Ruedi Baumann: «Hier haben wir nur Freunde»
Valerie Zaslawski, bluewin.ch
Vor zwei Jahrzehnten kehrte Ruedi Baumann der Schweiz den Rücken – auch weil der Grünen-Nationalrat mit der Schweizer Politik haderte. Heute fühlt er sich neben der Schweiz auch seiner neuen Heimar Frankreich verbunden.

In der Schweiz war er ein regelrechter Polit-Star: Ruedi Baumann, ehemaliger Nationalrat aus dem Kanton Bern und Grünen-Präsident. Denn der heute 71-Jährige war in so mancher Hinsicht der Erste. Er war der bekannteste SVPler, der zu den Grünen wechselte, nachdem die Partei weder sein Engagement gegen Atomkraftwerke noch seine Liebe zur SP-Frau Stephanie Baumann goutierte. Auch war der studierte Agronom der erste Eidgenössische Parlamentarier, der zusammen mit seiner Ehefrau in der Grossen Kammer sass und deshalb regelmässig die «Schweizer Illustrierte» bei sich zu Hause hatte.
Baumann war zudem der erste Auslandschweizer, der unbeirrt seiner Arbeit im Bundeshaus nachging, obwohl er seine Heimat vor rund 20 Jahren in den Westen Frankreichs verlegt hatte. Davor konnte der Landwirt während der Session über Mittag zu sich nach Hause auf den Bauernhof nach Suberg im Berner Seeland fahren, «um zu heuen», wie er beinahe stolz erzählt. Doch mit seinem Umzug nach Traversères im Südwesten Frankreichs wurde der Weg ins Parlament bald zu beschwerlich. Durch die geografische Distanz sei er aber auch inhaltlich einfach zu wenig nahe dran gewesen. 2003 trat er als Nationalrat zurück. Heute, da Baumann politisch nicht mehr aktiv ist, sagt er selbstkritisch, die Grünen hätten damals nicht viel erreicht. Vielleicht seien sie ihrer Zeit aber auch einfach voraus gewesen. Die Schweizer Politik frustrierte ihn, insbesondere die Landwirtschaftspolitik. Mit ein Grund, warum er sich von allem verabschiedete.
Der Politik zugetan ist Baumann aber immer noch. Fünf Jahre nach Ankunft in seiner neuen Heimat, einer 80-Seelen-Gemeinde, hat er die französische Staatsbürgerschaft beantragt. Seither ist er französisch-schweizerischer Doppelbürger. Baumann wollte schon immer EU-Bürger werden, kämpfte er doch bereits in der Schweiz für einen Beitritt. «Nun bin ich es eben auf diesem Weg geworden», sagt er beinahe trotzig. Baumann wollte aber auch abstimmen und wählen dürfen, mitreden halt. Auch in der Schweiz, so betont er, hat er seit seinem Wegzug keine Abstimmung oder Wahl verpasst.
«Au bout du monde – am Ende der Welt» lebt er nun von seinem 70 Hektaren grossen Bauernhof, vom Ackerbau und dem Verkauf des Heus. Seine Frau hat ausserdem eine bemerkenswerte Orchideenzucht aufgebaut. «Die Renovation sei viel Arbeit», sagt Baumann, aber er habe seinen «Plausch» daran. Tiere hält Baumann keine mehr; zu oft besucht er seine beiden Söhne in der Schweiz. «So können wir einfach den Schlüssel drehen und verschwinden», sagt er erleichtert. Der eine Sohn hat den Bauernhof in Suberg übernommen, der andere hat den Dokumentarfilm «Zum Beispiel Suberg» über den Wandel in dem kleinen Berner Dorf gedreht.
Baumann fährt heim in die Schweiz und dann wieder heim nach Frankreich. Er fühlt sich heute sowohl als Schweizer als auch als Franzose. Auch im Fussball, wenn die Nati gegen les Bleus spielt, sei ihm egal, wer gewinne, Hauptsache, das Spiel sei spannend. Dieses schaut er jeweils mit seinen Nachbarn. Integriert im Ort sind die Baumanns sehr wohl. «Hier haben wir nur Freunde, in der Schweiz hatten wir viele politische Feinde», sagt er mit einer Leichtigkeit. Dennoch überlegt er sich, wieder in die Schweiz zu ziehen, wenn er dann irgendwann alt und gebrechlich sein sollte. Und räumt ein: «Alt bin ich schon, aber gebrechlich hoffentlich noch lange nicht.»
Stromproduktion

Meine Solarzellen produzieren auch im Winter Strom, selbst wenn es den ganzen Tag regnet. Rund 14’000 kWh/Jahr seit 2010. Dachfläche 80 m2, Abnahmepreis 0,6 €|kWh
Reise durchs Land der Gilet Jaune
Auf der Rhonetalautobahn sind zahlreiche Ein- und Ausfahrten gesperrt. Viele poids lourd fahren am Sonntag weil sie wegen den Gilets Jaunes Manifestationen am Samstag nicht fahren durften. Von Autobahnbrücken winken Schülergruppen in Gelbwesten. Zahlreiche Autofahrer haben ihre Gelbweste gut sichtbar hinter der Frontscheibe drapiert um ihre Solidarität mit dem Mouvement zu demonstrieren oder zumindest um an den Peages und Rondpoints problemlos von den Manifestanten durchgewunken zu werden. In Montpellier ist die Autobahn bis nach Bezier vollständig abgesperrt. Weil die Force de l’ordre die Trasseeschäden verursacht durch die Palettenfeuer zuerst reparieren und die Nägel entfernen müssen. Die Umleitung ist nur mangelhaft signalisiert: wir stecken im Centre historique von Montpellier fest…. das blöde Navi leitet uns immer wieder auf die A9 und weiss es ja nicht, dass verschiedene Ein- und Ausfahrten gesperrt sind. Abseits der Autobahn werden an grösseren Kreiseln die Autofahrer nur kurz angehalten. Polizei und Manifestanten haben sich offenbar abgesprochen. Viele Opportunisten wollen von den sozialen Unruhen profitieren. In unserem Departements-Hauptort Auch haben Landwirte den Place de la Libération mit Mist überdeckt. Ihre Forderungen sind diffus. Etwa gegen das Glyphosat-Verbot? Oder andere sind gegen die Unterzeichnung des Migrationsabkommens der UNO. Linke und rechte Politiker und Intellektuelle wollen die Gilets Jaunes für ihre Ziele vereinnahmen. Bereits gibt es Sondierungen, dass die Gilets Jaunes bei den Europawahlen 12 % der Stimmen holen könnten….
Am Abend auf France 2: Massives Polizeiaufgebot hat in Paris noch schlimmeren Vandalismus verhindert. Tausend Demonstranten wurden vorsorglich festgenommen und vorübergehend festgehalten. Dagegen gibt es grosse Schäden und Plünderungen in Bordeaux und Toulouse. Am Montagabend will sich Präsident Macron (endlich) mit einer TV-Ansprache an das französische Volk wenden und Massnahmen ankündigen.
Affaire à suivre!

Die beste Armee der Welt…
… seit Jahrzehnten unter der Führung von SVP-Bundesräten…

Orlando am 17.November im „Bund“
Der Tierfabrikenlobbyist der Migros warnt vor der Trinkwasserinitiative🤣

(aus dem heutigen Schweizer Bauer, zugesandt)
Doppelbürger
Kolumne im heutigen Bieler Tagblatt
Wir sind seit zwölf Jahren schweizerisch-französische Doppelbürger. Die Einbürgerung in Frankreich erfolgte bereits fünf Jahre nach unserer Niederlassung problem- und kostenlos. Nachdem wir den entsprechenden Antrag gestellt hatten, erhielten wir einen kurzen Besuch von der örtlichen Gendarmerie, hatten bei einem Gespräch auf der Préfecture einige Fragen zu beantworten und wurden schliesslich an einer sympathischen Einbürgerungsfeier mit Apéro riche auf unsere Rechte und Pflichten in Frankreich aufmerksam gemacht.
Seit unserer Einbürgerung haben wir an allen Gemeinde-, Regional-, Departements- und Nationalen Wahlen teilgenommen. Im Stimmlokal unserer kleinen Gemeinde werden wir jeweils herzlich begrüsst und zu einem Schwatz bei Kaffee und Kuchen eingeladen. Es scheint alle zu freuen, dass wir uns für die Politik Frankreichs interessieren und in unserm holprigen Französisch mitdiskutieren. Andererseits nehmen wir selbstverständlich auch unser Wahl- und Abstimmungsrecht in der Schweiz regelmässig wahr. Denn auch was in unserer früheren Heimat passiert, kann uns nicht plötzlich egal sein. 560’000 Auslandschweizer sind wie wir Doppelbürger und fühlen sich sowohl ihrer neuen wie auch ihrer alten Heimat verbunden.
Im Zusammenhang mit der schweizerischen Fussball-Nationalmanschaft und der Doppeladlergeschichte ist die Diskussion um die doppelte Staatsbürgerschaft neu entbrannt. Rechtsbürgerliche Parlamentarier möchten sie gerne abschaffen und ein vermeintliches Problem zu einem wahren Nachteil für die Schweiz machen. Denn die 916’257 Schweizerinnen und Schweizer, die einen zweiten Pass besitzen, müssten sich für eine Nation entscheiden. Das Land würde dadurch viele engagierte Bürgerinnen und Bürger verlieren, welche trotz guter Integration in der neuen ihre alte Heimat nicht verleugnen wollen. Statt Abschaffung der Doppelbürgerschaft müsste das Gegenteil geschehen: Warum nicht alle auf Schweizer Boden Geborene automatisch zu Schweizern machen, wie in den USA und Frankreich? Warum nicht das erniedrigende Spiessrutenlaufen vor kleinlichen Einbürgerungsgremien ersatzlos streichen und eine freundliche, weltoffene Einbürgerungspraxis einführen?
Die Schweiz rühmt sich zurecht ihrer direktdemokratischen Mitwirkungsrechte. Dass aber gerade auch wegen der restriktiven Einbürgerungspraxis ein wachsender Anteil der in der Schweiz lebenden Bevölkerung kein Stimm- und Wahlrecht hat, ist bedenklich. Bürgerrechte sind Teil unserer Identität und fördern die Integration. Die Schweiz sollte sich freuen, wenn viele Menschen den roten Pass begehren.
Ruedi und Stephanie Baumann
Urbaner Aufbruch, Niedergang der Dorfkultur
Kolumne im Bieler Tagblatt vom 12. Juli 2018
In den letzten Jahren haben wir oft unsere Kinder, Grosskinder und Freunde in der Schweiz besucht und dabei ist uns immer wieder aufgefallen, wie sehr sich das Land in den letzten zwanzig Jahren verändert hat. Vielleicht entwickelt man in der Fremde eine besondere Sensibilität für Land und Leute, für bauliche Landschaftsveränderungen, Stimmungen und die Art des Zusammenlebens und man sieht als Auslandschweizer die Veränderungen in der alten Heimat besser als diejenigen, die immer da leben.
Uns scheint, dass ein urbaner Aufbruch stattfindet. Junge Familien zieht es zurück in die Stad, wo Plätze und Strassen wieder zum öffentlichen Raum werden, seit der Moloch Autoverkehr zurückgedrängt wird. Die Städte und Agglomerationen werden fussgänger- und velofreundlicher! Tempo 30 und Spielstrassen werten das Stadtleben auf. Die roten Stühle auf dem Münsterplatz in Bern, die Renaturierung der Schüss in Biel mit Spiel- und Begegnungsstätten, die See- und Flussufergestaltung an diversen Orten sind nur einige Beispiele eines urbanen Aufbruchs hin zu lebenswerten Städten! Kein Wunder, dass der projektierte Autobahn-Westast in Biel auf erbitterten Widerstand der betroffenen Bevölkerung stösst. Man ist in den Städten erfreulicherweise nicht mehr bereit, die Lebensqualität dem privaten Autoverkehr unterzuordnen!
Weit weniger erfreulich sehen wir die Entwicklung auf dem Land, in den einst so pitoresken und hablichen Dörfern. Es begann mit den Strassenverbreiterungen. Schöne alte Häuser mussten weichen und wurden durch gesichtslose Zweckbauten ersetzt. Der „Bären“ wurde abgerissen, das „Rössli“ zweckentfremdet, der „Ochsen“ in ein Schikimicki-Restaurant oder ein Take-away umgestaltet. Begegnungsorte fehlen zunehmend, Dörfer werden zum anonymen Siedlungsbrei und zu Schlafstädten. Schulwege sind kaum gesichert, der Autoverkehr hat Priorität!
Gewisse alte Dorfzentren sind heute an baulicher Hässlichkeit kaum mehr zu überbieten! Die Dorfvereine leiden an Überalterung und Mitgliederschwund. Politische Parteien serbeln, viele kleine Gemeinden haben Mühe, geeignetes Personal für ihre Behörden zu finden. Niedergang der Dorfkultur?
Warum ist das so? Hängt es mit den politischen Mehrheitsverhältnissen zusammen? Städte in der Schweiz sind inzwischen praktisch ausnahmslos rot-grün dominiert,
Dörfer und ländliche Gemeinden hingegen oft konservativ und rechtsbürgerlich. Die Landbevölkerung stimmt mehrheitlich militärfreundlich aber fremdenfeindlich.
Oder sind all das nur falsche Eindrücke von schweizkritischen Doppelbürgern?
Ruedi und Stephanie Baumann

Sanfte Landwirtschaft
Sanfte Landwirtschaft (Kolumne im heutigen Bieler Tagblatt)
Wir bauern jetzt bald zwanzig Jahre in der Gascogne. Und in dieser Zeit haben wir noch kein Kilogramm Handelsdünger auf unseren Feldern ausgebracht, kein Gramm Pestizid verspritzt. Wir produzieren biologisch und lassen unseren Betrieb durch die französische Kontrollorganisation zertifizieren. Die Erträge sind allerdings nicht rekordverdächtig. Dafür wohnen in unseren Wiesen und Hecken Kiebitze, Kuckucke, Schleiereulen, Milane, Mäusebussarde, Lerchen, Pirole, Wiedehopfe, Rebhühner, Fasane und viele andere Vögel. Offenbar wirkt diese sanfte Landwirtschaft ansteckend, denn in der Gegend gibt es jetzt viel mehr Biobauern als noch vor zwanzig Jahren, bald mal sind es 20%!
Wir fragen uns immer wieder, warum der Biolandbau im Berner Seeland einen so schweren Stand hat. Warum wehren sich Bauern für den Einsatz von Totalherbiziden, die nachweislich im Grundwasser landen und im Feldbau zu unüberwindbaren Resistenzproblem führen? Warum wollen Bauern um alles in der Welt mehr Nutztiere auf ihrem Hof halten, als sie Futter für diese produzieren können? Ist es wirklich so wichtig, einige zusätzliche Zentner Getreide, Kartoffeln, Zuckerrüben oder Mais zu ernten und damit in Kauf zu nehmen, dass unser Trinkwasser verseucht wird? Ist es richtig, das Futter für die Fleisch- und Milchproduktion aus dem Ausland, sogar aus Übersee zu importieren?
Natürlich wird man hier wie dort argumentieren, der wirtschaftliche Druck zwinge die Landwirte, immer mehr zu produzieren. Aber stimmt das überhaupt? Bekanntlich stammt etwa die Hälfte der bäuerlichen Einkommen in der Schweiz aus Direktzahlungen vom Staat. Rund 50’000 Schweizerfranken im Durchschnitt pro Betrieb.
Kürzlich wurde eine Volksinitiative mit einem intelligenten Lösungsansatz eingereicht: Die Trinkwasserinitiative will, dass Direktzahlungen an Bauern nur noch ausbezahlt werden, wenn sie auf den Pestizideinsatz verzichten und der Tierbestand auf die betriebseigene Futterbasis beschränken. Eigentlich logisch, dass Steuerzahler nicht mehr für die Verschmutzung des eigenen Trinkwassers bezahlen wollen!
Wir haben gelesen, dass der Schweizerische Bauernverband die Trinkwasserinitiative einstimmig ablehne! „Geits no?“ fragen wir uns da augenreibend. Ist es wirklich Sache des Bauernverbandes, den Chemiemultis und Futtermittelimporteuren die Kohlen aus dem Feuer zu holen? Endlich könnte die Schweiz der Europäischen Union zeigen, dass die sanfte Landwirtschaft, der biologische Landbau, die Produktion in der Region für die Region eine Zukunftsvision ist. Es geht um die Glaubwürdigkeit des schweizerischen Bauernstandes!
Ruedi und Stephanie Baumann
Darüber spricht man (lieber) nicht…
Ich habe im März aus der „Republik“ erfahren, dass u. a. der stv. Direktor des Schweiz. Bauernverbandes als Verwaltungsrat der Raiffeisenkasse jährlich 160’000 sfr. erhält. In einem offenen Leserbrief an den „Schweizerbauer“ und an die Bauernzeitung wollte ich von Markus Ritter nur wissen, ob das stimme. Ritter hat geantwortet, obschon mein Leserbrief in den besagten Zeitungen nie veröffentlicht wurde(!) Ich habe Leserbrief und Antwort nur auf meinem Blog (auswandererblog.ch) vom 20. März selber publiziert. Ritters Antwort ist sehr allgemein gehalten und enthält keine Zahlen.
Inzwischen hat die Bauernzeitung offenbar in einer Randnotiz darüber berichtet. Allerdings natürlich ohne Zahlenangaben und ohne den Hinweis, dass der besagte Verwaltungsrat seine Entschädigung kürzlich noch um 40% erhöhen wollte…
Eigentlich erstaunlich, dass Schweizer Bauern stillschweigend akzeptieren, dass freundliche, aber unliebsame Leserbriefe in ihren Verbandszeitungen unterschlagen werden und dass einer der „ihren“ in der Freizeit (!) 160’000 Franken pro Jahr „verdienen“ kann, auch wenn jetzt offenbar praktisch der ganze, wenig kompetente Verwaltungsrat zurücktreten muss.



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