AUSWANDERERBLOG

Laudatio

Posted in Diverses by ruedibaumann on Januar 26, 2011

Peter Liechti an den Filmtagen in Solothurn,
Jury-Bericht zu Simon Baumann, 25. 1. 2011, anlässlich der Bekanntgabe der Wettbewerbsgewinner

Liebe Anwesende, lieber Simon Baumann.

Obwohl diese Ausschreibung keineswegs als Nachwuchsförderung konzipiert wurde, stammten auffallend viele der interessanteren Eingaben von jungen Filmern und Filmerinnen. Auch du, Simon, bist noch jung und wirst mit deinem Filmprojekt „Zum Beispiel Suberg“ deinen ersten abendfüllenden Kinofilm realisieren. Du bist der Gewinner des neuen CH-Dokfilm-Wettbewerbs des Migros-Kulturprozents, und dazu möchte ich dir persönlich und im Namen der Jury ganz herzlich gratulieren!

Wie schon gesagt, wir haben im Rahmen dieses Wettbewerbs noch andere spannende Dossiers gelesen; ich wünsche deshalb auch den heute leer ausgegangenen MitbewerberInnen alles Gute und viel Erfolg bei der Realisierung ihrer Ideen. Schliesslich gibt es bei solchen Auswahl-Verfahren keine wirklich objektiven Kriterien, das heisst, es braucht auch immer etwas Glück. Mit diesem Jury-Entscheid hattest du also auch Glück, Simon – doch es gibt noch reichlich andere Gründe, um unseren Zuschlag zu deinem Projekt zu rechtfertigen, und die sollen hier kurz dargelegt werden:

Ich selbst und eigentlich auch die anderen Jury-Mitglieder gehören einer Generation an, die noch gegen zu viel Anpassung rebelliert und für die individuelle Verwirklichung gekämpft hatte. Integration in die helvetische Durchschnittlichkeit und Anbiederung an dörfliche Vereinsmeierei hätten wir als reinsten Ausdruck von Spiessertum und Rückständigkeit verstanden, den traditionellen Werten misstrauten wir zutiefst. Und nun kommt ein Simon Baumann, rund dreissig Jahre jünger, quasi einer unserer Söhne, und erzählt, dass er von Berlin nach Suberg ziehen möchte, um sich dort – 100 Meter vom alten Elternhaus entfernt – in die Dorfgemeinschaft zu integrieren und als Nachwuchs-Mitglied dem Suberger Gesangs-Verein beizutreten. Und er tut dies auf sehr überlegte und intelligente Weise; seine Drehvorlage ist derart klar geschrieben – und bebildert!, dass wir ihm ohne weiteres folgen können auf dieser ganz persönlichen Reise ins Landesinnere. So zielt denn sein Film nicht nur auf Kernprobleme, wie wir sie heute in unserem Land überall antreffen, sondern er thematisiert über seine Eltern auch die Kämpfe und Ideen, die uns – die mittlerweile ältere Generation – früher umgetrieben hatten, und was heute daraus geworden ist. Simons Eltern, engagierte Linke und Alternative, die damals politisch äusserst aktiv und entsprechend unbeliebt waren im Dorf – wurden schliesslich aus dem Ort vertrieben, und nun kehrt der Sohn zurück, nicht nur mit einem Film-, sondern auch gleich noch mit einem persönlichen Lebens-Projekt. Filmerei wird dadurch zu einer Art aktiv gelebter Fragestellung, in der Hoffnung, auf diesem Weg einige Antworten zu finden auf die grundsätzlichen Themen unserer Zeit. Ich zitiere hierzu zwei Beispiele aus seinem Dossier-Text:
„…Heute kann sich der einzelne dreimal soviel Konsumgüter leisten wie vor dreissig Jahren. Laut der Glücksforschung ist aber die Lebenszufriedenheit in den westlichen Industrienationen seit Ende der Siebziger-Jahre nicht mehr angestiegen, sondern teilweise gar rückläufig. Ich bin also wissenschaftlich belegt nicht glücklicher als mein Grossvater, obwohl ich viel weniger arbeite und mir dreimal mehr leisten kann. Kommt hinzu, dass ich mit meiner Lebensart die Umwelt um ein Mehrfaches belaste.“

Seinen Grossvater kennt Simon nur von Fotos; beim Betrachten dieser Bilder sinniert er, dieser wirke „abegwärchet“ aber stets glücklich…
„Das irritiert mich.“, schreibt er, „Wo nimmt einer diese Zufriedenheit her, wenn er als Pächter sieben Tage die Woche vierzehn Stunden hart arbeitet und dabei kaum etwas verdient? Ich vermute, dass die feste Verankerung in der Dorfgemeinschaft etwas damit zu tun hat.“…

Und weiter heisst es – im Hinblick auf seine künftige Vereinstätigkeit in Suberg:
„Die Jungen haben sich vom traditionellen Vereinsleben verabschiedet. Den
Vereinen fehlt der Nachwuchs und sie sterben aus. Geht damit etwas Wichtiges verloren, oder lebt es nur anderswo in neuer Form weiter? Ersetzen Internet-Foren den Gesangsverein, oder die Handy-Antenne den Dorfladen?“

Wir, die Jury, hoffen natürlich, dass Simon bei seiner „Heimkehr“ ins Dorf nicht nur singen lernt, sondern auch immer wieder fündig wird bei seiner filmischen Bestandesaufnahme im schweizerischen Nomansland. Das Script zu „Suberg“ verspricht jedenfalls eine spannende soziologisch-psychologische Analyse. Der heterogene, witzige Kosmos dieses Dorfes im gesichtslosen Mittelland wird aus nächster Nähe miterlebt; was dort im Kleinen gezeigt wird, ist heute beispielhaft für die schweizerische Community…

Noch überzeugender hat es Simon selbst formuliert in den abschliessenden Ausführungen zu seiner Motivation für diesen Film; ich zitiere:
„Aus der Ferne betrachtet ist Suberg wahrscheinlich nur ein globalisiertes Bauerndorf in der politisch zunehmend isolierten Schweiz. Ein Dorf irgendwo in den Vororten des Schweizer Finanzplatzes. Man sagt, die Welt sei ein Dorf geworden. Nehmen wir für einen Moment an, dieses Dorf heisse zum Beispiel Suberg. Dann können wir hier die ganze Welt sehen.“

Wir wünschen dir, Simon, und deinem Produzenten Dieter Fahrer, dass euch genau das gelingen wird. Wir freuen uns auf diesen Film und wünschen euch bei der Umsetzung dieser schönen Worte in ein Stück Kino noch einmal viel Glück!
Peter Liechti

Eine Antwort

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  1. Christine said, on Januar 30, 2011 at 5:57 pm

    Herzliche Gratulation Simon Baumann!

    Gefällt mir


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