Am Schneidetisch mit Simon Baumann
«Zum Beispiel Suberg» (IV)
Am Schneidetisch mit Simon Baumann
M-Kulturprozent-Magazin, 7. März 2012, Simon Spiegel
Filmemacher lassen sich nur ungern bei der Arbeit über die Schulter schauen. Simon Baumann, der Gewinner des ersten CH-Dokfilm-Wettbewerbs des Migros-Kulturprozent, macht eine Ausnahme. Er gewährt uns einen exklusiven Blick auf einen Rohschnitt seines Films «Zum Beispiel Suberg».
Für einen kurzen Moment sind alle Beteiligten nervös. Simon Baumann hat sich entschieden, einen Rohschnitt seines Films «Zum Beispiel Suberg» vorzuführen – die ersten 20 Minuten. Es sei noch nichts fertig, betont er, und der alte Plasma-Fernseher, auf dem er den Film zeige, gebe die Farben nicht korrekt wieder. Ich beruhige ihn und seine Cutterin Katharina Bhend: Ich hätte Erfahrung mit Rohschnitten und glaube zu wissen, wie schnell man sich als Zuschauer vom nur scheinbar Fertigen in die Irre führen lässt. Dennoch: Auf einmal fühle ich die Last der Verantwortung. Was, wenn mir das Gezeigte nicht gefällt?
Ich mache es mir im Sessel bequem, neben mir sitzt Simon Baumanns Freundin Kathrin Gschwend, die sich die Sequenz ebenfalls zum ersten Mal anschaut. Auf dem Bildschirm ist eine Landstrasse im Nebel zu sehen, auf der die Kamera langsam entlangfährt; hinein in die endlose graue Wand, die stets zurückzuweichen scheint. Baumanns Stimme erklingt: «Mi Grossvater isch mit 55gi gschtorbe. Am Morge vom 15. Oktober 1975 het är zwöi Fueder Rüebe i d Zuckerfabrigg Aarberg gfüehrt. Uf em Rückwäg het er uf em fahrende Traktor ä Hirnschlag gha. D Zit het no glängt dr Gang use znä und zbrämse. Wo mene gfunge het isch dr Motor no gloffe.» Mit einem Schlag sind meine Zweifel verflogen. Es gibt Filme, die bereits in der ersten Einstellung präzise eine ganz eigene Atmosphäre, eine unverwechselbare Tonlage etablieren. «Zum Beispiel Suberg» gehört dazu. Vor gut anderthalb Jahren habe ich Baumann zum ersten Mal in Suberg besucht. Es war ein nassgrauer Herbsttag, das Dorf wirkte dumpf und leblos. Genau diese Stimmung beschwört der Auftakt des Films nun herauf. Genau so fühlt sich Suberg an.
Der meistgehasste Kleinbauer der Schweiz
Seit knapp anderthalb Jahren arbeitet Baumann an seinem Film über das kleine Nest im Kanton Bern, in dem er geboren wurde, wo er seine Kindheit und Jugend verbracht hat und mittlerweile wieder lebt. Sein Projekt hat den ersten CH-Dokfilm-Wettbewerb des Migros-Kulturprozent gewonnen; wenn alles nach Plan läuft, wird der Film im Januar 2013 an den Solothurner Filmtagen Premiere feiern. Die vorgeführte Sequenz, der Anfang des Films, erzählt von Baumanns schwierigem Verhältnis zum ehemaligen Bauerndorf, dessen Bewohner er während Jahren vorsätzlich ignoriert hat. Von seinem 1975 verstorbenen Grossvater, der noch fest ins Dorfleben integriert war. Und von seinem Vater Ruedi Baumann, dem früheren Präsidenten der Grünen, der auch schon als meistgehasster Kleinbauer der Schweiz bezeichnet wurde. Heute lebt Vater Baumann als Biobauer in Frankreich, vergessen hat man ihn in Suberg deswegen aber nicht. Das kriegt sein Sohn immer wieder zu spüren: Am Ende des Rohschnitts ist Simon Baumann zu sehen, wie er von Haus zu Haus geht, um sich vorzustellen. Immer wieder wird er auf seinen Vater angesprochen, nie ist der Tonfall freundlich. Ein Suberger, der offenbar besonders schlecht auf den «Bume Ruedi» zu sprechen ist, droht ihm vor laufender Kamera Prügel an.
Beim gemeinsamen Mittagessen ist die Stimmung gelöst. Ein allzu detailliertes Feedback erwartet man nicht von mir. «Es ist bereits hilfreich, den Film einfach mit jemandem zu schauen, der ihn noch nicht kennt. Schon Körperhaltung und Mimik sagen viel darüber aus, ob etwas funktioniert», erklärt Katharina Bhend. Für die junge Cutterin ist es das zweite Projekt mit Baumann. Ihre erste Zusammenarbeit, der Film «Image Problem», kommt im Oktober ins Kino. Für Baumann ist Bhends Mitarbeit essenziell: «Ich bin in dem Film so präsent, da braucht es unbedingt jemanden Aussenstehenden, der mir sagt, wo ich mich zurücknehmen soll und wo nicht.» Für ihn wirke es oft peinlich, wenn er vor der Kamera agiere. Auch mit dem Off-Kommentar habe er schon intensiv gerungen: «Ich habe ja überhaupt keine Erfahrung als Sprecher und musste viel ausprobieren. Was sage ich, wie sage ich es?» Das vorläufige Ergebnis ist ein knapper und lakonischer Kommentar, vorgetragen mit einer Stimme, die deutlich tiefer klingt als Baumanns normale Intonation, aber zur Stimmung des Gezeigten passt.
Dem Material folgen
Am Nachmittag sichten und sortieren Baumann und Bhend Rohmaterial. Ein längeres Gespräch mit einem alten Viehhändler, das Baumann vor neun Monaten gedreht hat. Die ungeschnittenen Einstellungen werden grob zerlegt und geordnet. «Das gehört zum Thema Zusammenleben», bemerkt Baumann, und schon versieht Bhend den Clip mit einem entsprechenden Marker – Dokumentarfilme entstehen am Schneidetisch. Zwar hat Baumann für «Zum Beispiel Suberg» viel konzeptionelle Vorarbeit geleistet und eine detaillierte Struktur entwickelt, beim Drehen kommt aber vieles anders. «Ursprünglich sollte der Ablauf der vier Jahreszeiten dem Ganzen einen Bogen geben, davon ist nichts übrig geblieben.» Man muss sich vom Material leiten lassen, doch ohne klaren Fokus geht es nicht. Gerade legt der 88-jährige Viehhändler seine Ansichten zum Thema Atomenergie dar. Und ich stelle überrascht fest: Auch in Suberg hat man die Notwendigkeit eines Ausstiegs erkannt. «Da hat es tolle Aussagen drin», meint Baumann, «mit dem Film hat das aber leider nichts zu tun.»
Rund zwei Drittel seines Dokumentarfilms hat Baumann abgedreht. Der gezeigte Rohschnitt fliesst bereits sehr schön und etabliert die etwas surreale Stimmung dieses Dorfes, in dem es inzwischen keinen bedienten Bahnschalter, keine Poststation und nicht einmal mehr einen Laden gibt. «Was wir heute gesehen haben, ist die Exposition. Nun muss die eigentliche Geschichte beginnen», sagt Baumann. Konkret: sein Versuch, sich ins Dorfleben zu integrieren, indem er Mitglied des Männerchors wird, dem letzten funktionierenden Verein in Suberg. Auch dafür hat er schon einiges an Material gedreht. Was noch fehlt, ist das Ende. Wie dieses aussehen wird, weiss er allerdings noch nicht. Bis zur Premiere bleibt also noch einiges zu tun, doch der Schulterblick auf seine Arbeit stimmt zuversichtlich, dass Simon Baumann das passende Ende noch finden wird.
Dieser Beitrag ist Teil einr Serie über die Entstehung von «Zum Beispiel Suberg». Bisher sind in diesem Blog diese Beiträge erschienen.
Eddies Bastard
Klappentext
Alles begann mit einem Körbchen vor der Tür eines großen zerfallenen Farmhauses. In diesem Korb, eingehüllt in eine Decke, lag ein schlafendes Baby. Das Einzige, was auf seine Herkunft hindeutete, war ein Zettel mit den handgeschriebenen Worten: Eddies Bastard. Als der alte, verbitterte Mann auf der Schwelle seines Hauses dem Kind in die Augen blickt, weiß er sofort, dass dies sein Enkelsohn ist. Also beschließt er, den Jungen allein aufzuziehen – mit Liebe, gebratener Mortadella und den faszinierenden Geschichten der einstmals bedeutenden irischstämmigen Familie.
William Kowalski hat den Roman „Eddies Bastard“ geschrieben, er ist ein junger amerikanischer Autor und wird schon mit John Irving verglichen (Garp und wie er die Welt sah).
„Nur sehr wenige Schriftsteller sind dazu befähigt Familiengeschichten zu entwickeln, die mit lässiger Fabulierfreude und Gelassenheit den Leser durch die größten Katastrophen seiner Charaktere führen. William Kowalski gehört zu ihnen.“
Ich bin beeindruckt, fasziniert und werde mehr von Kowalski lesen, tun sie es auch!
Jägersonntag
Die Jagdsaison geht nächsten Mittwoch zu Ende. Letzte Gelegenheit für die Société de chasse de Traversères ein Sanglier aufzustöbern…
Alles über Wildschweine in diesem Blog.
Rehwild zerlegen
Pierre Pau hat uns ein halbes Reh und einige Kilogramm Wildschweinbraten gebracht.
Die Vegetarier unter Ihnen mögen mir verzeihen, aber nach hiesigem Brauch erhalten wir von der Société de chasse regelmässig einen Teil des Wildbrets, das auf unserem Gelände erlegt wird.
Inzwischen haben wir gelernt, die Tiere mehr oder weniger fachgerecht zu zerlegen. Anleitungen dazu gibt es übrigens auch auf diversen Internetforen.
Übrigens: seit einer Woche haben wir wegen den schwierigen winterlichen Strassenverhältnissen keine Postzustellung mehr. Zum Glück sind wir in Vielem Selbstversorger und es gibt immer noch ein mehr oder weniger funktionierendes Internet!
Schwedische Literatur
Ich bin begeistert vom Romanerstling von Jonas Jonasson: „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“
Erstaunlich was sich der verrückte Autor alles an weltgeschichtlichen Skurilitäten einfallen läss! Freuen Sie sich auf vergnügliche Stunden!
Leseprobe:
Lieber abhauen, solange noch Zeit ist, dachte Allan, und kletterte mit knacksenden Kniegelenken aus der Rabatte. Der Hundertjährige schlich sich also davon, erst durch den Park, dann über einen offenen Platz, er überquerte den Friedhof in südlicher Richtung, bis ihm ein Steinwall den Weg versperrte. Dieser war kaum mehr als einen Meter hoch, aber Allan war ein Hundertjähriger und kein Hochspringer. Auf der anderen Seite wartete jedoch das Reisezentrum.
Ganz anders aber nicht minder eindrücklich ist der autobiografische Roman von Asa Linderborg „Ich gehöre keinem“.
Eine eigentliche Liebeserklärung der Tochter an an ihren alleinerziehenden, alkoholkranken Vater. Der pflichtbewusste Stahlarbeiter aus der schwedischen Provinz kämpft sich durchs Leben.
Schwedischer Bestseller!
Der Mann der durch das Jahrhundert fiel
„Worpswas? – Worpswede! Moritz Rinke legt ein furioses Romandebüt vor. Stammt das angebissene Stück Butterkuchen im Tiefkühlschrank tatsächlich von Willy Brandt? Kann ein toter Onkel noch ein Kind zeugen? Wurde die schöne Kommunistin Marie von der Gestapo abgeholt oder von der eigenen Familie im Teufelsmoor vergraben? Und wie werden die Seelen der Menschen aufbewahrt?
Ausgerechnet als Paul Wendland in Berlin mit seinem Leben und seinen kuriosen Kunstprojekten in die Zukunft starten will, holt ihn die Vergangenheit ein. In Worpswede drohen das geschichtsträchtige Haus seines Großvaters und sein Erbe im Moor zu versinken – samt lebensgroßen Bronzestatuen von Luther über Bismarck bis zu Max Schmeling und Ringo Starr.
Die Reise zurück an den Ort der Kindheit zwischen mörderischem Teufelsmoor, norddeutschem Butterkuchen und traditionsumwitterter Künstlerkolonie nimmt eine verhängnisvolle Wendung. Vergessen geglaubte Familienfragen, aus dem Moor steigende historische Gestalten und die skurrile Begegnung mit einem mysteriösen Vergangenheitsforscher spülen ein ungeheuerliches Geflecht an Lügen und Geheimnissen aus einem ganzen Jahrhundert an die Oberfläche.
Moritz Rinke rührt sanft, aber vollkommen anarchisch und mit einer umwerfenden Tragikomik an die Lebensmotive, die Geschlechter-, Generations- und Identitätskonflikte seiner Figuren und ihre seelischen Abgründe. Er erzählt vom Künstlerleben, von Ruhm, Verführung und Vergänglichkeit und von einem Dorf im Norden, das berühmt ist für seinen Himmel und das flache Land – und überzeugt als raffinierter Komponist einer überschäumenden, irrwitzigen Realität in diesem furiosen Romandebüt.“ (Kurzbeschrieb)
Ein einzigartiges Lesevergnügen für alle alt 68er, für Geschichtsintressierte, für Lebenskünstler und für Phantasten aller Art! Unbedingt lesen!
Solothurner Filmtage
Aus dem Berner Filmschaffen:
Messies – Ein schönes Chaos
(ganz so schlimm ist es bei mir noch nicht…)
Hier entsteht…
… ein Kino Dokumentarfilm Image Problem. Der Kinostart ist im Herbst 2012 vorgesehen.
Es geht darin, soviel sei verraten, um die…
… Schweiz!
Jacob beschliesst zu lieben
Catalin Dorian Florescu hat für seinen Roman Jacob beschliesst zu lieben den Schweizer Buchpreis gewonnen. Sehr zu Recht wie ich meine.
Er ist ein begnadeter Geschichtenerzähler. Es geht um Auswanderung, um die Suche nach einem eigenen Stück Erde, um Vertreibung, um Krieg und Brutalität, eingewoben in Familiengeschichten. Erzählt in einer archaischen Sprache, tieftraurig, wehmütig. Es geht um europäische Geschichte, sichtbar gemacht in Siedlerdörfern im rumänischen Banat: rumänische, serbische, deutsche, russische, ungarische, französische Geschichte…
Grossartig gemacht! Unbedingt lesen!
Margaret Atwood: ALIAS GRACE
Toronto 1843: Das junge, schöne Dienstmädchen Grace wir mit sechzehn Jahren des Doppelmordes an ihren Arbeitgebern schuldig gesprochen. In letzter Sekunde wandelt das Gericht die Todesstrafe in eine lebenslange Gefängnisstrafe um. Grace verbringt Jahre hinter Gittern…
Alias Grace ist eine fiktive Geschichte, obwohl sie auf der Realität basiert. Die kanadische Meisterautorin Margaret Atwood hat einen raffinierten Geschichtsroman geschrieben, spannend von der ersten bis zur 600sten Seite!
Ein grosses Lesevergnügen!






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