AUSWANDERERBLOG

Familiengeschichte

Posted in Diverses by ruedibaumann on April 3, 2012

Ich bin im kleinen Bauerndorf Wileroltigen im Berner Seeland heimatberechtigt. Wie es dazu kam, hat kürzlich Carlo Steiner, ein befreundeter junger Historiker bei seinen Recherchen im Staatsarchiv des Kantons Bern herausgefunden. Er schreibt mir dazu folgendes:

„Offenbar waren die Baumanns schon immer notorische Querulanten, die sich gerne mit einem ganzen Dorf oder der Obrigkeit anlegten 😉 Jedenfalls sind sie nur so zu ihrem Heimatrecht in Wileroltigen gekommen. Im Anhang schicke ich Dir die Abschrift eines Eintrages aus dem Berner Ratsmanual (Sitzungsprotokoll des Grossen und Kleinen Rates). Es handelt sich um ein höchstrichterliches Urteil des Kleinen Rates vom 11.6.1733 in der Sache Baumann gegen Wileroltigen.“

„Wir Schultheiss und Raht der Stadt [und Republic] Bern thund [offenlich] kund hiemit; Als dann vor uns gelanget die Streitigkeit zwüschen Hans Bumann im Hattenberg, seinem Weib und Kinderen eines; denne der Gemeind WeilerOltigen Anderen; und denen Gemeinden Kerzerz, Fräschelz, Gurbrü und Gollathen, dritten Theils, harlangend von der Bumannischen Heimathrecht, zu wüssen, ob sie dasselbe hinder gedachtem WeylerOltigen zu haben gnugsam bewiesen oder nicht? Worüber Unser Ambtsmann Auff Laupen underem 6. Decemb. fendrigen- wie auch den 9. Merz diss Jahrs, und Unsere verordnete AusburgerCammer den 21. Aprilis nechsthin geurtheilet, die Ausgeschossenen von WeylerOltigen aber vor Uns recurriert; dass darauffhin, und nachdeme Wir die Allseitigen Partheyen durch eine Commission ferneren anhören, gründ und gegen Gründ erdauren, die Gestaltsamme dann Uns referieren lassen, Wir hiemit zu recht erkennt und gesprochen: dass sowohl durch ermelt Unseren Ambtsmann von Laupen, Als die AussburgerCammer wohl geurtheilt, auf Seithen der Gemeind WylerOltigen aber übel vor Uns recurriert worden, einfolglich die Bumannische obgemelt Jhr Heimath- Burger- und Dorffrecht hinder WeilerOltigen haben, und dasige Gemeind Sie als die Jhrigen zu erkennen, anzenemmen und zu halten schuldig seyn solle. Sie die Gemeind WylerOltigen gegen die Bumann um die samtlichen Cösten auff moderation hin, gegen die vier Gemeinden aber nur ums ausgeben Gelt verfellende. Jn Krafft [diss Brieffs, urkundlich mit Unser Stadt Secret Jnsigel verwahrt und geben].“ StABE AII 725, Ratsmanual Nr. 139, (11.6.1733) S. 581f.

„Anders als heute, war das Heimat- oder Bürgerrecht im Ancien Régime von grosser Bedeutung. Denn im Gegensatz zu den Hintersassen, welche in der Gemeinde nur ein Wohnrecht hatten und dafür auch noch Steuern bezahlen mussten, konnten die Gemeindebürger an der Nutzung der kollektiven Gemeindegüter (v.a. Allmende und Wald) partizipieren und es bestand eine Unterstützungspflicht der Gemeinde für verarmte Gemeindebürger. Da das Bürgerrecht einer Gemeinde also sehr lukrativ war, für die betroffene Gemeinde aber mit hohen Ausgaben verbunden sein konnte, versuchten die Gemeinden mit allen Mitteln die Neuaufnahme von Bürgern und deren Familien in ihr Heimatrecht zu verhindern.
Die Baumanns lebten im Hattenberg, einem Teil der Gemeinde Wileroltigen. Ob als Hintersassen oder nicht ist nicht klar (das müsste man mit Hilfe der Kirchenbücher genauer abklären). Jedenfalls behauptete Hans Baumann im Besitz des Bürgerrechts zu sein, was von der Gemeinde bestritten wurde. Der Streit wurde schliesslich vor Gericht ausgetragen – die erste Instanz war der Amtmann (Landvogt) von Laupen und die zweite Instanz die Berner Ausburgerkammer (ein Ausschuss der Räte, dem u.a die Beurteilung von strittigen Heimatrechten auf dem Land oblag). Nachdem die Gemeinde Wileroltigen den Prozess in beiden unteren Instanzen verloren hatte, zog sie die Sache weiter vor die höchste Instanz. Aber auch der Kleine Rat sah das Heimatrecht der Baumanns als bewiesen an und bestätigte die beiden vorinstanzlichen Urteile. Wileroltigen musste also die Baumanns widerwillig als Gemeindebürger annehmen und sogar die Prozesskosten tragen.
Die Rolle der dritten Partei (die Gemeinden Kerzers, Fräschels, Gurbrü und Golaten) ist unklar. Sicher ist nur, dass sie vor Gericht auch Gegner der Gemeinde Wileroltigen waren. Sehr wahrscheinlich wären die Baumanns bei einem Erfolg der Gemeinde Wileroltigen bei diesen Gemeinden armengenössig geworden bzw. geblieben.“

Auch wenn ich eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Vorfahren nicht ganz abstreiten kann, muss ich doch sagen, dass ich dem Hans Bumann sehr zu Dank verpflichtet bin, dass er 1733 mein Heimatrecht in Wileroltigen erstritten hat und es offenbar allen meinen bisherigen Vorfahren gelungen ist, es zu behalten!
Ohne seinen hartnäckigen Einsatz wäre ich sicher auch heute noch Heimat- und Staatenlos und wahrscheinlich auch armengenössig (vorsichtshalber habe ich jetzt ja noch die französische Staatsbürgerschaft erworben…).

Wurzeln, racines, roots