„Die Schweiz kommt noch auf die Welt“
„Wer an Europa zweifelt, sollte wieder mal die Soldatenfriedhöfe besichtigen“
„Nationalstaatliches Denken führt in Egoismus, Feindschaft und Katastrophen.“
„Nationen gewinnen an Souveränität, wenn sie ihre Entscheidungsbefugnisse „poolen“, also bestimmte Kompetenzen einer überstaatlichen Instanz überlassen.“
Der Nebel lichtet sich allmählich…
„Empört euch!“
Als Auslandschweizer liegt natürlich die Frage nahe, was würde ich empfinden, wenn mein Gastland einen Mehrheitsentscheid gegen die sogenannte „Masseneinwanderung“ fällen würde…
Hand aufs Herz: ich könnte mir nicht vorstellen, weiter in einem Land zu leben, wenn man die Mehrheit gegen sich weiss, auch wenn ich seit langem eingebürgerter Français bin!
Wie muss sich ein Ausländer im gottverlassenen Horrenbach-Buchen fühlen (es gibt nur zwei Ausländer dort), wenn die eigene Wohngemeinde mit 94% beschliesst, dass es zuviel Ausländer in unserem Land gibt!
Ich wundere mich, dass all‘ die AusländerInnen die in unseren Spitälern und Altersheimen die schwierige Arbeit machen, jetzt nicht aufheulen, sondern weiterhin brav von früh bis spät die vielen Fremdenhasser gesundpflegen!
Ich würde sofort streiken! Nur um so für ein paar Tage zu zeigen, was Ausländerinnen und Ausländer für unseren Wohlstand leisten! Vielleicht würde das die vielen fremdenfeindlichen Populisten langsam wieder zur Vernunft bringen!
„Ausländer raus“
Unglaublich aber wahr: eine knappe Mehrheit der Schweizer StimmbürgerInnen hat die „Masseneinwanderungsinitiative“ der SVP angenommen! Nun hat die Schweiz ein Problem, ein gröberes Problem sogar. Schönreden hilft nicht weiter. Die Rechtspopulisten aus ganz Europa frohlocken und gratulieren der Schweiz zu ihrem Entscheid.
( Karikatur Felix Schaad, Tages-Anzeiger)
Erstaunlich ist ja, dass nicht etwa die BewohnerInnen der grossen Städte die Mär vom „Dichtestress“ und von der „Überfremdung“ geglaubt haben, sondern vor allem die ländliche Bevölkerung die das alles nur vom Hörensagen kennt (die Stadt Bern lehnt die rassistische Initiative mit 72% ab, Horrenbach-Buchen nimmt sie mit 117 zu 8 Stimmen an!).
Die jahrelange Hetze der Rechtspopulisten trägt leider Früchte, faule Früchte!
Und einen Tick voraus
Grüne Kanton Bern
Am 30 März sind im Kanton Bern Grossrats- und Regierungsratswahlen
Nicht schwarz malen, grün wählen!
Geld statt Geist
In der Schweiz können Abstimmungs- und Wahlresultate gekauft werden. Ohne irgendwelche Einschränkungen dürfen unbeschränkt in Gelder in die Politpropaganda eingesetzt werden. Offen oder verdeckt. Das macht die vielgerühmte direkte Demokratie zum Spielball der Geldflüsse.
Von den politischen Parteien verfügt die SVP mit ihrem milliardenschweren Geldgeber und Guru über mehr Mittel als alle anderen politischen Parteien zusammen. Die Schweiz würde anders aussehen ohne die Blochermillionen.
Resultatoffen sind Abstimmungskämpfe nur dann noch, wenn der ebenfalls finanziell gut dotierte Dachverband der Schweizer Arbeitgeber, Economiesuisse, zufällig nicht für die gleichen Ziele kämpft wie die SVP. Darum bleibt beispielsweise der Ausgang der Abstimmung über die SVP-Abschottungsinitiative offen. Oder wenn sich beide grossen Geldgeber nicht besonders engagieren.
Natürlich behauptet die NZZ nach wie vor, dass der Stimmbürger mündig sei und sich durch Propagandawalze nicht beeinflussen lasse. Schön wär’s! (NZZ)
Eigentlich himmeltraurig, dass ausgerechnet die Schweiz das letzte europäische Land ist, das auf Transparenz und vernünftige Regelungen bei der Wahl- und Abstimmungspropaganda verzichtet.
Oder glauben Sie wirklich, dass beispielsweise ein Schneider-Ammann ohne unverhältnismässig hohen Mitteleinsatz je Nationalrat geworden wäre?
Oder dass der EWR abgelehnt worden wäre?
Oder dass die Mindestlohninitiative eine Chance haben wird?
Filme mit Haltung
Filmautoren für das Schweizer Fernsehen sollten wieder mehr Haltung zeigen und Farbe bekennen sagt Christian Jungen in einem interessanten NZZ-Artikel:
„Einen Film mit Haltung zu drehen, heisst nicht, dass der Regisseur eine politische Parole propagiert. Es bedeutet, dass er sich einbringt, dass er, ausgehend von seinem Wertsystem, seiner Weltsicht, auf persönliche Weise Themen, Figuren und Ästhetik prägt. Im Dokumentarfilm tun dies unsere Regisseure zurzeit mit grossem Erfolg und bewundernswertem Mut. Simon Baumann verhandelt anhand seiner Biografie in «Zum Beispiel Suberg» das Problem der Schlaf-Dörfer, in «Karma Shadub» arbeitet Ramon Giger aufs Schmerzlichste sein Verhältnis zu seinem Vater auf.
Spielfilme dagegen widmen sich oft kleinen Themen. Sie drehen sich, wie «Recycling Lily» und «Lovely Louise», um Erwachsene, die noch beim Mami wohnen, und hören dort auf, wo das Drama erst beginnen würde.“
„Das Fernsehen wolle die kritischen Themen nicht, berichten Produzenten im Gespräch. Haltung wäre, sie trotzdem umzusetzen – ohne das Fernsehen gegen das Fernsehen! Oder wie es Godard postulierte: Es gälte nicht, «politische Filme zu machen, sondern Filme politisch zu machen».“
Ich bin genau gleicher Meinung. Also, liebes Schweizer Fernsehen, endlich wieder etwas mehr Mut und Haltung, auch zur Hauptsendezeit, und nicht nur seichtes, belangloses Unterhaltungsgemümmel!
Wir erleben das Sterben des Nationalsaats
„Nation ist der Trick, mit dem erreicht wurde, dass eine Fabrikarbeiterin geglaubt hat, dass sie mehr Gemeinsamkeiten mit der Gattin des Fabrikdirektors hat als mit Arbeiterinnen eines anderen Landes. Das Ergebnis war, dass Arbeiter verschiedener Nationen aufeinander geschossen haben und gemeinsam verreckt sind.“
Robert Menasse
Boden gutmachen?
Die Region Bern-Mittelland will Boden gutmachen. Sie will zusätzlichen Wohnraum und neue Arbeitsplätze schaffen und den kantonalen Wirtschaftsmotor in Schwung bringen. Um dieses Ziel zu erreichen, seien Verdichtung bestehender Siedlungsgebiete und Einzonungen an gut erschlossenen Lagen notwendig.
Mit dem Aufruf «Boden gutmachen» stösst die Region Bern – Mittelland eine Debatte zu Wachstum, Bautätigkeit und regionaler Entwicklung an.
Man ortet eine „Wachstumsschwäche“ im Kanton Bern und glaubt, man müsse dem Raum Bern unbedingt mehr wirtschaftlichen Schwung verleihen.
Muss man das?
Gegen die Verdichtung bestehender Siedlungsgebiete ist bestimmt nichts einzuwenden. Bei Neu-Einzonungen an gut erschlossenen Lagen wird es hingegen schon problematischer. Was heisst „gut erschlossene Lagen“? Ist beispielsweise die „Siedlungsachse“ Thun – Bern – Biel damit potentielles Bauland?
Noch problematischer wird es, wenn man fordert, der Strukturwandel in der Landwirtschaft müsse forciert werden, und darunter einfach eine laufende Vergrösserung der bestehenden Landwirtschaftsbetriebe versteht.
Boden gutmachen würde für mich bedeuten, endlich ein Bodenrecht zu erlassen, das vernünftige Strukturen für Stadt und Land ermöglichen würde. Es nützt wenig, die Höfe zu vergrössern, wenn sie laufend in noch mehr Kleinparzellen aufgeteilt werden.
Eine Revision des bäuerlichen Bodenrechtes würde zweifellos die Eigentümerrechte etwas einschränken, dafür langfristig vernünftige Strukturen ermöglichen.
Ein andermal mehr darüber.
Wenn alle nur noch für sich sein wollen
Simon Baumanns Dokumentarfilm «Zum Beispiel Suberg» – eine schweizerische Dorfchronik
Simon Baumanns Dokumentation «Zum Beispiel Suberg» ist eine schweizerische Dorfchronik, die es in sich hat. Zwischen Sarkasmus und Melancholie beschreibt der Film den offenbar unvermeidlichen Strukturwandel im Berner Seeland.
Geri Krebs in der NZZ vom 29.11.2019
1975 war für die Familie Baumann, seit Generationen in Suberg lebend, das Jahr eines einschneidenden Ereignisses. Im Rückblick markierte es aber auch den Beginn eines Epochenwandels in dem Dorf im Berner Seeland, wo zu jener Zeit noch zwölf Bauernbetriebe existierten. Der plötzliche Tod von Rudolf Baumann, Grossvater des Filmemachers Simon Baumann, im Oktober jenes Jahres und das anschliessende Begräbnis wurden von der Dorfgemeinschaft mit einem feierlichen Trauerzug für den als Bauer, Feuerwehrkommandant und Präsident der Musikgesellschaft hochangesehenen Mann gewürdigt. Es war das letzte Mal in der Geschichte des Dorfes, dass einem Verstorbenen solcherart die letzte Ehre erwiesen wurde.
In der Anonymität
Baumann, Jahrgang 1981, kennt Begebenheiten wie die geschilderte nur aus Erzählungen seiner Eltern und aus Fotoalben, aber auch aus Filmaufnahmen, die sein Onkel, ein Super-8-Amateurfilmer, seit 1970 gemacht hatte. Mit solchem Material im Hintergrund, unterlegt mit seiner berndeutschen Kommentatorenstimme, geht Baumann in seinem ersten Kinodokumentarfilm im Alleingang auf Forschungsreise, die zwar die eigene Person ins Zentrum stellt, aber einen objektiven Sachverhalt umkreist: jenen Wandel, der im schweizerischen Mittelland in den letzten vierzig Jahren aus Bauerndörfern mit starkem sozialem Zusammenhalt anonyme Schlaforte gemacht hat, wo heute keiner mehr keinen kennt oder kennen will.
«Abfahre, oder mues i de Polizei aalüüte», droht ein Wutbürger von der Tür seines Einfamilienhauses aus dem Filmemacher. Dabei hatte dieser sich nur höflich vorgestellt und den Wunsch nach einem Gespräch zur Dorfentwicklung geäussert – es bleibt nicht die einzige schroffe Bekundung der Ablehnung, die Baumann entgegenschlägt. Wobei nicht ganz klar ist, ob so extreme Reaktionen nur Baumanns Ansinnen oder eher seiner familiären Vorbelastung geschuldet sind. Simon Baumann ist nämlich Sohn des bekannten Politikerehepaares Ruedi und Stefanie Baumann. Die beiden hatten sich in den 1980ern und 1990ern als Kleinbauern und Nationalräte von SP und GP starkgemacht für mehr Ökologie in der Landwirtschaft und auch jenen Strukturwandel bekämpft, den nun ihr Sohn in «Zum Beispiel Suberg» thematisiert. Zwar hatte das Engagement des Ehepaares nur mässigen Erfolg, es wanderte 2002 nach Frankreich aus und überliess Bauernhof und Stöckli den beiden Söhnen – im Kampf gegen die Veränderungen in Subergs Ortsbild hatten es die Baumanns aber immerhin geschafft, eine geplante Strassenunterführung unter der das Dorf durchschneidenden Bahnlinie Bern–Biel zu verhindern. Statt der Unterführung gibt es dort noch heute eine häufig geschlossene Bahnschranke, ein Dauerärgernis für so manchen motorisierten Suberger.
Dokument des Strukturwandels
Mit einer Mischung aus subtiler Ironie und ernsthaftem Sendungsbewusstsein geht Baumann auch diese Themenkomplexe an, die seine eigene familiäre Vergangenheit berühren, und wird dabei immer wieder auch zur Filmfigur, gemahnend an Michael Moore oder auch Buster Keaton. In seiner Balance aus Sarkasmus und melancholischer Erkenntnis über den offenbar unvermeidlichen Lauf der Dinge ist das genial und verrät die Hand eines so begabten filmischen Rechercheurs wie begnadeten Selbstdarstellers. Dabei entbehrt «Zum Beispiel Suberg» in wohltuender Weise des Klamauks und der allzu vordergründigen Komik, die letztes Jahr die satirische Dokumentation «Image Problem» kennzeichnete, bei der Baumann als Koautor mit von der Partie war. Zwar sind Gespräche mit Einfamilienhausbesitzern über Gartenhecken hinweg – ein Markenzeichen jenes Films – auch in «Zum Beispiel Suberg» ein gerne gebrauchtes Element, das unweigerlich die Lachmuskeln strapaziert. Aber in seiner Essenz ist der Film ein äusserst gelungenes Dokument des Strukturwandels in der ländlichen Schweiz. Es wirkt wie eine Synthese all jener «neuen Heimatfilme», die seit rund einem halben Jahrzehnt im Schweizer Filmschaffen so erfolgreich sind. Antworten auf die Frage, warum in unserer Gesellschaft die Vereinzelung immer mehr zunimmt, liefert dabei freilich auch Simon Baumann nicht. Und das ist gut so.



2 comments