Wir erleben das Sterben des Nationalsaats
„Nation ist der Trick, mit dem erreicht wurde, dass eine Fabrikarbeiterin geglaubt hat, dass sie mehr Gemeinsamkeiten mit der Gattin des Fabrikdirektors hat als mit Arbeiterinnen eines anderen Landes. Das Ergebnis war, dass Arbeiter verschiedener Nationen aufeinander geschossen haben und gemeinsam verreckt sind.“
Robert Menasse
Boden gutmachen?
Die Region Bern-Mittelland will Boden gutmachen. Sie will zusätzlichen Wohnraum und neue Arbeitsplätze schaffen und den kantonalen Wirtschaftsmotor in Schwung bringen. Um dieses Ziel zu erreichen, seien Verdichtung bestehender Siedlungsgebiete und Einzonungen an gut erschlossenen Lagen notwendig.
Mit dem Aufruf «Boden gutmachen» stösst die Region Bern – Mittelland eine Debatte zu Wachstum, Bautätigkeit und regionaler Entwicklung an.
Man ortet eine „Wachstumsschwäche“ im Kanton Bern und glaubt, man müsse dem Raum Bern unbedingt mehr wirtschaftlichen Schwung verleihen.
Muss man das?
Gegen die Verdichtung bestehender Siedlungsgebiete ist bestimmt nichts einzuwenden. Bei Neu-Einzonungen an gut erschlossenen Lagen wird es hingegen schon problematischer. Was heisst „gut erschlossene Lagen“? Ist beispielsweise die „Siedlungsachse“ Thun – Bern – Biel damit potentielles Bauland?
Noch problematischer wird es, wenn man fordert, der Strukturwandel in der Landwirtschaft müsse forciert werden, und darunter einfach eine laufende Vergrösserung der bestehenden Landwirtschaftsbetriebe versteht.
Boden gutmachen würde für mich bedeuten, endlich ein Bodenrecht zu erlassen, das vernünftige Strukturen für Stadt und Land ermöglichen würde. Es nützt wenig, die Höfe zu vergrössern, wenn sie laufend in noch mehr Kleinparzellen aufgeteilt werden.
Eine Revision des bäuerlichen Bodenrechtes würde zweifellos die Eigentümerrechte etwas einschränken, dafür langfristig vernünftige Strukturen ermöglichen.
Ein andermal mehr darüber.
Wenn alle nur noch für sich sein wollen
Simon Baumanns Dokumentarfilm «Zum Beispiel Suberg» – eine schweizerische Dorfchronik
Simon Baumanns Dokumentation «Zum Beispiel Suberg» ist eine schweizerische Dorfchronik, die es in sich hat. Zwischen Sarkasmus und Melancholie beschreibt der Film den offenbar unvermeidlichen Strukturwandel im Berner Seeland.
Geri Krebs in der NZZ vom 29.11.2019
1975 war für die Familie Baumann, seit Generationen in Suberg lebend, das Jahr eines einschneidenden Ereignisses. Im Rückblick markierte es aber auch den Beginn eines Epochenwandels in dem Dorf im Berner Seeland, wo zu jener Zeit noch zwölf Bauernbetriebe existierten. Der plötzliche Tod von Rudolf Baumann, Grossvater des Filmemachers Simon Baumann, im Oktober jenes Jahres und das anschliessende Begräbnis wurden von der Dorfgemeinschaft mit einem feierlichen Trauerzug für den als Bauer, Feuerwehrkommandant und Präsident der Musikgesellschaft hochangesehenen Mann gewürdigt. Es war das letzte Mal in der Geschichte des Dorfes, dass einem Verstorbenen solcherart die letzte Ehre erwiesen wurde.
In der Anonymität
Baumann, Jahrgang 1981, kennt Begebenheiten wie die geschilderte nur aus Erzählungen seiner Eltern und aus Fotoalben, aber auch aus Filmaufnahmen, die sein Onkel, ein Super-8-Amateurfilmer, seit 1970 gemacht hatte. Mit solchem Material im Hintergrund, unterlegt mit seiner berndeutschen Kommentatorenstimme, geht Baumann in seinem ersten Kinodokumentarfilm im Alleingang auf Forschungsreise, die zwar die eigene Person ins Zentrum stellt, aber einen objektiven Sachverhalt umkreist: jenen Wandel, der im schweizerischen Mittelland in den letzten vierzig Jahren aus Bauerndörfern mit starkem sozialem Zusammenhalt anonyme Schlaforte gemacht hat, wo heute keiner mehr keinen kennt oder kennen will.
«Abfahre, oder mues i de Polizei aalüüte», droht ein Wutbürger von der Tür seines Einfamilienhauses aus dem Filmemacher. Dabei hatte dieser sich nur höflich vorgestellt und den Wunsch nach einem Gespräch zur Dorfentwicklung geäussert – es bleibt nicht die einzige schroffe Bekundung der Ablehnung, die Baumann entgegenschlägt. Wobei nicht ganz klar ist, ob so extreme Reaktionen nur Baumanns Ansinnen oder eher seiner familiären Vorbelastung geschuldet sind. Simon Baumann ist nämlich Sohn des bekannten Politikerehepaares Ruedi und Stefanie Baumann. Die beiden hatten sich in den 1980ern und 1990ern als Kleinbauern und Nationalräte von SP und GP starkgemacht für mehr Ökologie in der Landwirtschaft und auch jenen Strukturwandel bekämpft, den nun ihr Sohn in «Zum Beispiel Suberg» thematisiert. Zwar hatte das Engagement des Ehepaares nur mässigen Erfolg, es wanderte 2002 nach Frankreich aus und überliess Bauernhof und Stöckli den beiden Söhnen – im Kampf gegen die Veränderungen in Subergs Ortsbild hatten es die Baumanns aber immerhin geschafft, eine geplante Strassenunterführung unter der das Dorf durchschneidenden Bahnlinie Bern–Biel zu verhindern. Statt der Unterführung gibt es dort noch heute eine häufig geschlossene Bahnschranke, ein Dauerärgernis für so manchen motorisierten Suberger.
Dokument des Strukturwandels
Mit einer Mischung aus subtiler Ironie und ernsthaftem Sendungsbewusstsein geht Baumann auch diese Themenkomplexe an, die seine eigene familiäre Vergangenheit berühren, und wird dabei immer wieder auch zur Filmfigur, gemahnend an Michael Moore oder auch Buster Keaton. In seiner Balance aus Sarkasmus und melancholischer Erkenntnis über den offenbar unvermeidlichen Lauf der Dinge ist das genial und verrät die Hand eines so begabten filmischen Rechercheurs wie begnadeten Selbstdarstellers. Dabei entbehrt «Zum Beispiel Suberg» in wohltuender Weise des Klamauks und der allzu vordergründigen Komik, die letztes Jahr die satirische Dokumentation «Image Problem» kennzeichnete, bei der Baumann als Koautor mit von der Partie war. Zwar sind Gespräche mit Einfamilienhausbesitzern über Gartenhecken hinweg – ein Markenzeichen jenes Films – auch in «Zum Beispiel Suberg» ein gerne gebrauchtes Element, das unweigerlich die Lachmuskeln strapaziert. Aber in seiner Essenz ist der Film ein äusserst gelungenes Dokument des Strukturwandels in der ländlichen Schweiz. Es wirkt wie eine Synthese all jener «neuen Heimatfilme», die seit rund einem halben Jahrzehnt im Schweizer Filmschaffen so erfolgreich sind. Antworten auf die Frage, warum in unserer Gesellschaft die Vereinzelung immer mehr zunimmt, liefert dabei freilich auch Simon Baumann nicht. Und das ist gut so.
Programmhinweis: Fernsehpremière!
Für alle die den satirischen Dokumentarfilm Image Problem noch nicht gesehen haben:
Am Mittwochabend 13. November 2013 um 20:00 Uhr wird auf SRF zwei der vieldiskutierte, vielgerühmte und von der Weltwoche verrissene Film erstmals ausgestrahlt:
Das Image der Schweiz leidet unter Steuerstreit, Bankgeheimnis und ausbeuterischen Rohstofffirmen – höchste Zeit, das ramponierte Ansehen im Ausland wiederherzustellen. Die beiden Filmemacher Simon Baumann und Andreas Pfiffner wagen den Versuch, einen «Image-Film» für ihr Heimatland zu drehen. Dabei treffen sie auf Bauern, Schrebergärtner, aufrechte Bürger, Ausländer, Goldküsten-Villenbesitzer, Journalisten und Touristen, aber auch auf zahlreiche irritierte Ausländer. Mit viel Elan und Humor suchen die beiden einen Weg, das angeschlagene Image der Schweiz zu retten.
Die Schweiz sieht sich gerne als Hort der Freiheit und der Unabhängigkeit. Doch ihr Image ist bei weitem nicht mehr so glanzvoll, wie die Schweizerinnen und Schweizer dies gerne hätten. Fast täglich demontieren negative Schlagzeilen zu Steuerstreit, Bankgeheimnis oder Einschränkung der Personenfreizügigkeit das Bild der neutralen, demokratischen Schweiz.
Die beiden Filmemacher Simon Baumann und Andreas Pfiffner wollen die Schweiz wieder in ein besseres Licht rücken. Wie dies möglich wär, wissen die beiden auch nicht so genau. Also befragen sie kurzerhand authentische Bürgerinnen und Bürger auf der Strasse, ziehen von Einfamilienhaus zu Einfamilienhaus und wagen sogar einen Sprung ins deutsche Nachbarland. Auch PR-Fachleute und einen deutschen Image-Fachmann ziehen sie hinzu.
Entstanden ist ein satirischer Dokumentarfilm, der mit eigenwilligen Mitteln den Mangel an Solidarität und zunehmende Fremdenfeindlichkeit im Kleinstaat Schweiz entlarvt. Der Film, am Filmfestival Locarno 2012 uraufgeführt, wurde zu einem der meistdiskutierten Werke am Festival.
Wem gehört das Ackerland?
„Bauernland in Bauernhand“, das war einmal. Auch hier in Frankreich hat der Pachtlandanteil geradezu dramatisch zugenommen. Inzwischen ist mehr als drei Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche (SAU, surface agricole utile) nicht mehr im Besitz der Bewirtschafter! Die untenstehende Grafik zeigt die Entwicklung zu immer mehr Pachtland im Laufe der Zeit. Insbesondere in der Nordhälfte des Landes ist nur noch wenig Bauernland im Eigentum von Einzelbauern.
Allerdings hängt diese Entwicklung auch mit dem Trend zusammen, dass grössere Betriebe in Frankreich zunehmend als juristische Gesellschaften (S.C.E.A.; GAEC; usw.) organisiert sind.
Die Preise für Kulturland steigen zwar auch in Frankreich laufend an. Allerdings sind sie mit 5 bis 6000 €uros pro Hektare 10 bis 20 mal tiefer als in der Schweiz!
Heimat, verzweifelt gesucht
Heimat, verzweifelt gesucht
Aus dem Bauerndorf Suberg BE ist ein Schlafdorf geworden. Hier ist der Filmemacher Simon Baumann geboren. Er hat das Dorf gut 30 Jahre erfolgreich ignoriert. Jetzt, als Hausbesitzer in Suberg, interessiert er sich das erste Mal für den Ort und versucht, Anschluss und Freunde zu finden. Baumanns Film «Zum Beispiel Suberg» ist weit mehr als eine Dorfchronik. Er zeigt, was es braucht, in der Heimat zu Hause zu sein.
Eine Vorschau wird im Rahmen der Sendung „Kulturplatz“, morgen Mittwoch Abend um 22:25 Uhr auf SRF 1 gesendet.
Kinostart ist der 28. November!
Smartvote
Seit zehn Jahren gibt es die Wahlhilfe smartvote. Ich schätze die grafischen Politanalysen in der schweizerischen Politik (gibt es das eigentlich für die französischen Parteien auch?).
Insbesondere die Spider-Darstellungen der Parteien und Politakteure finde ich für Kurzanalysen sehr hilfreich:
Hier das Politprofil der Grünen Partei der Schweiz (GPS)…
… oder das der Freisinnigen Partei der Schweiz (FDP)
Unverkennbar, dass das Stimmverhalten der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS) ähnlich ist wie das der Grünen (und umgekehrt)…
… während sich die kleine Bürgerlich Demokratische Partei (BDP) in allen Fragen ganz um die politische Mitte gruppiert…
… ganz im Gegensatz zu der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP), die sich vor allem mit restriktiver Ausländerpolitik profiliert.
SVP
Écotaxe
Demos und Streiks sind bekanntlich in Frankreich an der Tagesordnung und eine Art direkte Demokratie à la française. Für Aussenstehende ist einigermassen erstaunlich, wie gelassen das betroffene Publikum im allgemeinen die Bähnler- Fluglotsen- und andere Arbeitsniederlegungen zur Kenntnis nimmt bzw. über sich ergehen lässt.
Noch erstaunlicher für mich ist, wie prompt die Medien und die Regierenden auf jedes noch so rudimentäre Demonstratiönchen reagieren.
Zur Zeit ist die sogenannte Écotaxe in aller Leute Mund. Die Écotaxe ist die französische Variante der in der Schweiz seit Jahren bekannten, erhobenen und bewährten Schwerverkehrsabgabe. Zwar wurde die Ecotaxe auch schon unter dem Regime Sarkozy im Jahr 2009 beschlossen, aber aus Angst vor gewissen Interessengruppen deren Einführung immer wieder verschoben.
Die bretonischen Grossbauern und Lastwägeler haben vor ein par Tagen mit einer spektakulären Strassensperrung und gewalttätigen Auseinandersetzung mit der Polizei erreicht, dass auch jetzt die Einführung der Schwerverkehrsabgabe wieder verschoben, bzw. deren Erhebung in der Bretagne stark reduziert wird.
Wahrlich keine leichten Zeiten für die gebeutelte rot-grüne Regierung. Die Popularität von Präsident Holland hat einen neuen Tiefstand erreicht.







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