AUSWANDERERBLOG

„Wie heisst das gefragteste Gen?“

Posted in Literatur by ruedibaumann on Mai 17, 2015

Die Literaturtage am Freitag im RBS-Bahnhof Bern. Das Büchertram Buchowski fährt mit dem blauen Bähnli nach Solothurn und zurück. Unter den ersten Gästen: die Herren Sterchi, Mezger und Baumann.

Von Alexander Suri (Der Bund vom 14. Mai 2015)

Alles ist aus Holz in diesem Literatur­mobil: die Tische, die Bänke und die Decke, auf den Gepäckablagen hat es Bücher und Zeitschriften. Rustikal gemütlich ist es drinnen, während draussen garstiges Wetter herrscht und die Fensterscheiben beschlagen sind, als ob über Nacht im ­Mittelland der November ausgebrochen wäre. Wir sind auf dem Weg nach Solothurn, an die Literaturtage.

Aber Moment, da stimmt doch etwas mit der Streckenführung nicht. Gerade ­erzählt der Schriftsteller Daniel Mezger, in der Ecke des vorderen Kabinen­waggons sitzend, von den Schwierigkeiten einer Familie, die aus der Stadt aufs Land gezogen ist und im Gasthof Hirschen ziemlich vergeblich Anschluss sucht. Und just in dem Moment geht der Blick hinaus und bleibt beim Stationsschild «Papiermühle» hängen. Hat da jemand im blauen Bähnli den Anschluss verloren und fährt wie ein altes Ross mit Stalldrang auf dem Holzweg in Richtung Worb?

Prompt kommt sie, die Durchsage: Leider habe sich ds Bähnli «verfahren», eine eisenbahntechnische «Spitzkehre» sei unumgänglich. Nach 74 Jahren im Jahr 1987 aus dem Dienst entlassen, steht der frisch renovierte Personentriebwagen Be 4/4 36 mittlerweile für Extrafahren zur Verfügung. Am Bahnhof Ittigen stossen die Passagiere mit einem Glas Weisswein, wahlweise darf es auch Wasser sein, auf diese inszenierte Irrfahrt an. Das überaus zuvorkommende Kabinenpersonal lächelt dazu verschmitzt. Und schon setzt sich das «Büchertram» in die entgegengesetzte Richtung wieder in Bewegung. Der Seeländer Dokumentarfilmer Simon Baumann, der mit Mezger im Doppel über das Wesen des Mittellandes sinniert, nimmt den Faden auf und berichtet seinerseits davon, dass er für seinen filmischen Selbstintegrationsversuch «Zum Beispiel Suberg» vor vier Jahren dem Männerchor seines Seeländer Heimatdorfs beitrat. Nach den Proben traf man sich jeweils in einem echten Hirschen zum gemütlichen Teil. «Nach einiger Zeit habe ich herausgefunden», sagt Baumann, «dass man über Politik und Religion nicht sprechen sollte, geeignet sind die aktuellen Baustellen in der Region und natürlich der Sport.» Während er aus einem Text mit dem Titel «Das Dorf muss leben» liest, hat ausgerechnet das Shoppyland Schönbühl einen Kurzauftritt.

Salat im Konfitüreglas!

Organisiert werden die Fahrten an die ­Solothurner Literaturtage über das Auffahrtswochenende vom Verein Buchowski, der seit drei Jahren der Literatur in Bern ein besonderes Zuhause schaffen will und schon 2012 auf Berns Schienen unterwegs war. Ein denkwürdiges gastronomisches Vergnügen bildet der Zwischenhalt in Fraubrunnen. Zwei weisse Bartische werden auf dem Perron 1 unter dem Dach aufgestellt, es gib Aufschnitt, Brot Käse und Kuchen.

Nicht eingeweihte Passanten staunen ob dieser kulinarischen Veranstaltung und mögen sich fragen, ob die RBS nun auch alternative Hochzeitsapéros anbietet für bahnaffine Zeitgenossen. Wer will, kann ein leeres Konfitüreglas mit Salatingredienzien vom Buffet zusammenstellen, Sauce darübergiessen, Deckel schliessen und schütteln. Mindestens so durchdacht wie diese pragmatisch-poetische Salatzubereitung sind die Interventionen des Berner Autors Beat Sterchi, der im anderen Teil des Waggons – so will es uns zumindest scheinen – exakt beim Passieren der Kantonsgrenze nach Solothurn von Mundart-Agglo-Geschichten über eskalierende Nachbarschafts­streitereien zu hochdeutschen Kalauern mit nicht zu unterschätzendem Tiefsinnpotenzial wechselt. So fragt er nach einem Schluck Weisswein vergnügt: «Wie heisst das ­gefragteste Gen?» Und antwortet gleich selber: «Das Fragen».

Als das blaue Bähnli sanft in die letzte Rechtskurve einbiegt, beendet Sterchi seinen Auftritt in katholischen Landen mit dem Bekenntnis «Die Messe war schön». Solothurn erreichen wir mit 30 Minuten Rückstand auf den Fahrplan. Noch nie war uns eine Verspätung so willkommen. Noch Fragen? Diese literarische Bahnreise ist eine Messe wert.

Literarischer Fahrplan unter: http://www.buchowski.ch (Der Bund)

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