AUSWANDERERBLOG

Schweizer Bauer

Posted in Bauernland by ruedibaumann on Juli 24, 2010

Der „Schweizer Bauer“ ist eine der landwirtschaftlichen Fachzeitschriften Helvetiens. Bodenständig, bürgerlich, Publikationsorgan für Viehschauen und Flurbegehungen… und natürlich wie die Bevölkerungsmehrheit sehr EU-kritisch.
Esther Bravin hat mir ein paar Fragen gestellt:

Schweizerbauer: Warum sind Sie nach Frankreich ausgewandert?
Ruedi Baumann: Aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Meine Frau und ich waren beide im Parlament. Nach zwölf Jahre haben wir uns entschlossen, zurückzutreten (ich hasse Sesselkleber)! In der Zwischenzeit hatten wir unseren Hof unserem Sohn abgetreten. Für mich als Linker wäre es schwierig gewesen, wieder eine Stelle als Agronom zu bekommen. Zuerst versuchten wir erfolglos in der Schweiz einen Betrieb zu pachten. Dann haben wir nach vierjähriger Suche in der Gascogne im Südwesten Frankreichs eine Ferme gefunden. Rein agronomisch ist die Lage nicht optimal, es ist hügelig, die Böden sind tonreich, hart, trocken und es ist heiss. Zum bewässern müssten wir zuerst einen See anlegen. Aber der Hof hat viel Charme, tausende von wilden Orchideen, bietet viel Lebensqualität. Natürlich vermissen wir Kinder und Freunde.

S.B: Sie schreiben täglich in Ihrem Auswanderblog. Warum?
R.B: Ich setze mich mit der Umgebung in Frankreich auseinander. Mit dem Blog behalte ich aber auch viele Kontakt zur Schweiz, selbst mit damaligen politischen Gegnern. Mein Auswandererblog (http:auswandererblog.blueblog.ch) wird täglich von 1500 Leuten besucht und vernetzt Bauern auf der ganzen Welt die an Bildern und Texten von ennet der Grenze interessiert sind.

S.B: Was ist in Frankreich gleich wie in der Schweiz?
R.B: Die komplizierte Bürokratie ist gleich, auch die landwirtschaftliche Politik ist ähnlich. Es gibt zu viele Massnahmen, die wenig Wirkung haben.

S.B: Was ist in Frankreich besser?
R.B: Die Europäische Union ist viel transparenter. Beispielsweise sind Informationen zu den ausbezahlten Direktzahlungen frei zugänglich. Alle können jederzeit auf dem Internet nachschauen, wer wie viel Direktzahlungen erhält. Hier in der Schweiz gibt es viel Geheimniskrämerei. Frankreich hat auch eine perfekte Bodenpolitik. Der Kauf von Agrarboden ist in Frankreich staatlich reguliert. Jeder verkaufte Parzelle muss öffentlich publiziert werden, und jeder kann sich bewerben. Gibt es mehrere Bewerber, entscheidet eine staatliche Kommission nach vernünftigen Kriterien. In Frankreich gibt es vier Bauernverbände, politisch von rechts bis links. Die Delegierten werden mittels Urnenwahlen demokratisch gewählt, anders als in der Schweiz. Auch die Lebensqualität als Bauer ist in Frankreich besser. Zurzeit gehören wir mit unseren 70 ha zu den mittelgrossen Bauernbetrieben der Region und geniesse die Weite. Wenn ich in Genf über die Grenze fahre, habe ich jedes Mal das Gefühl, dass ich die Enge der Schweiz hinter mir lasse. Beim Zurückkommen sehe ich, dass die Schweiz immer mehr verbaut wird. Die schönste Agrarfläche im Mittelland wird noch stärker von Gewerbe- und Dienstleistungsbetrieben beansprucht. Das ist ein Stich ins Herz jedes Bauers.

S.B: Welche Vorteile haben Schweizer Produzenten?
Höhere Direktzahlungen, aber natürlich auch höhere Kosten. Landpreise sind in der Schweiz viel höher. Ich habe in Frankreich 5’000 Euro für eine Hektare bezahlt, in der Schweiz kostet sie rund 100’000 Franken. Ohne elterlichen Betrieb oder Millionenvermögen ist es in der Schweiz unmöglich, Bauer zu werden. In Frankreich sorgt der Staat dafür, dass Bauernhöfe auch an Junglandwirte gehen, die nicht aus der Landwirtschaft kommen. Wegen der Kleinräumigkeit der Schweiz sind die Nebenerwerbsmöglichkeiten allerdings in der Schweiz leichter zugänglich.

S.B Wie könnte die Situation der Schweizer Landwirtschaft verbessert werden?
R.B: Ich bleibe bei meiner früheren Meinung: mit der Initiative der Kleinbauervereinigung. Das Direktzahlungssystem sollte grundsätzlich vereinfacht werden. Nur ökologische Direktzahlungen sind gerechtfertigt und sie müssen auf eine maximale Höhe pro Betrieb limitiert werden werden. Dazu braucht es Einkommens- und Vermögensgrenzen bei der Gewährung von staatlichen Zuschüssen. Das andere wäre eine Bodenpolitik, die diesen Namen verdient. Es sollte nicht möglich sein, derart hohe Gewinne mit Umzonung zu machen. In der EU läuft der gängige Pachtvertrag mindestens 18 Jahre.

S.R: Wie könnte die Agrarpolitik die Landwirtschaft besser fördern?
R.B: Die Schweiz ist in einer EU-politischen Sackgasse, wir haben den Beitritt verpasst. Die Schweiz kann nicht mitbestimmen nur noch nachvollziehen und allenfalls zahlen. Die EU entwickelt sich weiter und die Schweiz hat ihren früheren Vorsprung im Biolandbau und bei den Solardächern längst eingebüsst.
S.B: Was sollte die Schweizer Agrarpolitik von der EU übernehmen?
R.B: Eigentlich alles. Der Freihandelsabkommen mit der EU ist keine Lösung, vielleicht ist es ein erster Schritt zum längst fälligen EU-Beitritt. Die Schweiz sollte der EU beitreten, ihr Regierungssystem reformieren und die wertvollen direktdemokratischen Elemente in Europa einbringen.

S.B Fühlen Sie sich in Frankreich integriert?
R.B: Ja, sehr. Alle sind zuvorkommend und freundlich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in der Schweiz ein Auslandbauer gleich willkommen wäre. Ich erlebe die Leute als wahnsinnig positiv. Das Dorffest in unserer kleinen Gemeinde mit 60 Einwohnern versammelt jeweils 150 Leute. Wir essen und trinken zusammen an grossen Tischen unter freiem Himmel, wie bei Asterix und Obelix.

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