Wo bleibt die Lebensfreude?
Bauer/Bäuerin zu sein ist einer der schönsten Berufe auf diesem Planeten. Boden bearbeiten, säen und pflanzen, verfolgen wie die Saat aufgeht, pflegen, hacken und striegeln, ernten. Alles in der freien Natur. Oder die Arbeit mit Tieren, füttern und tränken, melken, Nachwuchs aufziehen. Tiere auf der Weide beobachten, zusehen wie Rangkämpfe ablaufen, wie Tiere ihren Bewegungsdrang ausleben und Freudensprünge machen.
Zusehen was in einer naturnahen Kulturlandschaft so alles kreucht und fleucht, Rehe, Hasen, Rebhühner, Fasane…, staunen ab den Lerchen, Kibitzen und Raubvögel. Und dann erst die Blumen in einer artenreichen Wiese, unbeschreiblich!
Als Technikfreak verstehe ich auch die Faszination für grosse Traktoren, Mähdrescher, Rübenvollernter. Wie viel leichter hat die Technik doch die Landarbeit gemacht. Allein zu meiner Lebzeit von der Sense zum Hightechmähwerk, von der Sichel zum Mähdrescher, vom Pferdefuhrwerk zum 40-Tönner Anhängezug. Auch die neuen digitalen Feldroboter können irgend einmal die Bodenbearbeitung schonender machen.
Natürlich gibt es auch Schattenseiten im Bauernleben. Wer (Nutz-)Tiere hält muss diese auch einmal töten. Das hat mich immer belastet und ich nehme an, vielen Bauern und Bäuerinnen geht das gleich.
Ich kann auch verstehen, dass das Ausbringen von Pestiziden keine schöne Arbeit ist. Mit Insektiziden werden Millionen von Schädlingen getötet, aber auch Nützlinge. Mit Herbiziden werden (Un-) Kräuter vernichtet, damit den Kulturen keine Konkurenz erwächst. Mit Fungiziden sollen Pilzschädlinge zerstört werden, gleichzeitig aber wird damit die Mykorrhiza, das feine Pilzgeflecht in einem gesunden Boden geschädigt. Man sagt, in einer Hand voll aktiver Erde gebe es mehr Kleinstlebewesen als Menschen auf dem ganzen Planeten.
Auch wenn die Agrarinitiativen abgelehnt werden sollten, wird es nicht einfacher, mit einem Ganzkörperschutzanzug und Gesichtsmaske auf einer Pestizidspritze durchs Dorf zu fahren. Die Leute werden weiterhin mit Unverständnis reagieren. Das ist übrigens nicht nur in der Schweiz so.
Ich habe Mühe zu verstehen, warum man das Angebot der Gesellschaft, des Staates, nicht annehmen will, auf Pestizide zu verzichten und für den Mehraufwand und den Minderertrag entschädigt zu werden. Die Bioproduktion ist eine Herausforderung und macht das Bauernleben erst spannend. Biologischer Landbau sorgt für mehr Lebensfreude und gesundes Trinkwasser! Wagen wir es, im Interesse unserer Jugend!

Keine Angst, das ist kein Opiumfeld, nur eine Zwischenbrache (entdeckt von unserm Küchenfenster aus).
Die Krämerseelen im Bundesrat
Konzeptionslos, sinnlos, kopflos! Der Abruch der Verhandlungen mit der EU zu einem Rahmenabkommen empfinde ich als Auslandschweizer nur noch als Bankrotterklärung einer äusserst schwachen Regierung. Die Krämerseelen im Bundesrat wissen nach sieben Jahren Verhandlungen einfach nicht mehr weiter. Eigentlich müssten sie zurücktreten. Mein Land „im Herzen Europas“ geht immer noch davon aus, dass es alles kaufen kann. Was hat die Schweiz bisher zur Einigung Europas und zur europäischen Zusammenarbeit beigetragen? Nichts, nur Krämergeist, Rosinenpicken statt Solidarität. Ein historischer Fehlentscheid!

Das Kreuz mit dem Schweizerkreuz
Für eine lebenswerte Zukunft
| Gemeinsam – Bäuer*innen und Konsument*innen – für eine lebenswerte Zukunft Gemeinsame Kommunikation der Trinkwasserinitiative, der Initiative für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide, der GRÜNEN Schweiz und der GLP Schweiz betreffend den aktuellen Ausuferungen, welche die öffentliche Diskussion über die beiden Volksbegehren beeinträchtigen. Wir rufen unsere Unterstützer:innen sowie die Gegenseite dazu auf, auf Beleidigungen, respektloses Verhalten und jegliche Gewaltakte zu verzichten. Strafrechtlich relevante Drohungen gegen Personen werden unsererseits mit Strafanzeigen beantwortet. Diese haben in einer fairen Auseinandersetzung zu solchen Themen nichts zu suchen. Wir möchten zudem daran erinnern, was der eigentliche Inhalt unserer aktuellen Debatte sein sollte. Das Ziel der Initiant:innen der beiden Volksbegehren ist es, Probleme anzusprechen, die aktuell das Wohlergehen der gesamten Bevölkerung, der Bäuer:innen sowie der Natur beeinträchtigen und dafür Lösungsansätze vorzuschlagen. Es war und ist ein Angebot, gemeinsam in eine bessere, gesündere und ökologische Zukunft zu gehen. Die Trinkwasserinitiative sowie die Initiative für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide haben zum Ziel, eine allgemeine Verbesserung der gesundheitlichen sowie ökologischen Situation in der Schweiz zu erreichen. Sie sind die Verkörperung eines globalen Trends, denn ein System, das gegen die Natur arbeitet, hat keine Zukunft. Die beiden Initiativen möchten auch im Speziellen die Beziehung zwischen den Bäuer:innen und den Konsument:innen verbessern um so ein gegenseitiges Bewusstsein zu schaffen. Wir rufen die Schweizer Bevölkerung vereint und gestärkt dazu auf, mit uns für eine lebenswerte Zukunft einzustehen, faire Debatten zu führen und sich allen gegenüber respektvoll zu verhalten.Kontakt Kilian Baumann Nationalrat GRÜNE BE 078 809 70 43 Florian Irminger Generalsekretär GRÜNE Schweiz 079 751 80 42 |
Pestizide sind überall

Er will endlich Bewegung in der Agrarpolitik: Biobauer und Grünen-Politiker Kilian Baumann erklärt im Interview, weshalb er die Trinkwasser- und Pestizid-Initiativen unterstützt. Und was das für die Preise für Bio-Produkte bedeuten könnte. Weitere Sprachen: 3 (Auszüge aus einem Interview auf swiss info)
Am 13. Juni kommen zwei Agrarinitiativen an die Urne, die für hitzige Debatten sorgen. Die Trinkwasser-Initiative will, dass Landwirte keine Direktzahlungen erhalten, wenn sie Pestizide einsetzen oder prophylaktisch Antibiotika verwenden und dass sie einen Tierbestand halten, den sie mit eigenem Futter ernähren können. Die Pestizid-Initiative ihrerseits verlangt ein komplettes Verbot von synthetischen Pestiziden und ein Einfuhrverbot von Lebensmitteln, die mithilfe solcher hergestellt wurden oder die solche enthalten.
Nützliche Links
Der Berner Kilian Baumann ist Nationalrat der Grünen und Biobauer. Er ist eines der Gesichter des Befürworter-Lagers der beiden Initiativen, obwohl er bei deren Ausarbeitung nicht involviert war. Baumann hat sich immer wieder kritisch über die Sistierung der Reform der Agrarpolitik geäussert und setzt sich für eine merkliche Ausweitung der biologischen Landwirtschaft ein.
swissinfo.ch: In der Schweiz herrscht der Eindruck vor, die „unberührte Natur“ des Landes sei vorbildlich. Täuscht das?
Kilian Baumann: Man muss sagen, dass wir mittlerweile in den Rückstand geraten sind. Früher waren wir besser unterwegs, aber in den letzten Jahren wird die Agrarpolitik blockiert, nötige Massnahmen werden gebremst. Schauen Sie auf unsere Nachbarn: Österreich ist hinsichtlich Bioflächen und Biobetriebe wesentlich weiter als die Schweiz, Bayern und Baden-Württemberg sind uns in Sachen biologische Landwirtschaft voraus. Leider leben wir nicht in der heilen Welt, die wir uns gerne vorstellen.
Diese Problematik ist bekannt – fast täglich lesen wir Berichte über Pestizidrückstände im Trinkwasser, über Quellfassungen, die nicht mehr genutzt werden können, weil die Höchstwerte überschritten wurden, über das Bienensterben, das Verschwinden der Insekten, den Biodiversitätsverlust und so weiter. Auch die Ursachen sind bekannt und die Landwirtschaft ist für einen grossen Teil dieser Probleme mitverantwortlich. Wobei man klar sagen muss, nicht die Landwirtschaft, sondern die Landwirtschaftspolitik. Nicht wir Bauern sind schuld, sondern die politischen Rahmenbedingungen.

Wo fände sich die Schweiz nach Annahme dieser Vorlagen wieder?
Da würden wir einen grossen Schritt vorwärts machen, wenn wir als Land – auf nationaler Ebene – auf den Gebrauch von synthetischen Pestiziden verzichten würde. Und die Tierbestände stärker an die Betriebsfläche gebunden würden.
Bisher gibt es vereinzelt Regionen, die auf synthetische Pestizide verzichten. Würden wir das als ganzes Land machen, hätte das eine wahnsinnige Ausstrahlung ins Ausland. Und ich sehe das auch als Chance. Die Schweiz wäre eine Vorreiterin, die für Nachhaltigkeit, Ökologie und Klimaschutz einsteht – das sind ja die Themen für die Zukunft.
Was ist die Haltung Ihrer europäischen Schwesterparteien zum Thema? Gibt es auch auf EU-Ebene ähnliche Bestrebungen?
Mit dem Green New Deal will man europaweit die Landwirtschaft ökologischer gestalten. Es gibt ähnliche Bewegungen in praktisch allen westlichen Ländern, in denen es Direktzahlungen an Bauern gibt und wo man die Landwirtschaft an ökologische Leistungen knüpft. Denn man ist mit den gleichen Problemen konfrontiert.
Das stösst auf grossen Widerstand, weil von diesen Änderungen auch finanzielle Interessen betroffen wären. Von der intensiven Landwirtschaft und Tierhaltung mit grossem Einsatz von Dünger, Pestiziden und Maschinen, profitieren ja gewisse Kreise.
Die beiden Initiativen werden als „zu radikal“ bezeichnet. Wäre etwas milder formulierte Anliegen nicht zielführender gewesen?
Die Übergangsfristen sind mit 8, respektive 10 Jahren grosszügig. Zudem gibt es zuerst noch einen parlamentarischen Prozess, um die Initiative in ordentliches Recht überzuführen. Abgesehen davon gibt es bei der Umsetzung auch einen gewissen Spielraum, etwa bezüglich der Futtermittel, die von der Trinkwasserinitiative betroffen sind.
Man muss auch sagen: Die Initiativen kommen aus Bürgerkomitees, nicht von Parteien oder Verbänden. Es gibt also offenbar ein Unbehagen in der Gesellschaft. Die Politik hat es in den letzten Jahren versäumt, diese Anliegen aufzunehmen. Die Reform der Agrarpolitik ist blockiert und es gibt nicht einmal Gegenvorschläge zu den beiden Initiativen. Darum sagen die Leute jetzt, „es reicht“.
Giftbauern
Die Rolle der Fenaco (Zitat aus dem heutigen Sonntagsblick)
„Fenaco und die Bauern sind also aufs Engste miteinander verbandelt. Der Fenaco-Präsident ist im Vorstand des Bauernverbands. Mit Guy Parmelin und Ueli Maurer sitzen gleich zwei Männer im Bundesrat, die einst im Verwaltungsrat der Genossenschaft waren. 32 bäuerliche Vertreter und Vertreterinnen zählt das Parlament. Darunter auch Fenaco-Verwaltungsrat Leo Müller und Bauernverbands-Präsident Markus Ritter. Bisher ist es den Bauern dank Unterstützung der Bürgerlichen stets gelungen, ihre Interessen durchzusetzen: Milliarden an Direktzahlungen, kaum Zugeständnisse an eine ökologischere Landwirtschaft.
Was im Parlament noch funktioniert, scheint für die Bevölkerung immer weniger aufzugehen. Sonst würde es aktuell nicht gleich zwei Initiativen geben, die von den Landwirten einen radikalen Richtungswechsel fordern – die Pestizid- und die Trinkwasser-Initiative. Beide wollen eine Landwirtschaft, die bewahrt und nicht zerstört. Also vereinfacht gesagt: Bio. Für die ganze Schweiz.
Für Fenaco wäre so was geschäftsschädigend. Für die weltweit tätige Syngenta ist der Schweizer Markt vernachlässigbar – doch die Signalwirkung wäre schlecht.“

Der Gegenbauer
Kilian Baumann ist Bauer und gleichzeitig Feindbild vieler Bauern. Etwa, weil
er für die Trinkwasserinitiative kämpft. Er hat gewusst, dass es so weit
kommen wird – von seinem Vater.
Samuel Tanner NZZaS
24.04.2021, 21.45 Uhr

Auf der Landwirtschaftsschule nannte er sich, so gut es ging,
Kilian B.: Kilian Baumann, Nationalrat der Grünen. (Suberg,
Dieser Bauernhof in Suberg im Kanton Bern, ein denkmalgeschütztes
Riegelhaus, das umgeben ist von Bächen und von Bäumen, an vielen
Tagen eingenebelt zwischen Bern und Biel, dieser Bauernhof der
Familie Baumann stand schon immer im Sturm.
Kilian Baumann, 40, Bauer und Nationalrat der Grünen, steht
zwischen dem Stall und einem alten Traktor – ein schmaler Mann
mit schönen Schuhen –, als er von den Drohungen gegen sich und
seine Familie erzählt. In den Kommentarspalten der Bauernpresse
rufen sie zu Gewalt auf, so dass er das Bild mit Partnerin und
Kindern von seiner Website gelöscht hat. Anrufe auf sein Handy
nimmt er nur noch ab, wenn er die Nummer zuordnen kann.
Er sei da reingeraten, in diesen Sturm der Politik, sagt Baumann,
seine Partnerin kritisiere das durchaus. Es hört nicht mehr auf.
Am Abend davor war er im «Club» des Schweizer Fernsehens, um für
die Trinkwasser- und die Pestizidinitiative zu reden, über die am
13. Juni abgestimmt wird. Die Initiativen wollen, dass die Bauern auf
Pestizide verzichten, auf Antibiotika, auf den Zukauf von
Futtermittel. Kilian Baumann, der neue Präsident der Kleinbauern,
sass Markus Ritter gegenüber, dem Präsidenten des grossen
Bauernverbands.
Sie sind beide Biobauern, aber damit hören die Gemeinsamkeiten
auf. Baumann trug ein feines Hemd, Ritter eine breite
Edelweisskrawatte wie ein Plakat. Baumann hat eine stille Stimme,
Ritter den häckselnden Dialekt seiner Heimat.
Ritter hat die Macht, Baumann den Zeitgeist auf seiner Seite. Und die
Macht hat den Zeitgeist schon immer gefürchtet. Ritter erstritt sich
das Wort und referierte Zahlen, bis niemand mehr folgen konnte.
Damit kommt er meistens durch. Aber Baumann ist kein leichter
Gegner. Er will den Fleischkonsum reduzieren, aber er ist nicht
Veganer, sondern Fleischproduzent. Er ist ein Bauer, wie das urbane
Milieu ihn malen würde, ein Teilzeitbiobauer und Teilzeitvater, aber
er hat nie studiert und wohnte sein ganzes Leben lang im gleichen
Dorf.
Vielleicht sind es gerade diese Widersprüche, die seine Gegner
wahnsinnig machen. Baumann ist eine stille Provokation. «Ich bin
bei vielen Bauern nicht beliebt», sagt er, «das ist der Punkt, an dem
mein Vater schon stand.»
«Kilian hat sicher auch
gelitten unter seinem Vater,
stillschweigend» – das sagt:
sein Vater.
Kilian Baumann hat früh mitbekommen, was es bedeutet, sich gegen
Grossmächte im Bauernstand auszusprechen. Der Bauernhof, auf
dem er aufgewachsen ist und den er heute führt, war besprayt mit
den Worten: «Ruedi du Wixer». Damit war sein Vater gemeint, Ruedi
Baumann. Ein Stier musste geschlachtet werden, weil Sprayer ihm ins
Gesicht sprühten, bis er böse wurde.
Das Bändli des Telefons war mit Morddrohungen belegt. Auf der
Landwirtschaftsschule nannte er sich, so gut es ging, Kilian B., um
nicht als Baumann erkannt zu werden. Das merkten seine Eltern erst
später. «Kilian hat sicher auch gelitten unter seinem Vater,
stillschweigend» – das sagt: sein Vater.
Wieso ist aus Kilian B. jetzt doch Kilian Baumann geworden?
Die Antwort liegt auf diesem Bauernhof in Suberg, der seit vielen
Generationen von der Familie geführt wird. Baumanns Grossvater
war beliebt, der Kommandant der Dorffeuerwehr, der Präsident der
Musikgesellschaft. Als er im Herbst des Jahres 1975 starb, wurde die
Hauptstrasse für den Trauerzug gesperrt. Mit ihm ging, so wird er in
der Familie beschrieben, ein zufriedener Kleinbauer in einer Schweiz
der Kleinbauern. Er war einer, der dazugehörte.
Nach dem Tod des Grossvaters brach eine neue Zeit an: auf dem Hof,
im Land. Ruedi Baumann übernahm, das zweite Kind der Familie. Er
blieb Kleinbauer in einer Zeit, als die Schweiz zu einem Land der
Grossbauern wurde. Er wurde einer, der nicht dazugehörte. Baumann
heiratete eine emanzipierte Frau aus Bern. Sie bekamen zwei Söhne,
denen sie alle Freiheiten liessen. Sie führten einen Biohof und
wurden dafür belächelt. Er trug einen langen Bart, sie trug Hosen.
Als er für seine alte Partei, die SVP, auf eine Liste wollte, wurde Ruedi
Baumann abgelehnt – weil seine Frau in einer anderen Partei sei als
er: bei der SP. Deshalb ging er zu den Grünen, deren Präsident er
später werden sollte. In den neunziger Jahren waren Ruedi und
Stephanie Baumann das erste Ehepaar im Nationalrat. Als er im
Vorstand des Bauernverbands eine Kleinbauerninitiative vorstellen
wollte, wies man ihn ab. Deshalb trat er aus dem Verband aus und
wurde zu dessen Gegner.
Provokationen, überall
Ruedi Baumann sagt: «Ich bin nicht freiwillig zum Aussenseiter
geworden.»
In Suberg wehrten sich Baumanns gegen eine Bahnunterführung –
bis heute regen sich die Leute im Dorf über sie auf, wenn sie am
Bahnübergang warten müssen. Sie wehrten sich dagegen, dass Bäche
zugedeckt wurden und eine Umfahrungsstrasse gebaut wurde. Die
Ironie ihrer Geschichte ist, dass sie die Schweiz bewahren wollten
und dabei von Konservativen bekämpft wurden.
In dieser Umgebung wuchsen die beiden Söhne auf, Simon und
Kilian. Im nahen Wald erschufen sie sich ihre eigene Welt: ein
Hüttendorf, in dem sie in den Sommerferien lebten. Einen Kleinstaat
mit eigener Währung, Strassen, Restaurants. «Die Eltern waren oft
weg und wir frei», sagt Kilian Baumann. Im Wald konnte er
irgendeinen Namen tragen.
In der Realität war es anders. Simon Baumann, der ältere Sohn, sagt:
«Wir waren nie ein weisses Blatt Papier. Wir mussten uns immer zu
unseren Eltern positionieren. Das ist unser Erbe.» Er wurde
Filmemacher und zum Beobachter seiner eigenen Familie. In dem
Dokumentarfilm «Zum Beispiel Suberg» versuchte er die
Aussenseiterrolle in seinem eigenen Dorf zu überwinden, die auch
familienbedingt war. Er trat dem Männerchor bei und blieb sechs
Jahre lang, bis zu dessen Auflösung. Zurzeit arbeitet er an einem Film
über seine Eltern und das, was sie hinterlassen.
Kilian Baumann, der jüngere Sohn, übernahm im Alter von zwanzig
Jahren den Bauernhof der Eltern. Ruedi und Stephanie Baumann
zogen sich am Anfang des neuen Jahrtausends aus der Politik und
auf einen Bauernhof in der Gascogne, Frankreich, zurück. Sie hatten
versucht, einen Hof in der Schweiz zu kaufen oder zu pachten, aber
sie fanden keinen. Auch aus politischen Gründen, sagt Ruedi
Baumann.
Am Telefon teilt er sein Leben in zwei Zeiten: In der Schweiz hätten
sie «eine gute Zeit» gehabt, in Frankreich «eine grossartige Zeit». Als
Auswanderer konnten sie ihren Namen noch einmal neu
konnotieren. Sie machen jetzt nicht mehr Politik, sie haben jetzt «ein
im ganzen Land anerkanntes Orchideenzentrum», wie er sagt.
In Suberg führt Kilian Baumann sein Erbe weiter: auf dem Hof und
in der Politik. Sein Vater sagt: «Wir sind stolz auf ihn und ziemlich
erstaunt. Vom Charakter her ist er kein Politiker.» Sein Bruder sagt:
«Mein Vater hat den politischen Kampf gesucht, er zog Energie
daraus. Hoffentlich kann Kilian das auch.» In der Familie kann
niemand erklären, wieso es ihn in die Politik zog.
Kilian Baumann erbte mit dem Bauernhof auch eine Perspektive. Er
ist Kleinbauer geworden in einer Schweiz, die Kleinbauern eigentlich
nicht mehr vorsieht. Er hat eine Obstbaumkultur wiederbelebt auf
einer Wiese, die er auch als Bauland hätte verkaufen können. Er hat
neun Rinder und ein paar Hühner und zehn Hektaren Land. Fleisch
verkauft er nur direkt ab Hof.
Nur mit seinem Bauernhof könnte er seine Familie nicht ernähren,
sie waren schon immer auf den Lehrerinnenlohn seiner Partnerin
angewiesen. Kleinbauern müssen vielleicht kreativer sein als
Grossbauern, damit sie überleben. Vieles rentiert für sie nicht.
Der Präsident der Grünen, Balthasar Glättli, will vermehrt auch die
konservative Seite seiner Partei betonen. Was ihm vorschwebt, ist
eine Art helvetisches Hüttendorf: mit lokalen Währungen, mehr Sein
als Haben, ein Leben nach den Ressourcen der Natur. Balthasar
Glättli sucht in der Vergangenheit eine Zukunft, die Kilian Baumann
auf seinem Bauernhof bereits gefunden hat.
Als Jugendlicher schnupperte Baumann auch in anderen Berufen, als
Gärtner oder als Kaufmann, aber er wollte Bauer werden, weil man
sich auf seinem Hof die eigene Welt erschaffen, oder in seinem Fall
eher: bewahren kann. Er sagt: «Es brauchte immer solche, die einen
neuen Weg gehen. Veränderungen werden belächelt, sie werden
abgelehnt, aber sie entfalten dennoch ihre Wirkung.» Er spricht von
neuen Wegen, aber neue Wege können auch zurückführen.
Um sein Erbe, diesen kleinen Bauernhof in Suberg im Kanton Bern,
zu verteidigen, muss er die Landwirtschaftspolitik verhindern, die
aus Bauernhöfen so etwas wie Bauernkonzerne machen will. Aus
diesem Grund steht er heute an dem gleichen Punkt wie damals sein
Vater.



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