AUSWANDERERBLOG

Die Schönschweiz und die Gebrauchsschweiz

Posted in Patrimoine et architectures by ruedibaumann on Februar 14, 2012

„Die Schweiz ist schön, das steht fest. Jedes Fotobuch beweist es, jeder Wandkalender verkündet’s, auf dem ganzen Erdenrund ist es bekannt. Abermillionen Touristen können nicht irren. Die Schweiz ist schön, genauer: pittoresk, einzigartig, wildromantisch und sinnstiftend.

Ist das so? Auf der Fahrt von Biel nach Lyss tauchen Zweifel auf. Es braucht viel Verdrängungskunst, diesen Agglomerationsstreifen schön zu nennen. Schlimmer noch: Agglomeration ist überall, zwei Drittel der Bevölkerung leben in dieser ästhetischen Sahelzone. Nein, in Tat und Wahrheit ist die Schweiz hässlich, genauer: banal, gewöhnlich, langweilig und sinnlos.

Wie aber schaffen wir es, den Glauben an die Schönheit der Schweiz zu bewahren? Wie gelingt uns der tägliche Selbstbetrug? Durch Bewusstseinsspaltung. Wir machen aus der einen zwei Schweizen: die geglaubte Schönschweiz und die verdrängte Gebrauchsschweiz. In der schönen leben wir mit dem Herzen, in der gebrauchten mit dem Verdauungstrakt.

Zur Schönschweiz gehören die Berge, Flüsse und Seen, die Matten, Reben und Dörfer, kurz, die «intakte» Landschaft, garniert mit Schlössern, Kirchen und gedeckten Brücken. Ebenso gehören die unterdessen zu Schmucktruckli herausgeputzten Altstädte dazu. Der Rest des Landes ist Gebrauchsschweiz. Die Stadt des 19. Und 20. Jahrhunderts, die Geleisfelder der Eisenbahn, die Autobahnen, Lagerhäuser, Fabriken, Geschäftsviertel, Shopping Centers, Wohnblöcke, Hüslihalden, ebenso die Schrumpf- und Blähstädte in den Alpen, kurz, die Aggloschweiz, in der wir leben. Wären wir nicht vom Schönschweizglauben geblendet, so kämen wir zur Erkenntnis: Die Gebrauchsschweiz ist die Wirklichkeit.

Trotzdem, die Mehrheit, die in der Verbrauchsschweiz lebt, lebt beharrlich anderswo: in der Schönschweiz. Den Leuten gelingt es, nicht dort zu sein, wo sie sind, ein ontologisches Kunststück.

Durch regelmässige Besuche der Schönschweiz wird die Verbrauchsschweiz aus dem Bewusstsein verdrängt. Wer den Schönschweizglauben hat, ist gegen jede Wirklichkeit immun. Was ich jeden Tag sehe, darf nicht sein, darum ist es nicht.

Wie schafft man das? Durch Beschönigung zuerst. Bei uns ist das gar nicht so schlimm! Das Gebrauchsausland ist noch viel hässlicher als die Gebrauchsschweiz. Die ist wenigstens ordentlich und geputzt. Die Schweiz werde hässlicher? Das mag im Unterland so sein, aber das macht nichts, denn wir haben Schönschweiz im Überfluss. Wer so viel hervorragende Berge, so leuchtendweisse Gletscher, so saftige Matten, so tiefgrüne Seen mit so beeindruckender Beleuchtung hat, der ist getröstet und muss sich um die Gebrauchsschweiz nicht kümmern. Die schiere Menge an Schönschweiz dichtet uns gegen die Wirklichkeit ab. Wenn das alles nichts nützt, bleibt noch die Eingrenzung. Gewiss, die Hüslihalde, in der ich lebe, ist keine städtebauliche Meisterleistung. Sitze ich aber hinter der Thujahecke entspannt in meinem Gärtli, so wird mein Stück Gebrauchsschweiz zur Schönschweiz. Was geht mich da die Gebrauchsschweiz an. Das Glück im Winkel ist unbesiegbar.

Früher, so der Schönschweizglaube, war das ganze Land Schönschweiz. Wächst nun die Gebrauchsschweiz, so schwindet die Schönschweiz. Dass dabei die Schweiz immer hässlicher wird, haben wir längst stillschweigend akzeptiert. Denn eine schöne Gebrauchsschweiz zu bauen haben wir endgültig aufgegeben, dazu sind wir nicht fähig. Das ist gar kein Ziel der Gesellschaft, weil es die Konsumfreiheit einschränkt. Denn unterdessen ist klar: Die Gebrauchsschweiz ist konsumierte Schönschweiz.“

Benedikt Loderer, Bieler Tagblatt vom 13.2.2012

3 Antworten

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  1. Martin said, on Februar 14, 2012 at 12:58 pm

    Ein kleines Stück „Schönschweiz“ zur Erinnerung:http://www.youtube.com/watch?v=pZQbNQUsupY

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  2. Koni Kreis said, on Februar 14, 2012 at 9:45 pm

    Ach, Ihr Herren Loderer und Baumann, die Kritik an der heutigen Entwicklung verstehe ich schon, aber nach 50 Jahren mag ich auch die Kritik nicht mehr hören, sie ist mir etwas fad geworden.Lieber würde ich davon lesen, wie viel Schönschweiz in den Städten doch neu entstanden ist, mit praktischen, schicken und ökologisch sinnvollen Bauten.War die Schweiz denn je eine Schönschweiz?Gruss Koni Kreis

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  3. Ohne Zentrum – marlowes said, on August 16, 2020 at 12:22 pm

    […] daraus ergibt, hat der Schweizer Stadtwanderer und Architekturkritiker Benedikt Loderer als das Gegenüber von Schönschweiz und Gebrauchssschweiz beschrieben: „Wie aber schaffen wir es, den Glauben an die Schönheit der Schweiz zu bewahren? Wie […]

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