AUSWANDERERBLOG

Kontroverser Film feiert Première

Posted in Politik by ruedibaumann on September 19, 2012

Die Reaktionen waren schon bei der Premiere in Locarno heftig ausgefallen. Auf der einen Seite grosses Vergnügen, Zustimmung und begeisterter Applaus, auf der anderen Seite die Kritik, die Vorwürfe, das Unverständnis. Zweifellos: «Image Problem», die Dokusatire der Seeländer Filmemacher Andreas Pfiffner und Simon Baumann, dürfte der meistdiskutierte Schweizer Film des Jahres werden. In ihm machen sich die Filmemacher auf, das Image der Schweiz zu verbessern. Sie fragen Menschen auf der Strasse, wie dies denn geschehen könnte, geben sich naiv, und ernten gerade damit teils haarsträubende Reaktionen, die vor Ausländerfeindlichkeit strotzen.
Diese Woche kommt der Film in die Kinos, und die Reaktionen in den Online-Kommentarforen sind wiederum heftig. Baumann und Pfiffner werden für ihr Engagement gelobt und als Nestbeschmutzer getadelt. Im Interview mit dem «Bieler Tagblatt» streiten sie gar nicht ab, dass die Methode der Satire der Einseitigkeit Vorschub leistet. Diese sei durchaus gewollt. Die Filmemacher, die ihr Atelier in Biel haben, konstatieren in der Schweiz eine zunehmende Überheblichkeit: «Dass die Schweiz eine Oase der Freiheit wäre oder eine bessere Demokratie als anderswo, trifft nicht zu.» In der Ansiedlung der grossen Rohstoffhandelsfirmen orten sie das nächste grosse Imageproblem.
In Biel feiert der Film am Freitag im Kino Rex Premiere, in Anwesenheit der Filmemacher.

(Kommentar Bieler Tagblatt von heute)

Ja der Film ist einseitig!“ Interview im Bieler Tagblatt heute

Diese Woche startet Ihr Film in den Kinos, und die Online-Kommentarspalten platzen aus allen Nähten. Hand aufs Herz: Das ist genau, was Sie mit «Image Problem» gewollt haben.

Baumann: Ja. Pfiffner: Einerseits schon, anderseits überwiegen die kritischen Kommentare. Wir möchten natürlich auch möglichst viel Publikum ins Kino locken, doch kann ein kontroverser Film auch Leute abschrecken.

Die Reaktionen sind schon in Locarno bei der Premiere sehr geteilt ausgefallen. Wie bewerten Sie die Rezeption des Films bislang?

Baumann: Wir sind uns das Gefühl nicht gewohnt, dass ein Film breit rezipiert und diskutiert wird. Das haben wir noch nie erlebt. In Locarno sind wir leicht erschrocken, wie viel Negatives einem entgegenkommt. In der Presse sah es wieder anders aus.

Pfiffner: Wir hatten aber auch Verrisse.

Baumann: In der Westschweiz war zum Teil kein einziger positiver Satz zu lesen in den Kritiken.

In einigen Worten: Warum dieser Film?

Baumann: Wir wollten vor drei Jahren einen Film machen über den Goldhandel. Schon damals ging es um Globalisierung und die Rolle der Schweiz in der Welt. Dieses Projekt konnten wir aber nicht finanzieren. Anderseits widmeten wir uns alternativen Formen, wie wir sie in «Emozioniere» ausprobiert haben. Wir wollten eine für uns zwei einmalige Form entwickeln. In «Image Problem» finden diese zwei Elemente zusammen.

Ist für das Thema der Rolle der Schweiz nur diese Form, der satirische Zugang, in Frage gekommen?

Pfiffner: Die Ursprungsidee war die ausformulierte Entschuldigung für ein Land. Was passiert, wenn man diese jemandem zu lesen gibt? Wir haben schon satirisch begonnen.

Mit der Satire können Sie zuspitzen und einseitig sein. Anders gesagt: Sie können es sich dank der Satire recht einfach machen.

Pfiffner: Das stimmt nicht. Ein normaler Dokfilm, für den es hundertfach Beispiele gibt, wäre leichter gewesen. Wir hingegen mussten ausprobieren: Wo wirds komisch? Wie müssen wir die Dialoge führen? Wie wirkt die Komik? Das ist aufwendiger.

Warum haben Sie den satirischen Zugang nur gegenüber einem Teil der im Film Befragten gewählt und etwa den Historiker Georg Kreis ganz ernsthaft befragt?

Baumann: In den Jahren, in denen wir am Film gearbeitet haben, wurde uns immer wieder gesagt, die Schweiz habe doch gar kein Imageproblem. Darum wollten wir im Film auch nicht-ironisiert auf Probleme hinweisen, damit der Zuschauer merkt: Wir bringen nicht erfundenen Mumpitz, sondern das ist real. Vor diesem Hintergrund funktioniert die Satire auch besser.

Aber diese Vorgehensweise bewirkt, dass der Film als einseitig wahrgenommen wird.

Baumann: Ja, der Film ist einseitig! Es ist ein Unterhaltungsfilm, der auf emotionaler Ebene anregen will. Für die Fakten zur Schweiz gibt es Sachbücher oder Berichte von NGOs.

Einer der Vorwürfe lautet, dass Sie sich über eine bestimmte Gruppe der Bevölkerung lustig machen – die eher älteren, eher auf dem Land wohnenden Einfamilienhausbesitzer, die klassischen Bünzlis. Nach welchen Kriterien haben Sie die Gesprächspartner ausgesucht?

Pfiffner: Wir sind herumgereist, und es haben auch technische Bedingungen den Ausschlag gegeben. Wir haben auch in der Stadt gedreht, aber dort war’s zu wenig ruhig.

Baumann: Einfamilienhaussiedlungen auf dem Land. Die sind schon visuell super. Diese Gärtchen- und Heckenmentalität.

Pfiffner: In der Stadt haben die Leute schlicht zu wenig Zeit. Wir versuchten, am Paradeplatz in Zürich zu drehen – niemand hat innegehalten. Und, nicht zu vergessen: Die Situation musste immer auch komisches Potenzial haben.

Sie haben in Locarno gesagt, dass die Fremdenfeindlichkeit Sie überrascht habe im Lauf der Dreharbeiten. Ich entgegne: Wenn man an einem Schwingfest einen betrunkenen Schwinger zu seinem Verhältnis zu den Ausländern befragt, weiss man genau, mit welchen Antworten zu rechnen ist.

Pfiffner: Das stimmt. Er ist im Film, weil er schlicht lustig ist. Er sagt ja keine sehr krassen Dinge.

Gleichwohl: Sie haben dort gesucht, wo Sie erwarten durften, auch krasse Aussagen zu erhalten.

Baumann: Ja, weil wir diese zeigen wollten, auch wenn das nicht das ganze Bild der Schweiz ist. Wir wollen anecken.

Pfiffner: Der Wähleranteil der SVP ist stetig gestiegen. Das hat sicherlich einen Zusammenhang mit der latenten Fremdenfeindlichkeit. Sie ist salonfähiger geworden. Dass sie derart offen ausgedrückt wird, hat uns schockiert. Und auch die Menge: Wir hatten noch sehr viel mehr Material, das wir nicht verwendet haben.

Ist denn die Frau in Bern-Bethlehem, die seit 40 Jahren dort wohnt und sagt, heute sehe sie bloss noch schwarz, wenn sie am Morgen zum Fenster rausschaue – ist diese Frau in Ihren Augen eine Rassistin?

Baumann: Nicht allein aufgrund dieses Satzes. Aber sie hat noch andere Dinge gesagt, aus denen wir schliessen müssen: Ja, sie ist eine Rassistin. Sie spricht über Ausländer wie über Tiere.

Sind solche Äusserungen nicht auch Anzeichen für reale Probleme oder zumindest für als problematisch empfundene Veränderungen?

Pfiffner: Das wollen wir gar nicht wegdiskutieren. Aber es gab am selben Ort auch ganz andere Reaktionen.

Baumann: Als Schweizer sollte man auf Ausländer nicht anders reagieren als mit Verständnis. Wir profitieren hier von einer Infrastruktur, von einem Reichtum, der durch Grosskonzerne in aller Welt ergaunert wird. Wir sind wirtschaftlich ein grosser globaler Player, wir brauchen ausländische Arbeitskräfte, es ist das Minimum, dass wir auch Asylsuchende aufnehmen. Veränderungen gehören dazu, wir können nicht nur das Geld abtransportieren und gleichzeitig für die Menschen die Grenzen dichtmachen.

Sie sagen «ergaunern». Man könnte aber auch sagen: erarbeiten.

Baumann: In jenen Bereichen, in denen die Schweiz richtig gross ist, der Finanzplatz, der Rohstoffhandel, da geht es ums Ergaunern. Mit dem Bankgeheimnis ziehen wir Nachbarländern das Steuersubstra
t ab, und die Rohstofffirmen sind hier, weil wir ihnen keine Regeln geben und kaum Steuern einziehen.

Dieses Thema wirkt innerhalb des Films als Fremdkörper, es wird zu komplex.

Baumann: Wir sind nicht so weit gekommen, wie wir wollten. Wir haben juristisch abklären lassen, was wir von Firmen zeigen dürfen und was nicht. Die Firmen haben sehr weitreichende juristische Schutzmechanismen, nicht einmal ein Logo durften wir zeigen.

Sie können sich besser wehren als die Leute von der Strasse.

Baumann: Ja. Ich hoffe, das erkennt man auch im Film. Das gilt auch für die Leute an der Goldküste, wo die Polizei aufgetaucht ist. In Bern-Bethlehem kam sie nicht.

Haben sich Leute, die in Ihrem Film vorkommen, gemeldet?

Pfiffner: Nur ein Anwalt von der Goldküste. Wir haben ihm den entsprechenden Abschnitt geschickt, worauf er meinte, das sei nicht schlimm – aber der Film sei schlecht (lacht).

Einerseits haben Sie Leute von der Strasse befragt, anderseits Laiendarsteller im Studio engagiert. Das bietet Angriffsfläche, denn die Leute im Studio tun natürlich, was man ihnen sagt, sie kriegen ja Geld dafür.

Pfiffner: Das ist ein dramaturgisches Konzept. Wir können nicht während 90 Minuten den Anfang wiederholen.

Was entgegnen Sie auf den Vorwurf, dass Sie Leute missbraucht hätten?

Pfiffner: Dass es eine Gratwanderung ist. Wir haben diskutiert, wo wir die Leute vor sich selber schützen müssen.

Baumann: Wir, unsere Generation, sind mit dieser Art von Fernsehen und Filmemachen aufgewachsen. Es ist für mich nicht ganz nachvollziehbar, wie man sich darob so stark empören kann. Wir nutzen die Mittel unserer Zeit. In TV-Talkshows werden Leute viel schlimmer entblösst.

Was finden Sie persönlich gut an der Schweiz?

Baumann: Ich überlege jetzt extra lange… (lacht)

Pfiffner: Klar, es gibt sehr viel Gutes hier. Es ist ruhig, gut geregelt…

Baumann: …man kann sich verlassen, man kommt vorwärts, sofern man sich anpasst…

Pfiffner: Wir haben auch eine wunderbare Natur. Wir sind für den Film an Orte gegangen, wo es wirklich traumhaft ist.

Baumann: Ja, es gibt Restflächen, die noch nicht zersiedelt sind, die sind wirklich schön.

Pfiffner: Die Kultur wird gefördert.

Baumann: Was gut ist in unserem Land, wird stets übermässig betont, von Institutionen und Bürgern. Das allein bringt uns ja nicht vorwärts.

Die Schweiz hat doch eine ausgeprägte Kultur der Selbstkritik, gerade auch im politischen System.

Baumann: Es fragt sich, womit man vergleicht. Natürlich ist es toll, hier einen solchen Film drehen zu können, das Recht auf freie Meinungsäusserung zu haben. Aber dass die Schweiz eine Oase der Freiheit wäre oder eine bessere Demokratie als anderswo, trifft nicht zu. Das Frauenstimmrecht etwa haben wir als eines der letzten Länder weltweit eingeführt.

Welche Punkte möchten Sie denn ändern in der Schweiz?

Baumann: Der ganze Rohstoffbereich wird das grosse Imageproblem für die Schweiz in Zukunft, wenn wir Firmen unterstützen, die Länder ausbeuten und hier kaum Steuern zahlen.

Allerdings werden sich bloss die Standorte verlagern. Man sieht es zurzeit im Finanzwesen mit Singapur. Was ist dadurch gewonnen?

Baumann: Dass nicht wir es sind, die solches tun. Irgendwann werden alle erwachsen, im Moment gebärden wir uns aber wie ein kleines Kind: «Er macht es doch auch! Und wir sind doch klein, wir dürfen dies!» Es kann doch nicht sein, dass einem Land wie Griechenland Milliarden fehlen, weil die Reichen sie hier verstecken können.

Das Grundproblem sind doch diese reichen Griechen.

Baumann: Schon. Aber es hilft nicht, wenn wir sie dabei unterstützen. Es ist doch bemerkenswert, was die Schweiz beitragen könnte, wenn sie solche Praktiken unterbindet. Wir tragen Verantwortung.

Letzte Frage: Ist Grenchen für Sie tatsächlich der hässlichste Ort der Schweiz, wie im Film dargestellt?

Pfiffner: Das haben wir irgendwo gelesen. Der Marktplatz ist schon recht hässlich.

Baumann: Aber Zug aus der Vogelperspektive ist schlimmer.

LINK: http://www.bielertagblatt.ch

Der Trailer zu «Image Problem»

Tickets zu gewinnen
• «Image Problem» feiert übermorgen Freitag in Biel Premiere. • Die beiden Regisseure sind vor Ort. • Kino Rex 2, 20.15 Uhr • Das BT verschenkt in Zusammenarbeit mit der Cinevital AG 10 x 2 Tickets . • Mitmachen per Mail mit Angabe von Name, Adresse und Wohnort an ramstutz@ bielertagblatt.ch • Die Gratiseintritte werden nicht verlost, sondern nach Eingang der Mails vergeben. Die Gewinner werden bis Freitagmittag benachrichtigt. (raz)

Französischer Biolandbau wächst

Posted in Agrikultur by ruedibaumann on September 19, 2012

Im Departement Gers hat sich die Zahl der biologisch wirtschaftenden Landwirtschaftsbetriebe in den letzten vier Jahren verdoppelt. Inzwischen sind das 25’000 ha Biofläche und 8% der Bauernbetriebe. Die Region Midi-Pyrenées ist die führende Region Frankreichs in Sachen Biolandbau und im Gers allein werden 10% der Grandes Cultures (Getreide, Ölfrüchte wie Raps und Sonnenblumen und Protagineux wie Bohnen und Erbsen) der nationalen Bioproduktion angebaut!
Diese Produkte müssen alle gesammelt, gelagert und verarbeitet und allenfalls exportiert werden. Kein Wunder haben sich in den letzten zehn Jahren eine Reihe von Landwirtschaftlichen (Bio-)Genossenschaften gebildet die diese Aufgaben wahrnehmen. Als wir vor zwölf Jahren hier begonnen haben, war der Bioabsatz noch in den Kinderschuhen und man musste sich intensiv selber mit den einzelnen Abnehmern herumschlagen.

Unsere Bioproduzentenorganisation Gabb 32 hat gestern zu einer Orientierungsversammlung eingeladen, wo die diversen Firmen und Genossenschaften vorgestellt wurden (wer die Wahl hat hat die Qual…). Allerdings haben nur sehr wenige Bauern der Einladung folge geleistet.
Es ist wie in der Schweiz, die Bauern möchten produzieren, um den Absatz sollen sich gefälligst andere kümmern…