Bauernbub
Ich bin in eine kleine Welt geboren worden und in einer kleinen Welt aufgewachsen. Auf dem Hof Inselmatt, mitten im kleinen Bauerndorf Suberg im Berner Seeland.
Das Dorf gehört zur Gemeinde Grossaffoltern, war aber im Schulwesen und in anderen Bereichen lange Zeit selbständig. Wir Buben und der Vater gingen öfter mal mit Schaufel und Pickel zum Gemeindewerk, um den gemeinsamen Wegunterhalt zu besorgen. Suberg zählte damals etwa 150 Einwohner, fast alles alteingesessene Bauernfamilien und Arbeiter, die sich ein einfaches Häuschen leisten konnten. Es gab ein Kolonialwarenlädeli, eine Milchsammelstelle, eine SBB-Station, eine Dorfwirtschaft, die landwirtschaftliche Genossenschaft, die Düngerfabrik, eine Poststelle und ein schönes Schulhaus aus Backsteinen mit einem Türmchen. Meine Eltern haben immer in diesem Dorf gelebt und natürlich auch die Schule besucht. Beim selben Lehrer, der später auch mich und meinen Bruder Kurt während fünf Jahren in der Gesamtschule unterrichtete. 
Mein Vater ist „auf der Post“ aufgewachsen, einem bäuerlichen Kleinbetrieb, in dem die Familie Baumann während über hundert Jahren im Nebenerwerb auch das Postbüro betrieb. Urgrossvater, Grossvater und später der Bruder meines Vaters waren Posthalter in Suberg. Die pergamentene, abgegriffene Schweizerkarte an der Wand im Postbüro war für mich so etwas wie der Glanz der fernen Welt. Mein Grossvater hiess Rudolf Baumann senior und mein Vater war der Rudolf Baumann junior. So wurde ich zur besseren Unterscheidung trotz meines Taufnahmens Rudolf halt immer Ruedi geschrieben oder auf Berndeutsch ‚Buume Rüedu’ gerufen, auch wenn mir das nicht sonderlich gefiel. 
Die Post liegt in Sichtweite der Inselmatt, wo meine Mutter als Lina Röthlisberger aufwuchs, wo mein Vater eingeheiratet hat und wo meine Geschwister und ich geboren wurden. Meinen Urgrossvater, Simon Röthlisberger, habe ich nicht mehr gekannt. Er stammte aus einer Käserfamilie von Langnau und hat in jungen Jahren den Landwirtschaftsbetrieb in Suberg aufgebaut. Von ihm hat mein Grossvater, Otto Röthlisberger, den wir immer Goffa nannten, die Inselmatt geerbt. Goffa war so etwas wie ein Herrenbauer und mehr Mechaniker als Landwirt. Schon in den dreissiger Jahren besass er ein Auto und weit und breit den ersten Hürlimann-Traktor.
Mein Vater hingegen war Bauer mit Leib und Seele. Er war streng und bestimmt, selber sehr arbeitsam, mit uns Kindern immer fröhlich, und man fühlte, dass er die Arbeit in Feld und Stall liebte. Er war hochgeachtet als Ortspräsident, als Feuerwehrkommandant und als Präsident der Musikgesellschaft.
Bei meinem Vater haben wir früh gelernt, hart zu arbeiten, auch mal auf die Zähne zu beissen, wenn der Rücken beim Kartoffelsetzen schmerzte oder wenn uns beim Aufstellen der Getreidegarben die Gluren stachen. Meine Eltern waren lange Jahre Pächter auf dem Inselmatthof. Erst mit dem Tod von Grossvater Röthlisberger, viel zu spät, ging der Hof in den Besitz der Eltern über.
Meine Mutter führte den grossen Haushalt, war für die Verpflegung der Grossfamilie zuständig, half in der Milchsammelstelle mit und betreute noch den Hühner- und Schweinestall, den Garten und Pflanzplätz. Die Arbeitsteilung war sehr traditionell, mein Bruder und ich halfen früh in Feld und Stall mit, aber nicht im Haushalt. Für die Küche waren meine Mutter, früher noch die Grossmutter und die Jumpfer Sophie, später meine Schwester zuständig.
Erinnerungen
Vor bald zehn Jahren habe ich unter dem Titel „Bauernland“ ein Büchlein über mein Leben veröffentlicht. Inzwischen ist die bei Nagel und Kimche erschienene Autobiografie vergriffen.
Ich werde daher künftig in loser Folge einzelne Kapitel aus „Bauernland“ hier posten, und weil das hier viel einfacher ist, auch mit Bildern der Zeit illustrieren.
Schliesslich hat das frühere Bauerndorf Suberg im Bernischen Seeland durch den preisgekrönten Film „Zum Beispiel Suberg“ in der Zwischenzeit so etwas wie nationale Bekanntheit erlangt.
Vorwort
Seit dreissig Jahren führe ich eine Art Tagebuch, meistens nur
in Stichworten und ergänzt mit vielen technischen Details aus meiner täglichen Arbeit als Bauer.Aus diesen Aufzeichnungen habe ichdie folgende Erzählung eines Lebens erstellt und ihnen einige Kapitel aus meiner Jugendzeit vorangestellt. Die biographischen Stationen sind wie die jedes Lebens eingebettet in größere Zusammenhänge und Ereignisse. Mitte des letzten Jahrhunderts, nach der Lebensmittelknappheit und der darauf folgenden Anbauschlacht während dem zweiten Weltkrieg, wurde die Ernährungssicherung zum Obersten Ziel im Landwirtschaftsgesetz. Noch in den 60er Jahren ermunterte Bundesrat Schaffner die Bauern zur hemmungslosen Produktion, für den Absatz werde der Bund sorgen. Der Bauer wurde zum Produzenten. Mit der Mechanisierung und hoffremden Hilfsstoffen stiegen die Erträge rasch und deckten bald den Bedarf für die angestrebte Selbstversorgung. Schon entstanden unverkäufliche Überschüsse, die Milchseen und Butterberge wuchsen und zwangen den Bund zu planwirtschaftlichen Markteingriffen, wie die einzelbetriebliche Milchkontingentierung. Für bäuerliche Kleinbetriebe begann der Kampf ums Überleben. Nach einem Vierteljahrhundert Wachstum zeigten sich die ersten Umweltschäden: ausgeräumte Landschaften, verschmutzte Grundwasser und Rückstände in den Lebensmitteln. In den 90er Jahren musste die Chemisierung der Agrarproduktion gesetzlich gebremst werden. An Stelle der produktionsfördernden Subventionen traten ökologische Direktzahlungen. Gleichzeitig führt die Globalisierung und Liberalisierung des Welthandels zu einem Preiszerfall für landwirtschaftliche Produkte.
Die Landwirtschaft in der Schweiz hat im Verlauf von nur einer Generation stärkere strukturelle Änderungen mitmachen müssen als in den paar hundert Jahren zuvor. Bauer und Politiker zu sein hat in der Schweiz bis heute zugleich etwas Respektables und Anrüchiges. Respektabel, weil die Schweiz sich immer schon als Bauernland versteht und traditionell große Stücke auf ihre Landwirtschaft hält. Anrüchig, weil den Bauern nachgesagt wird, in sturer Ackerverbundenheit nur ihre eigenen Interessen zu verfolgen, blind zu sein für den Fortschritt und sich um die großen Zusammenhänge nicht zu kümmern. Beides ist eine verkürzte und unzureichende Einschätzung und darum falsch. Mein Buch soll als Erzählung eines exemplarischen Lebens einen wenn auch kleinen Beitrag der Aufklärung dazu leisten.Ich sehe meinen Rückblick
vor allem als kleines Zeitdokument, als Schilderung der täglichen Bauernarbeitin einer bestimmten Zeit, und meine Arbeit als Politiker erlaubt es mir, dieses Bauernleben in einige Verbindungen einzubetten, die seine Hintergründe beleuchten. Die Entwicklung der Landwirtschaft habe ich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mitverfolgen können: als Bauernbub, Lehrling, Agronom, Landwirtschaftsbeamter, Politiker und als selbständiger Landwirt in der Schweiz und nun in Frankreich. Es ist nicht ein hervorragendes Leben, das ich hier erzählen möchte, wohl aber ein typisch untypisches. Und als solches im Zusammenhang der dazu gehörenden Veränderungen in der Schweiz eine Betrachtung wert.
Gartenarbeit
Draussen wird vorläufig nur geerntet: Wintersalat und Fenchel, der in diesem milden Winter ungeschützt überlebt hat.
In der Küche jedoch ist die Aussaat bereits voll im Gange.
Tomaten, Physalis und Kohlrabi sind gesät.
Nächstens kommen Sellerie, Krautstiele, Zucchetti und Melonen in die Töpfe.

Chalberei
Wir sind wieder mal als Betriebshelfer in der Schweiz. Ferienablösung in der Stallarbeit.
Und schon haben wir erfolgreich gekalbert.
Die Mutterkuh ist Ausländerin (Angus) und auch der Vater-Muni ist Ausländer (Aubrac-Stier).
Das Kuhkälblein ist wohlauf.
Mehr Sorgen bereitet zur Zeit das Resultat der Abschottungsinitiative! Das Schweizervolk ist drauf und dran eine schändliche Chalberei zu beschliessen!
«Wir verhandeln nicht über Freiheiten», erklärte der Sprecher der EU. «Die Freizügigkeit gilt entweder absolut oder gar nicht.»
Eigentlich waren wir in der Schweiz doch bisher stolz auf unsere Freiheiten. Jetzt beschränken wir als Einzige in Europa die Niederlassungsfreiheit. Als Erste gratuliert Marie Le Pen, Führerin des rechtsextremen Front National….
Winterspaziergang
Es ist ein milder Winter im Südwesten. Der Boden war noch nie gefroren, geschneit hat es noch nie. Aber es ist nass. Die Niederschlagsmenge erreichte teilweise Rekordwerte.
Feldarbeiten sind so nicht möglich. Zeit für einen Spaziergang rund um Haus und Hof.
Landschaftsgärtner
Warum nur um alles in der Welt wollen viele Bauern nicht Landschaftsgärtner sein. Ich jedenfalls bin stolz darauf die Landschaft in der Gascogne mitzugestalten…
Wer beneidet mich nicht um meinen grandiosen Arbeitsplatz?
Vor 50 Jahren: Das grosse Bauernsterben
1963 gab es in der Schweiz noch 160 000 Bauernbetriebe.
Jetzt existieren nur noch gerade ein Drittel davon und immer noch machen zwei Höfe pro Tag die Stalltüre für immer zu.
Das müsste nicht sein.
Eine etwas intelligentere Agrarpolitik würde Bauern und Bäuerinnen, Konsumenten und Konsumentinnen, Umwelt und Tieren weiterhelfen ohne die Steuerzahler zusätzlich zu belasten.























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