydraulik und Zapfwelle, mit Kriechgang und abnehmbarem Verdeck. Obschon ich erst zehnjährig war, galt ich von jetzt an als Haupttraktorführer auf unserem Betrieb. Mein Grossvater hielt noch zehn weitere Jahre an seinem alten Traktor fest, obschon er nicht mehr gebraucht wurde, während sich mein Vater wie bisher vor allem auf die Arbeiten mit den beiden Freiberger-Zugpferden konzentrierte. Man war damals überzeugt, dass sich die Pferde nie ganz durch die Traktoren ersetzen lassen würden. Viele leichtere Feldarbeiten wie säen, walzen, hacken usw. wurden denn auch nach wie vor mit Hilfe der Pferde ausgeführt. Man setzte schwere Maschinen damals noch sehr zurückhaltend ein, um Bodendruckschäden zu vermeiden.

Ich genoss die Feldarbeiten mit dem neuen Traktor. Das Pflügen, die Bodenbearbeitung mit Bodenfräse, das Eggen, das Mähen und die Heuarbeiten, alles ging plötzlich so ring. Ich blieb mit Vergnügen bis spät am abend auf dem Feld, auf „meinem“ Traktor, wenn ich nur nicht in den Stall musste. Selbstverständlich war ich auch sofort für alle Servicearbeiten zuständig. Es ist wohl dieser hingebungsvollen Pflege zu verdanken, dass der Traktor über zwei Jahrzehnte problemlos funktionierte. Langsam aber stetig wurden im Laufe der Zeit die schweren landwirtschaftlichen Arbeiten mechanisiert. Bald einmal brauchte man die Pferde nur noch, weil man sie täglich bewegen musste und nicht, weil sie für einen bestimmten Arbeitseinsatz unentbehrlich waren. Dafür stiegen die Maschinenkosten an, so dass man sich auf manchen Höfen verschuldete und es darob zum Streit und Generationenkonflikten in der Familie kam.

Die Weiterentwicklung der Mechanisierung landwirtschaftlicher Arbeiten hatte in meiner Generation eine überragende Bedeutung. Der technische Fortschritt war enorm, denken wir nur an die Veränderungen in den Erntearbeiten: innert einiger weniger Jahrzehnte von der Sichel zum Mähdrescher bei der Getreideernte, von der Stechgabel zum Zuckerrübenvollernter, vom Handmelken über die Melkmaschine zum Melkroboter usw.. Die Väter versuchten in der Anschaffung von Maschinen mitzuhalten, um die Bauernarbeit zu erleichtern, den Beruf gerade für ihre Söhne und Töchter attraktiver zu machen, letztlich vielleicht auch, um die Hofnachfolge zu sichern. Das war bei uns nicht anders.

Die Landwirtschaftlichen Lehrjahre verbrachte ich Welschland, auf – für schweizerische Verhältnisse – einem Grossbetrieb. Jetzt war ich Traktorführer auf einem neuen Hürlimann…

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… und einem Bührer Traktor, beides noch Schweizer Fabrikate.

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Bei meinem ersten Auslandsaufenthalt auf einer englischen Farm in Devon tuckerte ich meistens mit einem IHC über die grossen Felder…

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22 Jahre nach der Anschaffung „meines“ ersten Traktors, habe ich am Tag von Kilians Geburt einen neuen Traktor gekauft. Einen Renault, mit heizbarer Kabine, mit Frontlader und 65 PS. Während ich noch in der Küche mit dem Maschinenvertreter über den Preis verhandelte, wartete Stephanie im Schlafzimmer ungeduldig darauf, dass ich sie endlich ins Spital fahren würde.

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Natürlich musste ich irgend einmal auch noch den Massey Ferguson ersetzen…

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Und  nochmal 21 Jahre später habe ich hier in Frankreich, an Weihnachten 2001, wieder einen Massey-Ferguson gekauft, mit viel Elektronik, Wendegetriebe, Klimaanlage, Bordcomputer und 120 PS. Rein ökonomisch gesehen eine nur schwer zu rechtfertigende Anschaffung. Aber so ist es eben: In einem Bauernleben können nicht nur wirtschaftliche Gründe massgebend sein. Arbeitsfreude, Zukunftsglauben, Besitzerstolz, Nostalgie und anderes spielen mit. Insbesondere, wenn es um Traktoren geht.

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2 Antworten

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  1. Anonymous said, on April 25, 2014 at 11:32 am

    Ein echt „grüner“ Motorenfreak, pfui !

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  2. ruedibaumann said, on April 25, 2014 at 3:03 pm

    @Anonym
    Toll, danke für Blumen!

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