AUSWANDERERBLOG

Wiedergutmachung

Posted in Politik by ruedibaumann on April 28, 2016

Am 18. Juni 2003 (also vor 13 Jahren!) habe ich im Nationalrat folgende Motion eingereicht:

Verdingkinder, Historische Aufarbeitung

„Der Bundesrat wird eingeladen, endlich eine fundierte historische Aufarbeitung der Problematik der Verdingkinder in die Wege zu leiten.

BEGRÜNDUNG
Weil die Fürsorgepolitik in der Schweiz im Wesentlichen in die Kompetenz der Gemeinden und Kantone fällt, fehlt nach wie vor eine nationale Studie über die Art und Weise, wie die bürgerliche Gesellschaft im 20. Jahrhundert gewisse soziale Fragen gelöst hat.

Dabei ist die Problematik der Verdingkinder ein (weiteres) dunkles Kapitel in der schweizerischen Sozial- und Fürsorgepolitik. Bisher sind aber nur sehr bruchstückhaft unmenschliche Einzelschicksale von Verdingkindem in der Öffentlichkeit bekannt geworden.

Eine fundierte historische Studie ist auch aus zeitlichen Gründen dringend, weil sonst viele Zeitzeugen nicht mehr am Leben sind. Eine diesbezügliche Studie wäre auch ein erster Schritt zur Aufarbeitung des Unrechtes, das zahlreichen Menschen in unserem Land widerfahren ist.“

Die Antwort des Bundesrates (damals):

Die Problematik der Verdingkinder muss unter dem allgemeineren Blickwinkel der Sozialpolitik betrachtet werden, welche im Wesentlichen in die Kompetenz der Kantone und der Gemeinden fällt.
Der Bundesrat hat im Jahre 2000 beim Schweizerischen Nationalfonds das nationale Forschungsprogramm 51 (NFP 51) mit dem Titel „Integration und Ausschluss“ in Auftrag gegeben, das mit 12 Millionen Franken dotiert ist und in welchem auch die Sozialpolitik Gegenstand der Forschung ist.
In Anbetracht der Tatsache, dass die Forschungsarbeiten im Rahmen des NFP 51 in der zweiten Hälfte dieses Jahres anlaufen und deren Ergebnisse in drei Jahren vorliegen werden, erachtet es der Bundesrat derzeit als verfrüht, die Notwendigkeit einer durch den Bund finanzierten historischen Studie in diesem Bereich abschätzen zu können.
Der Bundesrat betont sein grundsätzliches Interesse an einer fundierten Aufarbeitung dieses in der Tat schwierigen Kapitels in der Geschichte der Schweiz. Er ermutigt deshalb die Historiker und andere Forscher, sich dieses Themas anzunehmen und verweist auf die bestehenden Förderungsmöglichkeiten, insbesondere auf diejenigen des Schweizerischen Nationalfonds.

Der Bundesrat beantragt, die Motion abzulehnen.

Meine Motion wurde in der Folge auch sang- und klanglos abgeschrieben!

Gestern endlich hat die Mehrheit des Nationalrates einem Gegenentwurf zu einer Volksinitiative zugestimmt (gegen den Widerstand der SVP), die eine bescheidene Entschädigung an ehemalige Verdingkinder für erlittenes Unrecht und eine historische Aufarbeitung vorsieht. Jetzt muss nur noch der Ständerat zustimmen.

Moral der Geschichte: Lieber spät als nie! Für tausende von Verding- und Heimkindern kommt die „Wiedergutmachung“ freilich zu spät!

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