Zum Tod von Fred Haenssler
„Am 22. März 2008 ist Fred Haenssler im 80. Altersjahr nach schwerer Krankheit gestorben. Als langjähriger Mitinhaber des Feusi-Bildungszentrums war Fred Haenssler in breiten Kreisen als ausgewiesener Bildungsfachmann bekannt. Als frisch promovierter Historiker gründete er im Jahre 1958 das Berner Abendgymnasium, das jungen Berufsleuten ermöglichen sollte, über den zweiten Bildungsweg zu einem Universitätsstudium zu gelangen. Seither haben mehrere tausend Personen diesen Weg beschritten. Fred Haenssler hat aber nicht nur im Gymnasialbereich Neues geschaffen. Er war auch massgeblich an der Entwicklung von Schulen im Gesundheitswesen beteiligt. So ist unter seiner Ägide am Feusi-Bildungszentrum die Dentalhygieneschule oder die Physiotherapieschule entstanden. Einen wesentlichen Anteil hatte er auch an der Gründung der Privaten Hochschule Wirtschaft. Der Verstorbene engagierte sich während Jahren im Verband Schweizerischer Privatschulen, den er während langer Zeit präsidierte. Er war kein Gegner der Staatsschule, plädierte aber für das Nebeneinander von staatlichen Schulen und solchen mit privaten Trägerschaften. Nach seinem Ausscheiden aus dem Feusi-Bildungszentrum im Jahre 2000 übte er verschiedene Berater- und Projektleitungsmandate aus. So leitete er das nationale Projekt «Reform der Grundbildung im Detailhandel», das 2005 erfolgreich abgeschlossen wurde.
Fred Haenssler bleibt für viele ein grosses Vorbild. Einerseits war er ein unermüdlicher, fordernder, kreativer Leader, dessen Optimismus sich auf andere übertrug. Er hatte aber auch stets Verständnis für Menschen in schwierigen Situationen und suchte nach Lösungen, diesen auch auf unkonventionelle Weise zu helfen. Nicht selten ist es vorgekommen, dass er und seine Frau Verena junge Menschen bei sich in der Familie aufnahmen, wenn es die Lage erforderte. Als Mitbegründer des Jungen Bern war er in den 1960er-Jahren Mitglied des Berner Stadtparlamentes. Er blieb sein Leben lang ein Homo politicus, auch wenn er sich parteipolitisch nicht einbinden liess. Massgebend in all seinem Tun waren nicht unreflektierte Parolen, sondern stets sein innerer Imperativ. Dabei war er sich seiner eigenen Widersprüche und Grenzen durchaus bewusst. Dies war es wohl auch, was ihm bei seinen Mitmenschen so viel Sympathie, Zuneigung und Achtung verschaffte.“
Elisabeth Zillig (aus „Der Bund“ vom 3. April 2008)
Für mich, für meinen Bruder, und im Laufe der Jahre für hunderte von anderen Primarschülern vom Lande war der Feusi Abendgymer in den 60er-Jahren die einzige Möglichkeit, nach der Berufslehre doch noch den Zugang zur Universität oder ETH zu schaffen. Fred Haensler hat mir als Lehrer und Motivator Türen geöffnet, die ohne ihn immer verschlossen geblieben wären. Ich bin ihm und seinem Team zu grossem Dank verpflichtet.
„Von meinem Bruder erfuhr ich, dass es in Bern so etwas wie ein privates Abendgymnasium für Berufstätige gab. Ich schrieb mich in den folgenden zwei Jahren an der Privatschule Feusi ein und büffelte Tag und Nacht, um die Matur nachzuholen.
Ich beneidete damals die ordentlichen Gymeler sehr um ihre kostenlose, jahrelange gemütliche Ausbildung. Ich war in meinem ersten Gymnasiumssemester schon so alt wie einige der Studenten an der Uni Bern; und es war sehr ungewiss, ob ich es wirklich je schaffen würde, die Mittelschule abzuschliessen und dann auch noch die Aufnahmeprüfung an der ETH zu bestehen. Ich hatte Angst um meine Zukunft. „Ja, ja, Herr Baumann, die Trauben hängen hoch an der ETH, vielleicht zu hoch für Sie,“ liess mich ein fieser Lehrer immer wieder wissen. Aber ich wollte es allen zeigen. Ich war extrem bildungshungrig und schaufelte eifrig Wissen und Halbwissen in meinen Kopf wie nie zuvor und nie danach. Ich habe die ganze Weltgeschichte, vom Trojanischen Krieg über die Römische Kaiserzeit und die Französische Revolution bis zum Zweiten Weltkrieg, auswendig gelernt und in Kleinschrift in einer Wochenagenda zusammengefasst. Ich büffelte Anthropologie, Biologie und Zoologie. Mit den naturwissenschaftlichen Fächern Mathematik, Physik und Chemie hatte ich gar keine Probleme und konnte schon bald Nachhilfestunden geben in Algebra und Differentialrechnung. Dafür blieb ich in den sprachlichen Fächern immer ungenügend. Stephanie muss noch heute meine Texte korrigieren.
Nach zwei Jahren, nicht nach den üblichen drei, schrieb ich mich, allerdings ohne den Segen der Feusischule, für die ETH Aufnahmeprüfung in Zürich ein. Und ich schaffte es! Wenn auch sehr knapp. In nur zwei Jahren hatte ich mich vom Primarschüler zum ETH-Studenten emporgeschuftet. Ich wusste, dass selbst Albert Einstein die ETH-Aufnahmeprüfung nicht im ersten Anlauf geschafft hatte! Mein Selbstvertrauen nahm exponentiell zu. Ich war glücklich.“
Auszug aus Bauernland, Ruedi Baumann
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