AUSWANDERERBLOG

Paysanne und paysan française mit Migrationshintergrund

Posted in Von Tag zu Tag by ruedibaumann on Juni 18, 2011

Nächste Woche feiern wir unser Zehn-Jahres-Jubiläum in Frankreich! Zehn gute, schöne, arbeitsreiche, erholsame, anstrengende, spannende, lehrreiche und einzigartige Jahre in der France profonde! Wir bedanken uns herzlich bei Land und Leuten! Vive la France!


Foto Oliver Lang

„Es war spätabends und entsprechend finster in dieser gottverlassenen Gegend, als wir am 21. Juni 2001 hier ankamen. Wie abgemacht, lag der Hausschlüssel unter einem Stein neben dem Haupteingang des Maison du Maitre, aber wir hatten weder Strom noch Wasser und auch das Telefon funktionierte nicht. So biwakierten wir in unserm neuen unmöblierten Heim bei Kerzenlicht auf dem Fussboden, das Wasser holten wir aus dem nahen Senkbrunnen und zur nächsten Telefonkabine fuhren wir meilenweit. In den ersten Wochen war aufräumen, reparieren, entsorgen, einkaufen und anstreichen angesagt. Daneben knüpften wir erste Kontakte zu den Bauernfamilien in der Gegend. Unsere Gemeinde zählt nur 65 Einwohner, die nächsten Nachbarn sind eineinhalb Kilometer entfernt. Wir stellten uns beim Maire vor und schlugen uns mit der französischen Administration, mit der Electricité de France und der France Telecom herum. Einen Traktor und Maschinen haben wir gemietet, bis wir nach und nach das Nötige anschafften.
Während vier Jahren hatten wir etwa 30 Betriebe besucht, bis wir hier in der France profonde den passenden gefunden haben. Unser Hof liegt in der Gascogne, 100 km westlich von Toulouse, im Midi-Pyreneé, Departement Gers. Die hügelige Region gilt als Abwanderungsgebiet und ist am dünnsten besiedelt von ganz Frankreich. Die Böden sind hart und steinig, kalk- und tonreich und oft sehr trocken. Unser Hof umfasst eine landwirtschaftliche Nutzfläche von 70 ha, alles an einem Stück, mit alten aber charaktervollen Gebäuden. Die früheren Besitzer waren sogenannte Pieds noirs, die 1963 von Algerien hierher kamen. In den letzten 10 Jahren war der Betrieb mit Hilfe von EU-Subventionen stillgelegt. Einerseits ideal für uns, weil wir ab dem ersten Tag mit biologischem Landbau beginnen konnten, andererseits waren Hof und Felder stark vernachlässigt und verbuscht. Aber was gibt es schöneres als etwas wieder instand zu stellen, Böden zu rekultivieren, zu säen und zu ernten und das alles in einer landschaftlich zauberhaften Gegend. Inzwischen haben wir am Wohnhaus das Dach saniert, eine Heizung eingerichtet, die Wasserversorgung erneuert und alle Zimmer gestrichen. Auf einem alten Stall haben wir eine Photovoltaikanlage eingerichtet und produzieren damit grünen Strom, den wir ins öffentliche Stromnetz einspeisen. Auf 40 ha Acker gediehen in den letzten Jahren Sonnenblumen, Brot- und Futtergetreide, Luzerne und Févéroles (Bohnen). Wir haben Drainagerohre eingelegt und Bachläufe saniert, einen kleinen Rebberg und einen Garten mit Gewächshaus angelegt.
Die notwendigen grossen landwirtschaftlichen Maschinen haben wir ganz am Anfang gemietet, weil auf dem Hof kein brauchbares Material mehr vorhanden war. Inzwischen haben wir die wichtigsten Maschinen, Bodenbearbeitungsgeräte, Saat- und Mähapparate, Schaufelbagger und Frontlader usw. nach und nach angeschafft. Nicht ohne vorher alle Maschinenausstellungen in der Region besucht und intensiv mit den Maschinenhändlern verhandelt zu haben. Einen neuen, topmodernen 120-PS Massey-Ferguson Traktor haben wir uns Ende des ersten Betriebsjahres zu Weihnachten geleistet. Stephanie und ich bewirtschaften den Hof allein mit gelegentlicher Mithilfe unserer Söhne aus der Schweiz.
Weil wir nicht grossflächig bewässern können, sind die Erträge nur etwa halb so hoch wie in der Schweiz. Der Absatz der Bioprodukte erfolgt über landwirtschaftliche Genossenschaften, allerdings zu Marktpreisen die zwei- bis dreimal tiefer liegen als in der Schweiz. Auf den Naturwiesen- und Weideflächen produzieren wir Oekoheu für den Verkauf oder bestossen sie kurzfristig mit den Mutterkühen unseres Nachbarn. Die Orchideenvielfalt auf diesen ungedüngten Wiesen ist einzigartig und inzwischen bei vielen Orchideenliebhabern in ganz Frankreich bekannt.“

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  1. mary said, on Juni 18, 2011 at 4:21 pm

    wir gratulieren ganz herzlich,macht weiter so es immer schön von EUCH zu lesensommerliche Grüsse aus Granby

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  2. Ruth + Ueli said, on Juni 26, 2011 at 10:14 am

    Mit bernischer Verspätung gratulieren wir herzlich zum 10. Jahrestag. Unglaublich, was ihr auf eurer Domaine in dieser Zeit geleistet habt. Chapeau!

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