AUSWANDERERBLOG

Der französische Rentensalat

Posted in Politik by ruedibaumann on Januar 1, 2020

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Ich muss zugeben, so richtig begriffen habe ich das französische Rentensystem noch nicht, obschon ich jetzt seit zwanzig Jahren irgendwie daran beteiligt bin. Es ist kompliziert, aber darum wird ja nicht gestreikt. Es gibt in Frankreich 42 verschiedene Branchenlösungen, also quasi ein Rentensystem für jeden einzelnen Beruf.

Als «agriculteur» bin ich Mitglied bei der MSA (Mutualité Sociale Agricole) und bezahle da meine Beiträge für die Altersrente wie für die Krankenversicherung. Diese Beiträge sind verglichen mit der Schweiz sehr moderat: 328 €uros insgesamt pro Monat. Kein Wunder, dass die daraus resultierende Altersrente nach 40 Beitragsjahren sehr bescheiden ausfallen wird: rund 700 €uros pro Monat. Heute nach rund 20 Beitragsjahren würde ich 200 €/Monat erhalten, wenn ich in Rente ginge…. Darum habe ich mich entschlossen, mich erst mit 95 pensionieren zu lassen….

So wie für die Bauern gibt es noch 41 andere «régimes», also Rentensysteme je nach Branche. Wie die im einzelnen funktionieren weiss ich allerdings auch nicht. Ob es sich jeweils um Umlageverfahren wie bei unserer guten schweizer AHV handelt, oder ob es um Kapitalisierung wie in der beruflichen Vorsorge in der Schweiz geht, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber ich glaube das geht den meisten Compatriotes so.

Im Zusammenhang mit dem nun bald einen Monat andauernden Streik ist vor allem vom Rentenalter die Rede: TänzerInnen könnten mit 42 in Rente gehen, «Cheminots» (Bähnler) mit 52 oder 55 usw.

Allgemein spricht man von einem Rentenalter 62 oder von 40 Beitragsjahren, wobei auch der «pénibilité» (Beschwerlichkeit der Arbeit) Rechnung getragen werden soll.

Offenbar fürchten wichtige Berufskategorien wie Beamte, Personal aus dem Gesundheitswesen, LehrerInnen usw. um gewisse Privilegien bei einer Vereinheitlichung des Rentensystems. Allerdings ist zumindest für mich auch völlig unklar, wie hoch die einzelnen Renten künftig ausfallen werden, welche Alterskategorien betroffen sind und wie der Ausgleich zwischen Männern und Frauen und zwischen hohen und tiefen Beitragszahlern geschieht.

Macron hat sich mit dem Versprechen, das Rentensystem in Frankreich zu reformieren sehr viel vorgenommen. Ich kann nur hoffen, dass es ihm gelingt! Seine Neujahrsansprache gestern abend war dazu ein Balanceakt auf hohem Niveau und hohem Seil!

Die Diskussionen in der Schweiz um die Finanzierung der AHV und der beruflichen Vorsorge sind vergleichsweise Nichtigkeiten. Insbesondere mit der AHV haben unsere VorgängerInnen ein Sozialwerk geschaffen, das nicht hoch genug eingeschätzt werden kann! Obschon Frankreich ein Sozialstaat ist und in vielen Belangen der Schweiz weit überlegen: in Sachen AHV könnte Frankreich viel von der Schweiz lernen!

 

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