AUSWANDERERBLOG

Diplomitis und Bürokratie

Posted in Politik by ruedibaumann on Januar 12, 2017

Kolumne heute im Bieler Tagblatt

Wer sich in Frankreich als Bauer installieren will, braucht eine Betriebsbewilligung. Bedingung für diese autorisation d’exploitation ist der Nachweis einer guten theoretischen und praktischen Ausbildung, die den französischen Anforderungen entspricht. Als Schweizer gehen wir eigentlich davon aus, dass unser Bildungssystem den europäischen Anforderungen ebenbürtig ist. Landwirtschaftliche Lehrjahre mit Lehrabschlussprüfung zählen hier jedoch gar nicht. Auch das viersprachige Fähigkeitszeugnis als Landwirt der Schweizerischen Eidgenossenschaft (Certificat de capacité) nützt nichts („Ihr seid ja nicht in der EU…“). Das schöne Diplom der Landwirtschaftlichen Schule Rütti gefällt den französischen Beamten schon besser, aber leider ist der Text nur auf Deutsch. Wir haben es umgehend auf Französisch übersetzt (diplôme…). Gilt nicht, die Übersetzung muss von einem traducteur juré gemacht werden, der allerdings nicht grad um die Ecke wohnt. Wir versuchten es auch mit dem Diplom als Ingenieur Agronom der Eidgenössischen Technischen Hochschulen (ETH) in Zürich. Die ETH Zürich sei nicht auf der Liste der von Frankreich anerkannten Hochschulen, wurde uns beschieden, nur die Ecole polytechnique de Lausanne – und dort hat es keine Agronomieabteilung! Laut Bundesamt für Berufsbildung helfen die bilateralen Verträge da nicht, weil jeder europäische Staat frei sei, CH-Diplome anzuerkennen oder eben nicht! Geholfen hat uns schlussendlich die von unserer früheren schweizerischen Wohngemeinde amtlich und französisch bestätigte Tatsache, dass wir in der Schweiz während 25 Jahren erfolgreich einen Landwirtschaftsbetrieb selbständig geführt haben.

Nun, das ist inzwischen schon sechzehn Jahre her. Seither sind wir problemlos eingebürgert worden, zu unserer Überraschung ohne übermässigen administrativen Aufwand und ohne die in der Schweiz üblichen hohen Gebühren.

Der französische Fahrausweis hingegen hat uns entschieden mehr Zeit und Aufwand gekostet als der Pass. Vorschriftsgemäss versuchten wir vor sechzehn Jahren, unsere Schweizer Ausweise in französische umzutauschen. Nach drei erfolglosen Besuchen auf der Préfecture gaben wir entnervt auf. Die Frage nach dem Heimatort (qu’est-ce-que c’est?) konnten wir zwar rasch klären, scheiterten aber je an unseren Namen, die dummerweise nicht in all unseren Ausweisen gleich geschrieben waren. Ruedi und Rudolf, Doppelname Stephanie Brigitta und dann auch noch Baumann-Bieri. Kürzlich nahmen wir erneut einen Anlauf und haben jetzt tatsächlich beide einen Permis de Conduire de la République Française. Einer lautet auf Rudolf Baumann, der andere auf Bieri Brigitta Stephanie – und beide waren gratis!

Stephanie und Ruedi Baumann

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