AUSWANDERERBLOG

Generationengespräch

Posted in Uncategorized by ruedibaumann on Dezember 24, 2015

Auszug aus der heutigen NZZ (23.12.2015):

«Ich sage meiner Mutter Stephi»
Bei den Baumanns zu Hause war Politik die Welt. Der Sohn von Alt-SP-Nationalrätin Stephanie Baumann erlebte das zwiespältig.

Interview
von Andrea Tedeschi

Wie war das für Sie, Herr Baumann, eine bekannte SP-Nationalrätin als Mutter zu haben?

Simon Baumann: Es begann 1986. Ich war in der zweiten Klasse, mein Vater in der SVP. Seine Partei wollte nicht, dass meine Mutter in der SP war. Er trat aus der Partei aus und kandidierte für die Grünen. Sie erhielten dadurch nationale Aufmerksamkeit und wurden beide auf Anhieb in den Grossrat gewählt. Am Tag nach der Wahl kam die Lehrerin ins Klassenzimmer und sagte: «Wisst ihr, was gestern passiert ist? Simons Eltern sind gewählt worden. Jetzt stellen wir gleich den Unterricht um und reden darüber, was das heisst.»

Stephanie Baumann: Eine Superlehrerin, dass sie es aufgenommen und diskutiert hat.

Simon Baumann: Das war das erste vieler solcher Erlebnisse. Meine Schulkameraden kamen nicht aus einem linken Umfeld. In den 1990er Jahren kämpfte mein Vater etwa zweimal im Monat für seine Landwirtschaftspolitik in der Sendung «Arena», die damals noch viele schauten. Im Wirtschaftsgymnasium äfften sie meinen Vater nach, wie er Blocher angriff und ihn Finanzjongleur nannte. Der Ton wurde schärfer im Laufe seiner politischen Karriere.

Wie hat sich das auf Sie ausgewirkt?

Simon Baumann: Bei mir schlossen viele, was sie über meine Eltern wussten, auch auf mich. Wir wussten auch, mit wem ihr Streit hattet und wohin wir nicht zum Spielen gehen sollten. Ich gehörte irgendwie nie richtig dazu. Darunter litt ich zwar nicht, aber manchmal habe ich andere Kinder beneidet, dass sie sie selber sein konnten.

Stephanie Baumann: Es war mir zwar bewusst, dass es für euch unangenehm sein könnte. Nicht aber, dass es dich in der Schule so beeinflusste. Vieles wurde mir erst durch deinen Film über Suberg so richtig klar. Schon bevor ich hier in die SP eintrat, war ich politisch eine Aussenseiterin. Ich rief im Gemeindeblatt zu Demos auf. Später waren wir als erstes Ehepaar im Nationalrat medial interessant. Es gab Home-Storys mit Fotos von der ganzen Familie. Du warst nicht dagegen, aber auch nicht erfreut.

Simon Baumann: Ich war, glaube ich, nicht dagegen. Als Kind denkt man: cool. Und in der Schule sagten sie auch: «Hey, hab dich dann gesehen.»

Haben Sie zu Hause die politischen Widerstände thematisiert?

Stephanie Baumann: Als Lilian Uchtenhagen 1984 nicht in den Bundesrat gewählt wurde, trat ich der SP bei. Die SVP machte Ruedi die Hölle heiss. Persönlich nahm ich das nicht so locker. Ich war eher ängstlich und nicht sehr selbstbewusst. Ruedi bestärkte mich. Du erinnerst dich sicher an die Diskussionen.

Simon Baumann: Wie es wirklich abging, realisierte ich erst, als ich die Geschichte für den Film aufarbeitete. Nah erlebt aber habe ich die Kämpfe um die zwei Initiativen, die ihr lanciertet. Sie wollten mehr Direktzahlungen an umweltfreundliche Produktionen binden. Alle Bauern waren dagegen. Wir erhielten Drohbriefe, und einmal schickten sie einen Strick nach Hause, womit sich Vater aufhängen sollte. Im Waadtland hängten sie Strohpuppen auf und schrieben sie mit Baumann an.

Stephanie Baumann: Wir machten einen Familienausflug, um die Sachen anzuschauen.

Sprachen Sie zu Hause oft über Politik?

Simon Baumann: Es gab während Jahren fast kein anderes Tischgespräch. Ich fand das sehr positiv und war erstaunt, wie wenig die anderen über Politik wissen. Bei uns war das die Welt. Mein jüngerer Bruder Kilian ist auch Politiker geworden. Ich versuche, mich heute mehr auf gesellschaftspolitische Themen zu fokussieren. Ich bin zwar ein politischer Mensch, aber sicher weniger als du.

Stephanie Baumann: Dein Film ist sehr politisch. Es waren auch viele Politiker aus dem links-grünen Lager bei uns zu Besuch und Filmemacher.

Ihr Sohn wurde auch Filmemacher. Haben Sie seine kreative Seite schon früh wahrgenommen?

Stephanie Baumann: Ja, als du plötzlich Keyboard spielen wolltest. Ich war sehr überrascht, weil ich selbst nie musikalisch war. Die Anfänge waren eher holprig. In den Ferien in Südfrankreich entdeckte ich aber, dass du Talent hast. Du setztest dich in der Hotelhalle einfach an den Flügel und improvisiertest. Die Leute kamen und schauten. Ich habe euch nie bewusst gefördert. Plötzlich habt ihr ein eigenes Leben bekommen. Ich glaube, ihr habt mich mehr geprägt als umgekehrt.

Simon Baumann: Das macht mir Hoffnung für meine drei Monate alte Tochter. Sie muss nicht alles von mir haben.

Und wie hat Ihre Mutter Sie geprägt?

Simon Baumann: Ich wusste bereits im Kindergarten, dass Mann und Frau gleichwertig sind und was Feminismus ist. Ich hatte eine starke Mutter, die für sich einstand, auch gegenüber meinem Vater. Wobei auch du meinen Vater nicht dazu bringen konntest, zu staubsaugen. Und was ich hoffe, was ich von dir habe: an etwas dranbleiben, hart arbeiten und nicht so schnell aufgeben.

Stephanie Baumann: Aber wir hatten eine Rollenteilung. Ruedi schaute zu den Tieren, und ich wollte, dass er den Traktor fährt. Das war eine bewusste Entscheidung, als er noch in Bern arbeitete. So war er mehr zu Hause.

Ihre Söhne waren sechs und sieben Jahre alt, als Sie in die Politik gingen.

Stephanie Baumann: In den Kinderjahren war ich Hausfrau, wollte aber nie alleine Kinder haben. Ruedi bekam in Bern einen Chefposten. Wir vereinbarten, dass er ihn nach vier Jahren aufgibt und wir die Kinder gemeinsam erziehen. Im Nationalrat war ich besonders in den letzten Jahren sehr engagiert, so dass ich mich weniger um euch kümmern konnte. Aber ihr wart auch sehr selbständig.

Simon Baumann: Wir hatten eine gute Kindheit. Die Leute fragten sich oft, wie das bei uns funktioniere, weil die Eltern viel weg waren. Sie waren nicht ängstlich und liessen uns viele Freiheiten. Wir mussten nicht wie andere um neun oder elf Uhr zu Hause sein, bauten mit Nachbarskindern eine Art Zaffaraya-Dorf, wo wir auch lebten. Und einmal machten wir als Familie ein autarkes Jahr. Wir trugen gestrickte Pullover und versuchten zu leben, ohne etwas einzukaufen.

Stephanie Baumann: Was gestrickte Pullover? Aus Leintüchern färbte und nähte ich euch Kleider. Wir kauften nichts mehr ein und versuchten, vom Bauern zu leben. Es war ein kleiner Betrieb, so dass man eigentlich schon damals gar nicht mehr davon leben konnte.

Hat sich Ihre Eltern-Kind-Beziehung irgendwann angefangen zu verändern?

Simon Baumann: In der Zeit, als ich rebellierte, waren wir uns weniger nah. Nach drei oder vier Jahren im Gymnasium holte ich ein Zwischenjahr heraus und kehrte nicht mehr zurück. Ich wollte Musik machen, arbeitete dann aber so viel auf dem Bau.

Stephanie Baumann: Da haben wir dir das erste Mal eine Grenze gesetzt. In dieser Phase hatte ich weniger Freude an dir. Du hast auch so komische Horrorfilme geschaut. Manchmal dachte ich, das Kind driftet ab. Oder das Kiffen. Ich war selbst eine starke Raucherin, wollte aber nicht, dass du zu viel kiffst.

Simon Baumann: Ich habe immer vor euch geraucht. Und mit euch gekifft haben wir auch, oder?

Stephanie Baumann: Ihr habt mir einmal gezeigt, wie man einen Joint dreht (lacht).

Simon Baumann: Anders als in anderen Familien üblich sind meine Eltern nach Frankreich gezogen, und wir sind geblieben, als mein Bruder und ich 20 Jahre alt waren. Das hat unserer Zusammenleben verändert.

Wo ist Nähe, aber auch Distanz für Sie in der Familie wichtig?

Stephanie Baumann: Ich geniesse es sehr, wenn die ganze Familie zehn Tage in Frankreich im Haus verbringt und immer zusammen isst. Aber jahraus und jahrein müsste ich das nicht haben.

Simon Baumann: Wir sind keine Familie, die ständig aufeinandersitzt, sondern etwas kollegialer. Das ist ein Phänomen der 1968er Eltern. Ich habe meinen Eltern schon immer Stephi und Ruedi gesagt, nicht Mama und Papa. Wir waren einfach gute Kollegen. Es war schwierig, gegen euch zu rebellieren. Darum tat es gut, mit dem Gymnasium etwas Widerstand zu leisten.

Stephanie Baumann: Vielleicht aber auch, weil wir euch ernst nehmen. Es sind junge Menschen, die vernünftige Sachen erzählen. Ich weiss ja auch nicht immer auf alles eine Antwort.

Gibt es etwas, woran Sie glauben?

Stephanie Baumann: Ich habe es selbst nicht mit dem Glauben, ich will lieber verstehen als glauben. Ich habe es mehr mit der Vernunft.

Simon Baumann: Ich bin nicht getauft und war nie gläubig. Von zwanzig Schülern waren neunzehn in der kirchlichen Unterweisung und ich nicht.

Stephanie Baumann: Wir haben es euch freigestellt, ob ihr in die Kirche eintreten wollt.

Was vermissen Sie, wenn Sie sich lange nicht sehen?

Simon Baumann: Die politischen Diskussionen. Die Eltern sind für mich ein Kompass, sie haben eine konsequente Linie. Ich will deine Meinung wissen, auch wenn ich es anders sehe.

Stephanie Baumann: Mit dir über Filme zu reden. Ich schätze deine Tipps und vertraue auf dein Urteil. Heute Abend wollen wir zusammen noch in den Film «Heimatland».

SUS.jpg

Foto Goran Basic

Mutter und Sohn

Stephanie Baumann (64) war von 1994 bis 2003 für die Sozialdemokraten im Nationalrat, ihr Mann Ruedi Baumann von 1991 bis 2003 für die Grüne Partei. Zeitgleich amtete die zweifache Mutter als Verwaltungsratspräsidentin des Berner Inselspitals. Seit 2003 lebt das Ehepaar in Gascogne und betreibt einen Biobauernhof.
Simon Baumann (36) wuchs in Suberg auf und studierte Medienkunst an der Hochschule der Künste. Seit 2005 realisierte er mehrere Filme, darunter den vielfach ausgezeichneten Dokumentarfilm «Zum Beispiel Suberg» aus dem Jahr 2013. Er lebt mit Partnerin und Tochter in Suberg.

http://www.nzz.ch/lebensart/gesellschaft/ich-sage-meiner-mutter-stephi-ld.3835

 

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