AUSWANDERERBLOG

Diplomitis

Posted in Comédie française by ruedibaumann on März 8, 2007

Wenn man sich in Frankreich als Bauer installieren will, dann braucht das eine Betriebsbewilligung (autorisation d’exploitation). Um diese Bewilligung zu erhalten, muss man unter anderem nachweisen, dass man über eine gute theoretische und praktische Ausbildung verfügt, die den französischen Anforderungen entspricht. Als Schweizer gehen wir eigentlich davon aus, dass unser Bildungssystem den europäischen Anforderungen ebenbürtig ist.

Landwirtschaftliche Lehrjahre mit Lehrabschlussprüfung (apprentissage) zählen nun aber schon mal gar nichts. Auch das viersprachige Fähigkeitszeugnis als Landwirt/in der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Certificat de capacité) nützt nichts („Ihr seid ja nicht in der EU…“). Das schöne Diplom der Landwirtschaftlichen Schule Rütti tönt für die französischen Beamten schon besser, aber leider ist der Text nur auf deutsch. Ich habe es umgehend auf französisch übersetzt (Diplôme). Gilt nicht, die Übersetzung muss durch einen traducteur juré (amtlicher Übersetzter) gemacht werden…. die sind aber teuer und hier im Südwesten nur schwer zu finden. Jetzt versuche ich es mit meinem Diplom als Ingenieur Agronom der Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH) in Zürich. Die ETH Zürich sei aber nicht auf der Liste der von Frankreich anerkannten Hochschulen, nur die Ecole polytechnique de Lausanne…. und dort hat es keine Agronomieabteilung! Weitergeholfen hat mir schlussendlich die von meiner früheren schweizerischen Wohngemeinde französisch amtlich bestätigte Tatsache, dass ich vorher in der Schweiz während 25 Jahren erfolgreich einen Landwirtschaftsbetrieb geführt habe.

Warum ich das alles erzähle? Weil wir zur Zeit für unseren Sohn das gleiche Verfahren wiederholen. Laut Bundesamt für Berufsbildung haben da die bilateralen Verträge nicht weitergeholfen, jeder europäische Staat sei frei, CH-Diplome anzuerkennen oder eben nicht anzuerkennen! Übrigens: bei der Anerkennung der CH-Fahrausweise ist es noch komplizierter! Darüber aber ein andermal.

Und es soll in der Schweiz immer noch Politiker geben, die sich rühmen den EU-Beitritt verhindert zu haben. Schöne bürokratische Unabhängikeit….

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  1. Avatar von Unbekannt ueli said, on März 9, 2007 at 6:11 am

    … es ist noch schlimmer. seppi kunz (svp lu) nimmt die nicht-annäherung der ch an die eu als entschuldigung für zu teure inlandprodukte. man merkt, es geht auf die wahlen zu: jeder und jede versuchen dem stimmvolk nach dem portemonnaie zu reden, offensichtlich in der meinung, es gelte immer nur, was zur zeit als „wahr“ verkauft werden kann.

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  2. Avatar von Unbekannt Urs Berner said, on März 12, 2007 at 2:46 pm

    Als ich vor einigen Jahren in der CH ein landw. Gewerbe auf dem freien Markt kaufte, vergingen bis zum Erhalt der Bewirtschaftungsbewilligung schätzungsweise nur gerade zehn Arbeitstage. Ausgestellt wurde diese Permission ohne weitere Nachfrage. Wenn die französische zentralistische Bürokratie es nicht schafft, innert nützlicher Frist diese Bewilligung auszustellen dann:-kann es sein, dass sich die EU gegenüber ihren Mitgliederländern nicht genügend durchsetzen kann-oder da offenbart sich der weltbekannte und gefürchtete französische Bürokratismus.P.S: Ich liebe Frankreich als Land, die Menschen, die Kultur. Aber der französische Bürokratismus ist auf dem allertiefsten denkbaren Niveau. Ich habe dies x-fach und am eigenen Leib in der Exportwirtschaft erlebt.Exportieren nach Tadjikistan oder Aethiopien (und jawoll, auch nach EU-Slowenien, EU-Bulgariern, EU-Rumänien ….) ist tausendfach einfacher als nach Frankreich.Wenn Frankreich Wein produzieren würde in der Art wie seine Bürokraten ihre Arbeit verichten, dann wäre jeder saure Ostschweizer besser als der feinste Cru aus dem Bordelais

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  3. Avatar von Unbekannt RuediBaumann said, on März 15, 2007 at 1:25 pm

    Ende gut alles gut…. Das Bundesamt für Berufsbildung und Technologie hat mir innert weniger Tage ein Schreiben gemailt, in dem klar und deutlich festgelegt ist, dass das schweizer Fähigkeitszeugnis für Landwirte sehr wohl den französischen Diplomanforderungen entspricht. Frédéric Berthoud, coordinateur suisse pour la reconnaissance des diplômes hat prompt und unkompliziert reagiert und den französischen Beamten bewiesen, dass sie selber am 25. Juni 2002 ein entsprechendes Dekret publiziert haben! Effiziente, unbürokratische Verwaltungsarbeit. Ich danke herzlich!

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  4. Avatar von Unbekannt Urs Berner said, on März 16, 2007 at 11:49 am

    Alles klar; dann hat es ja geklappt ;-)Uebrigens: Ich arbeite seit einiger Zeit mit einem feinen Arbeitskollegen zusammen, der Deutscher ist, an der ETH-Zürich Agronomie studiert hat, dessen CH-Diplom selbstverständlich in der EU akzeptiert ist, und der sich bestens in Europa zuhause fühlt. Landesgrenzen sind für Ihn höchstens noch ein Problem beim Geldwechseln (bin der Meinung, wir könnten den Euro auch in der Schweiz einführen), aber nachdem heute alle Bankautomaten in der Schweiz nach Bedarf auch € ausspucken, ist auch dieses Problem kein grosses mehr.

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  5. Avatar von Jörg Schmid Jörg Schmid said, on März 16, 2007 at 1:42 pm

    Hallo Ruedi Baumann,Vor meiner Weltreise mit Kamel war ich der Ansicht, dass ein „Schweizer Kamelbauer“ sein Land der Träume zu seinem neuen Wohnsitz machen könnte. Nun diese Illusion über das Land meiner Träume verflog schon in Genf an der Grenze und Frankreich entwickelte sich je näher ich mich zu Euch runter vorquälte, zum Land aller Albträume. Da mein Blog kaum ein Schwein (auch nicht Bio) interessiert habe ich mit Schreiben nie so recht in Fahrt kommen können. Ein kleiner Eindruck über meine Erlebnisse in der Francophonie gibt Euch mein Blog. Schmunzelnd muss ich von hier aus feststellen was die Franzosen mit Euch für Schulbubereien durchziehen. Ein zufriedener „Schweizer Kamelbauer“ neu beheimatet im Schwarzwald.

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  6. Avatar von Unbekannt fridu said, on März 20, 2007 at 10:46 am

    Rüedu itz muesch däm Kameutriber ga häufe, süsch meint är am änd u zletschgt de würkli no, das richfrank äähhh frankriich sigi nit so schön u guet u edel u grosszügig wie du geng schribsch….

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