AUSWANDERERBLOG

Grasfuder

Posted in Bauernland by ruedibaumann on März 15, 2014

BildNeben dem Büscheli-Birnbaum vor der Tenne, auf dem Kiesweg, der leicht gegen das Haus hin abfällt, wurden nach dem Grasen die Pferde ausgespannt und die Bremsen des Wagens fest angezogen. Dort blieb das Grasfuder manchmal lange stehen, bis dann zur Fütterungszeit das Scheunentor geöffnet und der schwere Graswagen von Hand in die Tenne gezogen wurde. Wir Kinder, noch im Vorschulalter, spielten ausgelassen zwischen Bach, Misthaufen,  Stall und Scheune und neben und unter dem Fuder. Der Brügiwagen hatte eine mechanische Bremskurbel, die mich magisch anzog. Ich versuchte, sie zu bewegen, und ich weiss noch, wie ich meinen Spielkameraden stolz zurief: Seht, wie ich hier drehen kann! Noch währenddessen spürte ich, wie sich das schwere Fuder langsam bewegte. Ich stemmte mich mit aller Kraft dagegen, ohne Erfolg. Dass ich die Bremskurbel einfach hätte wieder zudrehen sollen, fiel mir in der Schrecksekunde gar nicht ein, sie befand sich ohnehin gefährlich nahe beim grossen Rad. Der Wagen begann zu rollen, immer schneller, auf das geschlossene Scheunentor zu. Zuerst durchbrach die eisenbeschlagene Pferdedeichsel die dicken Holzbretter. Es krachte fürchterlich. Der ganze Wagen krachte durchs Tor, das eichenharte Fürgstütz zersplitterte. Mit grosser Wucht prallte das Fuder gegen Beton, das Gras ergoss sich in einem Schwall über die Kuhköpfe und in die Futterkrüpfe. Dann endlich war es still.

Geschockt stand ich vor dem Unheil. Mein Vater, mit umgebundenem Melkschemel und halbvollem Kessel in der Hand, lief in grossen Schritten  heran und schaute dabei so finster, wie ich es noch nie an ihm gesehen hatte. Er stiess sein strengstes und gröbstes Schimpfwort aus: Schnuderhüng! Die ganze Familie und andere Zaungäste eilten herbei. Meine Scham vor all den Leuten war grenzenlos. Ich musste, schwerste Strafe bei Baumanns, sofort ohne Nachtessen ins Bett.

Mein Grossvater, erfahren in Schreinerarbeiten, zimmerte in den nächsten Tagen  aus schön geschwungenem Eichenholz ein neues Fürgstütz für unseren Graswagenund versah die Pferdedeichsel  mit neuem Eisenbeschlag . Das Scheunentor wurde geflickt. Über dreissig Jahre lang erinnerten die hell leuchtenden neuen Fichtenholzbretter im alten, dunkel verwitterten Torrahmen mich und alle Besucher an meine grösste Schmach. Erst 1986 haben wir bei der Renovation des Ökonomieteils unseres Hofs das  geschichtsträchtige Holztor mit den beiden runden Oberlichtern endgültig entfernt.

gaga (1)

Bauernhaus_Baumann_1976_1 Bauernhaus_1978_1

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5 Antworten

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  1. adriankrebs said, on März 15, 2014 at 9:50 pm

    Lieber Ruedi, welcome to WordPress! Danke für dieses Grasfuder, kann Dich trösten, mir unterlief auch mal ein ähnlicher, allerdings war ich schon deutlich älter, Praktikum im Welschen, wollte im Wagenschopf ein Fuder irgendwas abladen, Kipper allerdings dann so hoch gehoben, dass er fast dass Dach abhob, die Ecke des altehrwürdigen Tanner-Modells erwies sich aber als schwächer und wurde eingefaltet, wie bei einem abgestürzten Modellflieger. Die Strafe bestand dann neben ziemlich alttestamentarischen Flüche des Patrons darin, dass ich mit diesem eingetütschten Kipper noch monatelang durchs Dorf fahren musste, während man hinter vorgehaltener Hand über den ungeschickten Deutschschweizer grinste… Bonne soirée

  2. Koni Kreis said, on März 15, 2014 at 10:17 pm

    Und was geschieht denn in der Szene mit Mann und Frau und Mistbenne vor dem Scheunentor? Die Kleidung deutet auf die Siebzigerjahre hin…
    Koni Kreis

    • ruedibaumann said, on März 15, 2014 at 11:22 pm

      Ja, stimmt, man schrieb das Jahr 1974 und es ist das einzige Bild das ich habe von unserem früheren Tennstor mit den runden Oberlichtern… Die Szene stammt aus dem Super-8-Film „Liebe ist wenn…“, gedreht von meinem Bruder und hat kürzlich Eingang gefunden in den preisgekrönten Dokufilm „Zum Beispiel Suberg“! Die Schauspieler sind der Auswanderer und seine spätere Gemahlin Stephanie…;-) All‘ das findet man auf einer DVD die man hier kaufen kann: http://www.zumbeispielsuberg.ch

  3. Koni Kreis said, on März 16, 2014 at 8:08 pm

    Mit meiner Frage habe ich eigentlich keine Werbebotschaft angefordert…
    Ich sehe schon, dass ich aus Neugierde oft auf Teaser-Werbung in diesem Blog hereinfalle (;-))
    Koni Kreis


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