AUSWANDERERBLOG

Was macht eigentlich…

Posted in Von Tag zu Tag by ruedibaumann on Januar 21, 2012

Simon Widmer im Bieler Tagblatt über Ruedi Baumann:

„Politische Ämter reizen mich nicht mehr“

Präsident der Grünen Partei, EU-Befürworter und AKW-Gegner der ersten Stunde. Der Seeländer Ruedi Baumann war einer der profiliertesten Köpfe der politischen Schweiz. Seit 2001 lebt er mit seiner Frau in einem Dorf im Südwesten Frankreichs, wo er sein Glück gefunden hat.

Obwohl er unterdessen an die 1000 Kilometer vom Seeland entfernt lebt, besucht Ruedi Baumann sein Heimatdorf Suberg drei bis vier Mal pro Jahr. Auch diesen Januar steht der Peugeot mit dem französischen Nummernschild vor dem Bauernhof Inselmatt, den Baumann Jahre lang selber bewirtschaftet hat. „Ich komme gerne zurück“, sagt Baumann, der mit seiner linksgrünen Politik für viele Schweizer Bauern jahrelang ein rotes Tuch war. Trotzdem oder gerade deshalb war Baumann jahrelang ein einflussreicher Kopf in der Schweizer Politik. 1991 wurde er in den Nationalrat gewählt und von 1997 bis 2001 präsidierte er die Grüne Partei der Schweiz.
2003 sagte Baumann („Ich hasse Sesselkleber“) der Politik Adieu und wanderte mit seiner Frau Stephanie (SP-Nationalrätin von 1994 bis 2003) nach Frankreich aus. Den Bauernhof in Suberg übergab er seinem Sohn Kilian. Der Umzug nach Frankreich war für Baumann vor allem ein rationaler Entscheid. „In der Schweiz können sich doch nur noch Millionäre einen Bauernhof kaufen“, sagt er. Nach einer Suchphase von vier Jahren hatte Baumann seinen Traumbetrieb gefunden. Für 600‘000 Franken erstanden er und seine Frau einen 70-Hektar-Betrieb im Dörfchen Traversères, im Südwesten Frankreichs, ungefähr 100 Kilometer von Toulouse entfernt.

Neue Herausforderung gefunden

Dass der Hof 10 Jahre stillgelegt war und am Anfang weder Strom noch Wasser hatte, störte Baumann nicht. „Eine neue Herausforderung, das war genau was ich suchte“, sagt er. Dabei half ihm auch die Dorfbevölkerung von Traversères, die das Auswanderer-Ehepaar mit offenen Armen empfangen hat. Baumann kam wohl auch entgegen, dass die Bauern in Frankreich im Gegensatz zur Schweiz oft links-grün sind. „In unserem Bezirk kandidieren Bauern sogar für die Kommunisten – das wäre in der Schweiz undenkbar“, sagt er.

Schönster Orchideenhof Frankreichs

Landschaftlich sei die Gegend einzigartig: „La France rurale, die Gegend erinnert mich an die Schweiz der 50er Jahre, als noch nicht alles verbaut war“. Und auch sein Bauernhaus sei kein ordinärer Neubau, sondern ein „bâtiment de caractère“. Eine weitere Besonderheit des Grundstücks entdeckte Baumanns Frau Stephanie: Die neue Heimat der Baumanns wimmelt vor wilden Orchideen. „Wir haben den schönsten Orchideenhof in ganz Frankreich“, sagt Baumann nicht ohne Stolz. Stephanie Baumann hat denn auch eine neue Orchideenart entdeckt und ab und an besuchen französische Orchideen-Fans den Hof der Baumanns.

Ungefähr drei Tage die Woche benötigt Ruedi Baumann heute, um seinen Hof zu bewirtschaften. Den Rest der Zeit verbringt er mit Lesen (aktueller Literaturtip: „Jacob beschliesst zu lieben“ von Catalin Dorian Florescu), seinem regelmässig aktualisierten Auswandererblog und neuen Hobbys wie etwa dem Saxophon spielen, das er in Frankreich erlernt hat. Weiterhin eine wichtige Rolle im Leben des Öko-Pioniers spielt die Politik, wobei der dezidierte EU-Fan und AKW-Gegner der ersten Stunde kein Jota von seinen Überzeugungen abgeweicht ist. AKW-Betreiber setzten die Schweiz aufs Spiel und das passive Verhältnis der Schweiz zu Europa bezeichnet er als „weiterhin skandalös“. Auch tauscht er sich regelmässig mit ehemaligen politischen Weggefährten aus, die ihn oft in Frankreich besuchen, zuletzt alt Nationalrat Andrea Hämmerle (SP).

Kein Comeback als Politiker

Was also läge näher als ein Comeback für den alt Nationalrat, der sowohl die französische als auch die schweizerische Politik verfolgt? Zumal der Gemeindepräsident von Traversères letzte Woche seinen Rücktritt erklärt hat. „Politische Ämter reizen mich nicht mehr“ winkt Baumann ab und lächelt milde. Um ein politisches Amt seriös auszuüben, müsse man unglaublich chrampfen, sagt Baumann, der während seiner Zeit im Nationalrat oft ganze Wochenende mit Aktenstudium verbracht hat. „Ich arbeite mit grossem Vergnügen, und kann jeden Tag selber entscheiden, was ich machen will. Diese Freiheit möchte ich nicht aufgeben“.

Der Blog von Ruedi Baumann:
auswandererblog.ch
Autobiographie: Baumann, Ruedi: Bauernland. Mein Leben. 138 S. Nagel & Kimche, 2006

Zur Person (Info-Box):
• Ruedi Baumann wurde 1947 als zweites von drei Kindern in Suberg, Gemeinde Grossaffoltern geboren
• 1991 wurde der grüne Politiker in den Nationalrat gewählt, wo er bis 2003 politisierte. Von 1997 bis 2001 war er Präsident der Grünen Partei
• Verheiratet ist der EU-Befürworter und AKW-Gegner mit Stephanie, die von 1994 bis 2003 für die SP im Nationalrat sass.
• 2001 wanderten die Baumanns in den Südwesten Frankreichs aus.

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