AUSWANDERERBLOG

Erbsenfuder

Posted in Bauernland by ruedibaumann on März 27, 2014

BauernlandDer traditionelle Berner Bauernhof ist ausgesprochen vielseitig und damit auch unendlich arbeitsintensiv. Als Kind kam es mir so vor, als sei dies alles kaum zu schaffen. Bevor eine grössere Arbeit erledigt war, wartete ungeduldig schon die nächste. Und es war alles schwere Knochenarbeit. Gerade war man noch am Heuen – und schon begann die Getreideernte. Zuerst die Gerste, dann der Roggen, später der Weizen, und alles von Hand, ohne Mähdrescher. Dazwischen wollten die Kartoffeln angegraben werden, Frühkartoffeln, Speisekartoffeln, Futterkartoffeln. Kaum war ein Feld abgeerntet, begannen die Vorbereitungen für die Neuanpflanzung. Zuerst das Ausbringen der Hofdünger: Mit der Gabel Mist aufladen, abladen, zetten. Dann das Pflügen, am Anfang noch mit dem Selbsthalterpflug, dann die Saatbeetvorbereitung mit dem Pferdegespann, immer zu Fuss über die schweren Schollen. Später folgte die aufwendige Ernte der Runkelrüben: Jede einzelne Rübe von Hand ausgraben, das Laub abschneiden, mit dem Messer reinigen, auf die Bänne laden, heimtransportieren, auf einer Rutsche in den Runkelkeller hinunterlassen. Von dort wurden sie in den Wintermonaten wieder die steile Kellertreppe hinaufgetragen, jeden Tag fünf Körbe voll. Mit dem Rübenschnetzler wurden sie zerkleinert, mit Weizenspelzen gemischt, in der Futtertenne in eine saubere Reihe geschichtet und dann als Gläck endlich in die Krüpfe geschaufelt. Diese Arbeiten galten als Kinderämtli.

Das Zuckerrübenfeld war viel grösser als der Runkelacker und die einzelnen Zuckerrüben viel stärker im Boden verwurzelt als die Futterrüben. Dafür hatte hier bereits eine einfache Mechanisierung begonnen. Das Rübenlaub wurde mit einem pferdegezogenen, messerbestückten Schlitten abgeschnitten und die Rüben mit dem umgebauten Kartoffelroder aus dem Boden gegraben. Dennoch war auch hier noch viel von Hand zu erledigen. Die Rüben mussten einzeln gereinigt, dann mit  Schaufeln auf das Pferdefuhrwerk geladen, am Feldrand zu grossen Haufen geschichtet, später wieder auf einen Wagen geladen, zur Bahnstation gefahren und für den Transport in die Zuckerfabrik Aarberg auf einen Bahnwagen verladen werden. Das Rübenlaub wurde auf dem Hof in eine gefährliche Häckselmaschine geschoben und unter ohrenbetäubendem Lärm ins Silo befördert, als Futtervorrat für die Kühe in den Wintermonaten.

Im Berner Seeland wurde diese breite Palette von Aufgaben noch ergänzt durch den Anbau unterschiedlichster Gemüsesorten. Wir produzierten auf unserem Betrieb grossflächig Konservenerbsen. Sobald sie reif waren, mähten wir die Erbsenstauden und luden sie am Abend auf zwei grosse Fuder, die wir in der Nacht zur Konservenfabrik in Kerzers brachten. Der Transport und die Verarbeitung der Erbsen mussten während der kühlen Nachtstunden erfolgen, damit sich das Erntegut nicht zu stark erwärmte und verdarb. Diese nächtlichen Reisen, immerhin etwa zwanzig Kilometer, gehörten für uns Kinder zu den abenteuerlichsten Jugenderfahrungen. Der Vater steuerte den Traktor, wir Buben sassen in dicke Decken gehüllt hoch oben auf einer Erbsenladung. Mitgenommen haben wir natürlich immer dicke Wurst- und Käsebrote und Milchkaffee in der Thermoskanne. Die nächtliche Welt sah von diesem Hochsitz anders aus, geheimnisvoll. Gelegentlich glitten die Lichter der Strassenlaternen über unser Bett aus Erbsenstroh, die Dörfer lagen in tiefem Schlaf, kaum sahen wir ein beleuchtetes Fenster, und von vorne kam das vertraute Dröhnen des Traktors. Wir hörten genau, wenn wieder eine Steigung überwunden werden musste. Anheimelnd riechende Tabakrauchschwaden von den Zigaretten unseres Vaters wehten zu uns.

kerzers (1)

Das Areal der Konservenfabrik war morgens um zwei Uhr mit Scheinwerfern hell erleuchtet. Auf Förderbändern verschwand unsere Ernte in der Fabrik,  wo die Erbsen in einem unsichtbaren mechanischen Prozess von ihren Hüllen befreit und direkt in Konservendosen abgefüllt wurden. Bei den manuellen Arbeiten halfen Männer aus der Strafanstalt Bellechasse. Sie trugen gestreifte Sträflingskleidung wie im Film. Waren sie Betrüger, Räuber oder sogar Mörder? Schüchtern neugierig beobachteten wir diese Männer in ihren pyjamaartigen Kleidern und fragten uns respektvoll, aber auch etwas ängstlich, was sie wohl getan hatten und warum. Wegen des Fabriklärms wurde kaum gesprochen.

Das gedroschene Erbsenstroh konnten wir gleich wieder aufladen und als Rinderfutter mit nach Hause nehmen. Die Fuder waren deshalb auf der Rückfahrt durchs Seeland immer noch fast so gross wie zuvor, und wir sassen wieder obenauf. Morgens um vier waren einzelne Bauern schon an der Arbeit und rüsteten im Tenn Karotten. Wenn am Morgen der Nebel aufzog, vergruben wir uns tief in das Erbsenstroh und schliefen manchmal ein.

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