„Die Menschen sind nicht glücklicher“
Tagesanzeiger vom 23. Februar 2014
Aktualisiert um 12:00 99 Kommentare
Wohlstand, grüne Wiesen und Ausländerhass: Die Filmemacher Simon Baumann und Andreas Pfiffner über Dörfer wie das bernische Suberg und die Auswirkungen der Masseneinwanderungsinitiative.
Warum Nein?
Kilian Baumann (33) Bauer aus Suberg
«Ich bin es gewohnt, nicht gleicher Meinung zu sein wie andere Bauern: Ich bin Biobauer und Mitglied der Grünen Partei. Darum brauchte es nicht viel Mut, anders zu stimmen als meine Kollegen. Hier auf dem Land spürte ich schon an Weihnachten, dass die Initiative angenommen werden könnte. Unter den Büezern und Bauern war die Zustimmung sehr hoch. Ausgerechnet ländliche Regionen, welche unter Abwanderung leiden, fürchteten sich vor Zuwanderung – eigentlich eine Glanzleistung der SVP-Propaganda.
Unter Bauern drehten sich die Diskussionen vor allem um den grossen Landverschleiss. Um die Angst, dass fruchtbares Kulturland zubetoniert wird. Ich finde auch, dass man die Wachstumsfrage stellen und die Raumplanung überdenken muss. Aber es ist lächerlich, dass nun die Landwirte den Ausländern die Schuld am Kulturlandverlust zuschieben: Viele Bauern haben ihr Land verkauft und sind dadurch zu Millionären geworden.
Die Landwirtschaft ist stark von der Initiative betroffen, das war mit ein Grund, warum ich Nein stimmte. Gerade hier im Seeland, wo es viele Gemüse- und Obstproduzenten gibt, haben die Bauern von der Personenfreizügigkeit profitiert. Es werden sehr viele polnische und portugiesische Arbeiter angestellt. Nun bin ich besorgt, dass man in Zukunft entscheiden muss, ob ein CEO oder ein Obstpflücker geholt werden soll und die Landwirtschaft da den Kürzeren zieht. Und nicht zuletzt geht es mir um Menschlichkeit. Dass der Familiennachzug eingeschränkt werden soll, finde ich inakzeptabel. Arbeiter sind auch Menschen und haben ein Anrecht darauf, dass der Partner mitreisen darf.»
Frankreich droht (zurecht)
Die Abstimmung vom 9. Februar habe gezeigt, wie Rechtsaussen-Politiker die Gesetze eines Landes umformen können: Frankreichs Industrieminister Arnaud Montebourg.
„Die Schweiz kommt noch auf die Welt“
„Wer an Europa zweifelt, sollte wieder mal die Soldatenfriedhöfe besichtigen“
„Nationalstaatliches Denken führt in Egoismus, Feindschaft und Katastrophen.“
„Nationen gewinnen an Souveränität, wenn sie ihre Entscheidungsbefugnisse „poolen“, also bestimmte Kompetenzen einer überstaatlichen Instanz überlassen.“
Der Nebel lichtet sich allmählich…
„Empört euch!“
Als Auslandschweizer liegt natürlich die Frage nahe, was würde ich empfinden, wenn mein Gastland einen Mehrheitsentscheid gegen die sogenannte „Masseneinwanderung“ fällen würde…
Hand aufs Herz: ich könnte mir nicht vorstellen, weiter in einem Land zu leben, wenn man die Mehrheit gegen sich weiss, auch wenn ich seit langem eingebürgerter Français bin!
Wie muss sich ein Ausländer im gottverlassenen Horrenbach-Buchen fühlen (es gibt nur zwei Ausländer dort), wenn die eigene Wohngemeinde mit 94% beschliesst, dass es zuviel Ausländer in unserem Land gibt!
Ich wundere mich, dass all‘ die AusländerInnen die in unseren Spitälern und Altersheimen die schwierige Arbeit machen, jetzt nicht aufheulen, sondern weiterhin brav von früh bis spät die vielen Fremdenhasser gesundpflegen!
Ich würde sofort streiken! Nur um so für ein paar Tage zu zeigen, was Ausländerinnen und Ausländer für unseren Wohlstand leisten! Vielleicht würde das die vielen fremdenfeindlichen Populisten langsam wieder zur Vernunft bringen!
„Ausländer raus“
Unglaublich aber wahr: eine knappe Mehrheit der Schweizer StimmbürgerInnen hat die „Masseneinwanderungsinitiative“ der SVP angenommen! Nun hat die Schweiz ein Problem, ein gröberes Problem sogar. Schönreden hilft nicht weiter. Die Rechtspopulisten aus ganz Europa frohlocken und gratulieren der Schweiz zu ihrem Entscheid.
( Karikatur Felix Schaad, Tages-Anzeiger)
Erstaunlich ist ja, dass nicht etwa die BewohnerInnen der grossen Städte die Mär vom „Dichtestress“ und von der „Überfremdung“ geglaubt haben, sondern vor allem die ländliche Bevölkerung die das alles nur vom Hörensagen kennt (die Stadt Bern lehnt die rassistische Initiative mit 72% ab, Horrenbach-Buchen nimmt sie mit 117 zu 8 Stimmen an!).
Die jahrelange Hetze der Rechtspopulisten trägt leider Früchte, faule Früchte!
Und einen Tick voraus
Grüne Kanton Bern
Am 30 März sind im Kanton Bern Grossrats- und Regierungsratswahlen
Nicht schwarz malen, grün wählen!
Geld statt Geist
In der Schweiz können Abstimmungs- und Wahlresultate gekauft werden. Ohne irgendwelche Einschränkungen dürfen unbeschränkt in Gelder in die Politpropaganda eingesetzt werden. Offen oder verdeckt. Das macht die vielgerühmte direkte Demokratie zum Spielball der Geldflüsse.
Von den politischen Parteien verfügt die SVP mit ihrem milliardenschweren Geldgeber und Guru über mehr Mittel als alle anderen politischen Parteien zusammen. Die Schweiz würde anders aussehen ohne die Blochermillionen.
Resultatoffen sind Abstimmungskämpfe nur dann noch, wenn der ebenfalls finanziell gut dotierte Dachverband der Schweizer Arbeitgeber, Economiesuisse, zufällig nicht für die gleichen Ziele kämpft wie die SVP. Darum bleibt beispielsweise der Ausgang der Abstimmung über die SVP-Abschottungsinitiative offen. Oder wenn sich beide grossen Geldgeber nicht besonders engagieren.
Natürlich behauptet die NZZ nach wie vor, dass der Stimmbürger mündig sei und sich durch Propagandawalze nicht beeinflussen lasse. Schön wär’s! (NZZ)
Eigentlich himmeltraurig, dass ausgerechnet die Schweiz das letzte europäische Land ist, das auf Transparenz und vernünftige Regelungen bei der Wahl- und Abstimmungspropaganda verzichtet.
Oder glauben Sie wirklich, dass beispielsweise ein Schneider-Ammann ohne unverhältnismässig hohen Mitteleinsatz je Nationalrat geworden wäre?
Oder dass der EWR abgelehnt worden wäre?
Oder dass die Mindestlohninitiative eine Chance haben wird?
Filme mit Haltung
Filmautoren für das Schweizer Fernsehen sollten wieder mehr Haltung zeigen und Farbe bekennen sagt Christian Jungen in einem interessanten NZZ-Artikel:
„Einen Film mit Haltung zu drehen, heisst nicht, dass der Regisseur eine politische Parole propagiert. Es bedeutet, dass er sich einbringt, dass er, ausgehend von seinem Wertsystem, seiner Weltsicht, auf persönliche Weise Themen, Figuren und Ästhetik prägt. Im Dokumentarfilm tun dies unsere Regisseure zurzeit mit grossem Erfolg und bewundernswertem Mut. Simon Baumann verhandelt anhand seiner Biografie in «Zum Beispiel Suberg» das Problem der Schlaf-Dörfer, in «Karma Shadub» arbeitet Ramon Giger aufs Schmerzlichste sein Verhältnis zu seinem Vater auf.
Spielfilme dagegen widmen sich oft kleinen Themen. Sie drehen sich, wie «Recycling Lily» und «Lovely Louise», um Erwachsene, die noch beim Mami wohnen, und hören dort auf, wo das Drama erst beginnen würde.“
„Das Fernsehen wolle die kritischen Themen nicht, berichten Produzenten im Gespräch. Haltung wäre, sie trotzdem umzusetzen – ohne das Fernsehen gegen das Fernsehen! Oder wie es Godard postulierte: Es gälte nicht, «politische Filme zu machen, sondern Filme politisch zu machen».“
Ich bin genau gleicher Meinung. Also, liebes Schweizer Fernsehen, endlich wieder etwas mehr Mut und Haltung, auch zur Hauptsendezeit, und nicht nur seichtes, belangloses Unterhaltungsgemümmel!





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