AUSWANDERERBLOG

Umdenken im Welthandel

Posted in Politik by ruedibaumann on August 5, 2008

Umdenken im Welthandel: Kleinbäuerliche, regionale Landwirtschaft ist ein Zukunftsmodell

Ist das Scheitern der nun schon sieben Jahre dauernden Doha-Runde tatsächlich das Ende der Welt? Oder ist es der Auftakt für eine neue und bessere Welthandelsordnung? Ob all der widersprüchlichen Kommentare reibt man sich verwundert die Augen. Die Exportindustrie jammert auf hohem, die abgeschotteten Nahrungsmittelproduzenten frohlocken verhalten auf tiefem Niveau. Einige reden von verpassten Chancen, andere davon, dass sich eben die Welt in den letzten Jahren grundlegend verändert habe und damit auch neue Rezepte gefragt seien. Manche machen vorwurfsvoll die erstarkten Schwellenländer Indien und China für das Scheitern der WTO-Verhandlungen verantwortlich, andere sind froh, dass der machtbewusste indische Handelsminister die Interessen seiner 800 Millionen Kleinbauern vehement verteidigt hat. So oder so, die Welthandelsgespräche sind einmal mehr am Agrardossier gescheitert.

Nahrungsmittel sind etwas Besonderes, sie lassen sich nicht einfach mit anderen Gütern vergleichen. Nahrungsmittel wachsen unter verschiedenen klimatischen Bedingungen, auf unterschiedlichen Böden, gehegt und gepflegt von Bäuerinnen und Bauern mit traditionell verschiedenen Methoden. Nahrungsmittel sind Pflanzen und Tiere, die leben und sterben und verderblich sind. Nahrungsmittel sind Natur, Genuss, Landschaft, Heimat, Umwelt, sie sind L e b e n s mittel wie Wasser und Luft für alle und Verdienst und Einkommen für viele. Die Landwirtschaft lässt sich nicht wie die weltweite industrielle Produktion mit reinen marktwirtschaftlichen Mechanismen steuern.

Die globale Ernährungskrise hat vielen die Augen geöffnet: Ernährungssicherheit können vor allem selbstständige Bäuerinnen und Bauern gewährleisten, die mittels naturnahen Anbauformen für den regionalen Markt produzieren. Die bäuerliche Landwirtschaft, definiert durch Regionalität, kurze Wege, Generationenfolge, Naturnähe, Qualität und Spezialität darf nicht auf dem Altar des liberalen und rücksichtslosen Welthandels geopfert werden! Die oelgesteuerte Grosslandwirtschaft mit umweltzerstörendem Düngerverbrauch (eine Tonne Stickstoffdünger entspricht zwei Tonnen Erdoel), mit immer zahlreicheren Pestizidanwendungen und immer grösseren Tierfabriken ist nicht nachhaltig und hat den Hunger in der Welt nicht besiegt, ganz im Gegenteil! Die Gentechnologie (Monsanto lässt grüssen) hat Bauern auf der ganzen Welt abhängig gemacht von wenigen Saatgutmonopolisten und die Ernährungskrisen in vielen Entwicklungsländern verstärkt. Für handarbeitsintensive Tätigkeiten werden auch bei uns auf vielen Betrieben rechtlose LandarbeiterInnen zu Hungerlöhnen beschäftigt.

Höchste Zeit für die Handelsdiplomaten der WTO in Genf, grundsätzlich über die Bücher zu gehen und zu akzeptieren, dass kleinbäuerliche Strukturen einen Ausweg aus der globalen Ernährungskrise sind und daher vielerorts eines gewissen Schutzes bedürfen. Die unterschiedlichen Produktionsbedingungen des Landbaus können nicht mit dem Industrie- und Dienstleistungssektor verglichen werden, es gibt keine einfache win-win Situation im Welthandel zwischen Agrar- und Industrieprodukten.

Das heisst, dass sehr wohl Exportsubventionen untersagt werden sollen, dass daneben aber im Interesse der lokalen Bevölkerung und der Umwelt (man denke nur an die unsäglichen Transportwege) Schutzmechanismen wie oekologische Direktzahlungen oder Zölle aufrecht erhalten bleiben können, ja müssen. Jedes Land sollte nicht nur das Recht haben, bäuerliche Landwirtschaft zu verteidigen, sondern geradezu die Pflicht haben, dies zu tun!

Der Weltlandwirtschaftsrat, zusammengesetzt aus 400 Wissenschaftern und Praktikern hat kürzlich in diesem Sinne ein radikales Umdenken in der Agrarpolitik gefordert. Der Hunger auf der Welt könne mit intakten kleinbäuerlichen Strukturen, mit angepasster Technologie und natürlichem, an die örtlichen Verhältnisse angepasstem Saatgut besser und nachhaltiger bekämpft werden als mit industriellen, lebensfeindlichen Anbauformen, sagte dieses hochkarätige Expertengremium. Vielleicht hat diese Haltung bereits zum wachsenden Selbstvertrauen vieler Kleinbauernvertreter beigetragen.

Ich denke, die Belange der Weltlandwirtschaft sollten in Zukunft wieder vermehrt im Rahmen der FAO (UN-Welternährungsorganisation) behandelt und gelöst werden. Zudem könnte eine zu schaffende starke globale UNO-Umweltorganisation angesichts drohender Klima- und Ernährungskatastrophen mehr zu deren Lösung beitragen als die auf Handelshemmnisse fixierte WTO.

Für die Aussenpolitik der Schweiz würde dies bedeuten: sich vermehrt in der Entwicklungszusammenarbeit und bei der Schaffung einer kompetenten globalen Umweltorganisation zu engagieren, statt sich weiterhin um die imageschädigende Verteidigung von Bankgeheimnis und Steuerhinteziehung zu bemühen. Innenpolitisch müsste die Förderung der umwelt- und tiergerechten (klein-)bäuerlichen Landwirtschaft in den Vordergrund gerückt werden. Regionale Qualität und Marktfrische vom Oekobauer statt Massenfood vom liberalisierten Weltmarkt.

Ruedi Baumann
(Gastkommentar in Sonntag AZ vom 3. August 2008)

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  1. angemerkt said, on November 4, 2008 at 12:55 pm

    Der Film „Monsanto, mit Gift und Genen“ von Marie-Monique Robin, gezeigt auf Arte am 11. März 2008, hat viele Menschen zutiefst berührt wie auch erschrocken.In der deutschen Fassung findet sich der Film unter http://lix.in/44aee301So bezeichnend wie beispielhaft ist in diesem Zusammenhang, mit welchem Selbstverständnis sich das Unternehmen Monsanto im deutschen Markt bewegt:So schaltet das Unternehmen bei der Zeitschrift http://www.topagrar.com – das „Magazin für die moderne Landwirtschaft“ – in dessen Forum es an Kritik gegen dem Unternehmen nicht mangelt, am 24. 10. 2008 eine Anzeige mit folgendem Wortlaut:„Suchen Sie die Herausforderung im Bereich Corporate Communications – und damit meinen wir wirklich eine Herausforderung, denn es geht um kontrovers diskutierte Themen? Gut. Sie können ein Unternehmen in der Öffentlichkeit vertreten, das als eines der weltweit führenden im Agrarsektor unter anderem gentechnisch verbessertes Saatgut von Nutzpflanzen entwickelt? Besser. Sie wollen wissenschaftlich fundierte Potentiale der Grünen Gentechnik weit verbreitetem Halbwissen entgegensetzen und offensiv kommunizieren? Ausgezeichnet. Wir freuen uns, wenn Sie mit Ihren kommunikativen Stärken unser Unternehmen bereichern – als PR-Manager (m/w) mit Schwerpunkt Corporate Communications. Das ist Ihre Aufgabe: Seriöse Wissenschaftler, Agrarökonomen und Entwicklungsexperten sind sich einig: Gentechnisch verändertes Saatgut verbessert die Erträge und die Qualität der Agrarproduktion unter gleichzeitiger Schonung natürlicher Ressourcen. Genau dies ist die Kernaussage der Kommunikationsstrategie, an der Sie mitarbeiten und die Sie umsetzen – mit verschiedenen Kommunikationsmitteln, über unterschiedliche Medien. Darüber hinaus suchen Sie aktiv den Kontakt zu Meinungsführern und -multiplikatoren, informieren und diskutieren.Das bringen Sie mit: Ob Sie ein Studium der Kommunikations- oder Naturwissenschaften abgeschlossen haben, ist nicht entscheidend. Viel wichtiger ist uns, dass Sie journalistisch schreiben und unsere Themen überzeugend und mit viel Gespür vertreten können – auch gegen Widerstände.Sie bringen mindestens 3 Jahre Berufserfahrung mit und sind interessiert an politisch-wirtschaftlichen Zusammenhängen. Sie haben ein gutes Standing, sind selbstständiges Arbeiten gewohnt und offen für Neues. Wenn Sie darüber hinaus noch sehr gute Englischkenntnisse mitbringen, sollten wir uns kennen lernen. Und das bieten wir Ihnen: Ein hoch interessantes, sehr innovatives und internationales Umfeld. Die Freiheit, viel bewegen zu können und Themen in der Öffentlichkeit zu setzen. Hervorragende Perspektiven und persönliche/fachliche Weiterentwicklung. Wir freuen uns auf Ihre Bewerbung – am besten per E-Mail anMonsanto Agrar Deutschland GmbH“ – siehe http://www.topagrar.com/ads/1008monsanto.pdfDer Text spricht für sich…

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  2. Filipe said, on Oktober 8, 2013 at 3:56 pm

    Hallo, prima Artikel. Umdenken im Welthandel ist kein leichte Aufgabe. Aucg genauso schwierig ist finden und kaufen Produkte, deren Herstellung weder der Umwelt noch anderen Menschen Schaden zufügt. Unser alltäglicher Konsum hat Einfluss auf die Natur und das Leben von Milliarden Menschen. Das wollte ich ändern!Darum habe ich mich um WeGreen engagiert. WeGreen bietet die Möglichkeit Produkte zu finden, deren Herstellung weder der Umwelt noch anderen Menschen unnötig Schaden zufügt.Filipe

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